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Die Zauberrosse

Der Ungar liebt die weiten Ebenen seines schönen Vaterlandes, die sich im Frühling mit dem zarten Seidegras bedecken und über denen im Sommer die wolkenlose Bläue des Himmels sich spannt, der dann wie eine Riesenglocke über der Heide hängt, die im heißen Sonnenbrande flimmert und glitzert.

Dann äffen den müden Wanderer die Zauberbilder der Fee Déli-Báb (Fata Morgana) und täuschen ihm blühende Gärten und vieltürmige, blinkende Städte vor. Wenn er diesen Luftspiegelungen nachjagt, kann es sein, daß er nach meilenweiter Wanderung zu einem melancholischen Ziehbrunnen in der Nähe einer einsamen Heideschenke gelangt, aus der die schwermütigen Klänge einer Zigeunerfiedel hervortönen.

Aber viel lustiger ist es noch, auf flinkem, feurigem Rosse über die endlose Puszta zu stürmen und den Hauch der Freiheit in vollen Zügen einzuatmen.

Deshalb ist auch der Csikós, der mutige Pferdehirt, der schon als Knabe die wilden Hengste der Heide mit dem Lasso einfängt und, die Fäuste in die Mähne einkrampfend, sie ohne Sattel und Bügel über die Heide treibt, bis sie todmüde und schaumbedeckt zusammensinken, eine Lieblingsgestalt des Volkes und wird in Liedern und Sagen gefeiert.

Und gern erzählen die Sagen der Magyaren von edlen Rossen, die mit dem Winde an Schnelligkeit wetteiferten, und von mutigen Prinzen, die auf ihnen durch die Welt flogen und übermenschliche Wundertaten vollbrachten.

Ein solches echt ungarisches Volksmärchen will ich euch jetzt erzählen.

In alter Zeit, als Herzog Arpad im Lande herrschte, lebte auch im Innern Ungarns ein Fürst; der hatte drei Töchter und ein Söhnchen. Da er aber nicht sehr reich war und nicht allzuviel Land sein eigen nannte, war der Knabe unglücklich, daß seine Schwestern so lange nicht heirateten, weil er fürchtete, das Erbe des Vaters mit ihnen teilen zu müssen.

Als daher eines schönen Morgens jemand ans Fenster seines Vaterhauses pochte und sagte:

"Öffne mir, ich will dein ältestes Schwesterchen heiraten!"

da war er sogleich bereit und schob sein Schwesterchen zum Fenster hinaus. Es war aber niemand geringerer als der Sonnenkönig, der angepocht hatte, und dieser führte die Schwester sogleich über eine goldene Brücke mitten in die Sonne hinein.

Gegen Mittag klopfte es wieder ans Fenster und eine Stimme ließ sich vernehmen:

"Mache auf, ich will deine zweite Schwester heiraten!"

Wieder schob sie der Knabe hinaus und sie fiel in einen Wagen, den vier schnaubende Rosse zogen und dessen Räder wie Sturm rollten. Es war nämlich der König der Winde, der sie in sein luftiges Reich entführte.

Nun war nur noch das jüngste Schwesterlein im Hause; aber am Abend pochte ein goldener Finger ans Fenster. Als der Knabe öffnete, stand der Mondkönig draußen und ein silbernes Wägelchen nahm die Schwester auf und verschwand mit ihr im Glänze des Mondes.

Nun war der Knabe mit den Eltern allein im Herrenhause und wuchs zu einem schönen und starken Jüngling heran. Da sagte der Vater zu ihm:

"Du hast so mächtige Schwäger, nun mußt du dir auch eine reiche und schöne Prinzessin zur Frau nehmen; geh also in die Welt hinaus und such dir eine solche."

Nun aber ging damals im ganzen Lande die Sage von der schönen, aber grausamen Zauberhelene herum. Diese und keine andere wollte der mutige Jüngling zur Frau. Darüber erschraken die Eltern sehr; weil er aber von seinem Vorhaben nicht abzubringen war, ließ ihn der Vater endlich ziehen, nachdem er ihm beim Abschiede zwei Flaschen mitgegeben hatte.

"Sieh, mein Sohn," sagte der Vater zu ihm, "in dieser einen Flasche ist das Wasser des Lebens; wenn du damit einen Toten anspritzt, so wird er sogleich lebendig. Die andere Flasche enthält das Wasser des Todes. Wer damit angespritzt wird, sinkt augenblicklich leblos zu Boden. Nimm diese Flaschen, lieber Sohn, sie werden dir nützlich sein."

So hing sich denn unser junger Held die beiden Flaschen um, nahm seinen guten Säbel an sich und wanderte in die Welt hinaus, um die Zauberhelene zu suchen.

Gegen Abend kam er auf ein Feld, auf dem viele Erschlagene lagen. Er spritzte einen der Toten mit seinem Wasser des Lebens an und sogleich erhob sich dieser vom Boden und stand lebend vor dem Jüngling. Dieser fragte ihn, was diese Menge von Toten zu bedeuten hätte.

"Unser König," erwiderte dieser, "hat drei große Heere ausgeschickt, um die Zauberhelene zu besiegen; denn er wirbt um ihre Hand, die sie nur demjenigen reichen will, der sie im Kampfe besiegt. Aber sie hat uns alle überwunden und drei Heere liegen hier erschlagen auf dem Felde."

"Wo ist das Schloß dieser Zauberin?" fragte nun unser Jüngling, dem der Mut aus den feurigen dunklen Augen leuchtete.

"Dort drüben über jenem Berge liegt ihr Schloß," antwortete der Gefragte, "aber wehe jedem, der sich ihr zu nähern versucht."

"Ihr seid alle Feiglinge gewesen," sagte stolz unser Held, "und auch du verdienst nicht am Leben zu bleiben." Er bespritzte ihn mit dem Wasser des Todes und der Krieger sank lautlos zu Boden.

Argilus aber - so hieß der Jüngling - kam bald darauf ins Schloß der Zauberin, dessen Pforten alle offen waren. In einem Saale hing ein Säbel, dessen Klinge unaufhörlich aus der Scheide fuhr.

"Ei," dachte der Jüngling, "du gefällst mir besser als mein Schwert, das immer wie tot in der Scheide ruht."

Er nahm den Säbel und besiegte damit die Zauberin, die im nächsten Augenblick in strahlender Schönheit vor ihm stand.

"Ich will deine Frau werden, schöner Jüngling," sagte sie zu ihm, "denn du bist stärker und mutiger als alle, die bisher um mich geworben haben. Nur für kurze Zeit muß ich dich verlassen. Bleibe unterdessen in meinem Schlosse, dessen Dienerschaft dir untertänig sein wird. Nur das letzte Zimmer des Schlosses betritt nicht; es könnte dir daraus Unheil erwachsen. In siebenmal sieben Tagen bin ich wieder zurück und dann willen wir unsere Hochzeit feiern."

So blieb den Argilus allein im Schlosse zurück und durchwanderte ruhelos die prächtigen Räume. Als er einmal an das Türlein des letzten Zimmers gelangte, trieb ihn die Neugierde, es zu öffnen.

Da sah er einen alten Mann, dessen Leib mit drei Reifen von Stahl an die Mauer angeschmiedet war. Wie Feuer umwallte ihn ein mächtiger Bart, aus dem Funken hervorstoben.

Die Zauberrosse, Wilhelm Roegge

Die Zauberrosse
Vollbild von Wilhelm Roegge

"Sei gegrüßt, edler Jüngling," sprach der Greis aus seinem Feuerbarte heraus; "mir ist so heiß, gib mir einen Becher Wein zu trinken."

Argilus hatte Erbarmen und gab dem Alten den erbetenen Trunk. Kaum hatte dieser den Becher geleert, so sprang einer der Reifen, die seinen Leib umklammert hielten. "Habe Dank, mein Held, reich' mir noch einen Becher," murmelte der Alte, "die Hitze, die von meinem Barte ausströmt, ist zu groß."

Als er den zweiten Becher geleert hatte, sprang auch der zweite Reif. "Nun bitte ich dich noch um einen Trunk Wasser, denn die Glut, die mein Inneres verzehrt, ist noch nicht gelöscht."

Auch dies reichte ihm der junge Held, aber im selben Augenblicke sprang auch der dritte Reif entzwei und der Alte verschwand in einem Flammenmeere, das ihn umwallte.

Argilus hatte nicht gewusst, dass er den Feuerkönig befreit hatte, dessen Heere die Zauberhelene besiegt und den sie selbst angeschmiedet hatte. Nun war sie wieder in seiner Gewalt und musste im Glutbache das Küchengerät des Feuerkönigs als niedrige Dienerin reinigen, denn sie weigerte sich beharrlich, seine Gemahlin zu werden.

So waren die siebenmal sieben Tage verstrichen und Zauberhelene kehrte nicht in ihr Schloß zurück.

Da machte sich Argilus auf und besuchte seine Schwäger, ob er von ihnen nicht erfahren könnte, wo Helene sich aufhalte. Doch weder der Sonnenkönig nicht der Fürst des Mondes wussten etwas auszusagen; nur der Windkönig verriet ihm, daß der Fürst des Feuers Helene in einer unterirdischen Höhle gefangen halte und daß er selbst ihr häufig Kühlung zugefächelt habe, wenn sie am Glutbache stand und das Geschirr reinigen sollte.

Sogleich sattelte Argilus sein schnellstes Pferd und ritt' in die Höhle, wo er wirklich seine Braut fand, die vor Freude, ihn zu sehen, das Küchengerät in den feurigen Bach fallen ließ.

Aber Taigaröt, das Wunderroß des Feuerkönigs, das neun Füße hatte und reden konnte, verriet seinem Herrn, daß Argilus Helene entführt habe. Der König schwang sich auf dieses Roß und im nächsten Augenblicke schon hatte er die Fliehenden ereilt.

"Diesmal will ich dich noch verschonen," sagte er zu Argilus, "weil du mich befreit hast, aber Helene soll noch Härteres erdulden als bisher, wenn sie sich weigert, meine Frau zu werden."

Er riß sie zu sich auf den Rücken des Taigaröt und Argilus blieb voll Gram und Schmerz zurück, denn es gab keine Möglichkeit, Taigaröt zu verfolgen.

Traurig ging Argilus wieder zu seinen Schwägern und erzählte ihnen die Ursache seines Kummers; die Schwäger beratschlagten miteinander und sagten schließlich zu dem jungen Helden:

"Du brauchst ein Pferd, das schneller ist als Taigaröt, aber es gibt nur ein solches in ganz Ungarn: das ist Taigaröts jüngerer Bruder Tatos; er hat zwar nur vier Füße, aber mit diesen läuft er geschwinder als Wind oder Feuer."

"Wo ist dieses Nößlein?" fragte Argilus. "Ich muß es haben, koste es, was es wolle."

"Das Pferd gehört der Hexe Eisennase," entgegneten die Schwäger; "die hält es tief unter der Erde; versuche, ob du es ihr zu entreißen vermagst."

"Führt mich zu ihr," sagte Argilus, "wenn ihr es vermögt."

"Wohl," entgegneten die Schwäger, "wir werden es tun. Zuvor aber nimm noch dieses Geschenk von uns dreien an; es wird dir gute Dienste leisten."

Und mit diesen Worten überreichten sie ihm ein Stäbchen; das war halb aus Gold, halb aus Silber und zitterte unaufhörlich; es war aus Sonnenlicht, Mondschein und Wind gemacht.

"Sobald du unser bedarfst," sagten die Schwäger, "so stecke dieses Stäbchen in die Erde und wir werden zu deiner Hilfe bereit sein."

Hierauf nahm der Sonnenkönig seinen Schwager auf einen Sonnenstrahl und trug ihn einen ganzen Tag über die Erde; dann nahm ihn der Mondkönig und trug ihn die Nacht hindurch und dann reiste er mit dem Windkönig einen ganzen Tag und eine ganze Nacht und endlich war er beim Palast der Hexe Eisennase.

Dieser war ganz aus Totenköpfen aufgebaut; nur ein einziger fehlte noch, um das Gebäude zu vollenden. Als Hexe Eisennase unsern jungen Helden sah, freute sie sich sehr.

"Nun werde ich den letzten Schädel bekommen, auf den ich schon dreihundert Jahre warte."

Sie stellte sich aber freundlich und fragte den Jüngling, was er wolle.

"Ich will dein Pferd Tatos, das du unter der Erde hältst," erwiderte dieser, den das furchtbare Aussehen der Hexe nicht schreckte.

"Es sei dein Lohn," sagte diese und verzog ihr häßliches Gesicht zu einem arglistigen Lächeln, "wenn du mir drei Tage dienst und alles ausführst, was ich dir auftrage. Du kannst gleich beginnen: am ersten Tage mußt du meine ehernen Rosse auf die Seidenweide treiben, und wenn du abends heimkehrst, darf kein Stück von der Herde fehlen, sonst bist du des Todes."

Nun bestieg Argilus eines der Rosse und trieb die andern auf die Seidenweide. Aber kaum waren sie dort angelangt, so warf das Pferd den Argilus in ein tiefes Moor, so daß er bis zur Brust darin versank, und die andern Rosse stoben auseinander.

Da steckte der Jüngling das Stäbchen, das Geschenk seiner Schwäger, in die Erde und sogleich brannten die Strahlen der Sonne so glühend auf die Erde nieder, daß das Moor rasch trocknete und die ehernen Pferde zu schmelzen anfingen. Voll Angst liefen sie in den Stall zurück und die Hexe Eisennase war sehr erstaunt, als sie des Abends alle Pferde beisammen fand.

"Morgen," sagte sie, "mußt du meine zwölf Rappen hüten; sieh zu, wie du dies fertig bringst, sonst bist du des Todes."

Die zwölf Rappen aber waren die Töchter der Hexe und eines der Pferde sagte voll Mitleid zu Argilus:

"Du mußt leider sterben, denn wir sind viel schwerer zu bändigen als das Erzgestüte."

Und schon liefen sie auseinander in alle Richtungen des Windes.

Aber Argilus steckte abermals sein Stäbchen in den Boden und sogleich erhob sich ein so heftiger Sturm, daß die zwölf Rappen nicht gegen ihn anzukämpfen vermochten und zitternd in ihre Hürde zurückliefen.

Voll Ingrimm ergriff Hexe Eisennase eine eiserne Heugabel und schlug damit ihre Töchter; zu Argilus aber sagte sie:

"Warte nur, jetzt steht dir noch das Schwerste bevor; du mußt sterben, wenn du die Arbeit nicht ausführst. Noch diese Nacht mußt du meine ehernen Pferde melken. Geh sogleich an die Arbeit!"

Argilus begab sich in den Stall und steckte wieder sein Stäbchen in die Erde. Sogleich meldete sich sein Schwager, der Mondkönig.

"Sei getrost, lieber Schwager, wo ich in den Stall hineinschaue, dort grabe drei Spannen tief und du wirst einen goldenen Zaum finden; wenn du den in der Hand hältst, wird dir jedes Roß willig gehorchen."

So war es auch der Fall und alle ehernen Stuten ließen sich gutwillig melken.

Als die dampfende Milch bereit stand, sagte Hexe Eisennase zu Argilus:
"Nun setze dich hinein und nimm ein Bad."

Der Jüngling aber traute der Hexe nicht und sagte:

"Führe zuerst das Pferd Tatos her, das du mir als Lohn verheißen hast."

Die Hexe mußte gehorchen, aber Argilus war sehr erstaunt, als das Pferd vor ihm stand, denn es war klein und unansehnlich und voller Schmutz.

Sogleich steckte das Pferd seinen Kopf in die dampfende Milch und sog alles Feuer aus ihr heraus. Nun stieg der junge Held in die Wanne, und als er das Bad verließ, war er siebenmal schöner als zuvor.

Nun wollte auch die Hexe sich verjüngen und stieg in die mit Milch gefüllte Wanne. Aber das Pferdchen steckte wieder seinen Kopf hinein und blies alles Feuer aus den Nüstern, das es früher herausgezogen hatte, so daß die Hexe elend verbrannte.

Nun schwang sich Argilus auf den Rücken des Rößleins. Als sie an einen Bach kamen, sagte dieses zu seinem Reiter:

"Wasche mich in diesem Bache!"

Argilus erfüllte den Wunsch des Rößleins und dieses wurde goldfarben und an jedem Haar seiner Mähne hing ein goldenes Glöcklein.

Mit einem Sprunge trug es seinen Reiter über das Meer und im Nu stand es vor der Höhle des Feuerkönigs und wieherte. Argilus fand Helene wieder am Glutbache; er hob sie aufs Pferd und sauste mit ihr davon.

Als aber Taigaröt, das neunfüßige Wunderpferd des Flammenkönigs, das Wiehern gehört hatte, wurde es unruhig und sagte zu seinem Herrn:

"Ich habe meinen jüngeren Bruder wiehern gehört. Niemand kommt ihm an Schnelligkeit gleich."

Da stieß ihm der Flammenkönig die Feuersporen in die Flanken, daß Taigaröt im rasenden Laufe davonsprengte. Schon sahen sie in der Ferne das Rößlein, das Argilus und Helene auf seinem Rücken trug; immer geringer wurde die Entfernung zwischen ihnen, doch Taigaröt konnte seinen Bruder nicht einholen.

Als er ihm auf Gehörweite nahe gekommen war, wendete sich Tatos um und sagte:

"Bruder, warum läßt du dir mit den feurigen Sporen deine Rippen verbrennen? Gib die Verfolgung auf, du wirst mich doch nie ereilen. Wirf deinen grausamen Reiter ab; es ist besser, wir beide dienen dem jungen Helden, den ich auf dem Rücken trage."

Taigaröt folgte diesem Rate und warf den Flammenkönig ab, so daß er sich das Genick brach.

Argilus aber feierte bald darauf Hochzeit mit Zauberhelene und pflegte die beiden treuen Rosse, die ihn gerettet hatten, bis ans Ende des Lebens.

Ungarn ist noch jetzt die Heimat vieler edlen, feurigen Rosse, die über seine Puszten dahinstürmen; aber freilich einen Taigaröt und Tatos wird man nicht mehr unter den Herden finden.

Die Zauberrosse, Wilhelm Roegge

Die Zauberrosse
Textillustration von Wilhelm Roegge

Quelle: Sagenbuch aus Österreich und Ungarn. Sagen un Volksmärchen aus den einzelnen Kronländern und aus den Ländern der Ungarischen Krone. Leo Smolle. Wien, Budapest, Stuttgart [1911]. S. 174 - 181