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EIN KLOSTER VERSUNKEN IM SEE

In der Nähe eines stark bewaldeten Berges in der Obersteiermark, unweit Eisenerz, soll vor langen Zeiten ein reiches Kloster gestanden sein. Die Mönche dieses Klosters waren sehr lasterhaft. Sie wurden ermahnt sich zu bessern, aber alle Warnungen waren vergebens. Endlich kam die Stunde der Strafe. In einer finsteren Nacht erhob sich ein fürchterliches Gewitter und das ganze Kloster sank in den Abgrund, der sich vor demselben auftat. Die Stelle des früheren Gotteshauses bedeckt nun ein schwarzer See. Um Mitternacht hören vorübergehende Leute oft ein schreckliches Jammern der Klosterbrüder aus der Tiefe. Einer von den Klosterbrüdern soll bei dieser Gelegenheit abwesend gewesen sein. Als er zurückkehrte und statt des Klosters einen See fand, ging er lange weinend um denselben herum. Da kam schnell ein feuriger Adler aus dem See und zog den Mönch in denselben hinein.

Einst wurde ein Bauer, der neben diesem See vorbeigehen mußte, von wunderlichen Gestalten so angezogen, daß er sich verirrte und in den See fiel. Auf seinen lauten Hilferuf eilten die in der Nähe Wohnenden herbei und retteten ihn. Er erzählte, daß er in dem von Mönchen angefüllten Kloster gewesen, und daß sie leichenblaß mit fürchterlichen Gebärden ihn angeblickt hätten. Auf dem Dach des Hauses sei ein ungeheurer Adler gesessen, dessen Augen Feuer gesprüht und der unaufhörlich mit den Flügeln geflattert habe.

Der See befindet sich noch immer an derselben Stelle und ist unter dem Namen der "Taube See" bekannt.

(Mündlich)

Quelle: Theodor Vernaleken, Alpensagen - Volksüberlieferungen aus der Schweiz, aus Vorarlberg, Kärnten, Steiermark, Salzburg, Ober- und Niederösterreich, Wien 1858