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Aschenbrödel.

Ein Bauer hatte drei Söhne; von denen wurde der jüngste Aschenbrödel genannt, denn er galt als einfältig und saß meistens im Aschenwinkel beim Herde.

Achenbrödel, Wilhelm Roegge

Aschenbrödel
Textillustration von Wilhelm Roegge

Eines Tages schickte der Bauer seinen ältesten Sohn in den Weingarten, um die Trauben zu hüten, die in diesem Jahre eine besonders gute Lese zu geben versprachen.

Als nun der Bauernsohn im Weingarten saß und in die Sonne blinzelte, sah er auf einmal eine wunderbar schillernde Kröte, die ihn um ein Stück Brot bat, das er in der Hand hielt und von dem er soeben einen großen Bissen verschluckt hatte.

"Ja, das fiele mir ein," antwortete der Junge, "mit einem so ekelhaften Tier mein Frühstück zu teilen. Schau nur, daß du fortkommst, sonst erschlag' ich dich." Und die Kröte hüpfte davon, ohne ein Wörtlein zu entgegnen.

Weil es aber sehr heiß war, schlief der Junge ein, und als er erwachte, war der halbe Weingarten zertreten und zerstampft und die Trauben zugrunde gerichtet.

Da wurde der alte Bauer sehr böse und am nächsten Tage schickte er seinen jüngeren Sohn in den Weingarten und trug ihm auf, ihn ja besser zu behüten, als der Bruder es getan. Aber auch diesem erging es ähnlich wie dem Ältesten. Auch er verjagte die Kröte, als sie ihn um ein Stückchen seines Frühstücksbrotes bat; auch er schlief ein und fand den Weingarten nach seinem Erwachen greulich verwüstet.

Nun sagte der Jüngste, der immer im Aschenwinkel neben dem Herde hockte:

"Vater, schicke mich hinaus in den Weingarten; ich will dir die Trauben gut behüten."

Der Vater tat es, obwohl er wenig Hoffnung hatte, daß dem einfältigen "Aschenbrödel" gelingen werde, was die beiden älteren und klügeren Söhne nicht zustande gebracht hatten.

Auch dem Jüngsten kroch die bunte Kröte zu, als er seinen Aschenkuchen aus der Tasche genommen hatte, um ihn zu verzehren, und bat ihn um ein Stückchen. Der mitleidige Junge gab ihr gern ein großes Stück, und als sie es verzehrt hatte, schenkte sie ihm zum Danke dafür drei Gerten, eine kupferne, eine silberne und eine goldene. "Bald werden," sagte die Kröte zu ihm, "drei Pferde heranstürmen, eines rot wie Kupfer, das zweite wie Silber schimmernd und das dritte starrend von Gold. Aber fürchte dich nicht, berühre sie nur mit den Gerten und sie werden dem Weingarten nichts anhaben, sondern dir gehorchen und dir zu Diensten sein, sobald du sie brauchst."

Wirklich geschah alles, wie die Kröte es vorausgesagt hatte. Der zerstampfte Weingarten richtete sich wieder auf und die Trauben gaben eine reichliche Lese. Darüber freute sich der Vater, doch der Jüngste sagte weder ihm noch den Brüdern, wie er die Trauben behütet hatte.

Am nächsten Sonntag ließ der König eine hohe Tanne, die höchste des Waldes, vor der Kirche aufrichten und auf den Wipfel des Stammes einen goldenen Rosmarin aufstecken. Auch versprach er dem die Hand seiner Tochter, der vom Rücken seines Pferdes aus mit einem Sprunge den Rosmarin erreichen könnte.

Da kamen viele Ritter und Edle, aber keinem einzigen gelang der Sprung. Endlich sprengte auch ein Gewappneter heran, dessen Rüstung war ganz aus Kupfer, ebenso auch der Helm, dessen Visier er herabgelassen hatte; auch saß er auf einem Pferde, das wie rotes Kupfer glänzte. Mit leichtem Sprunge erreichte der geheimnisvolle Ritter den Rosmarinzweig und verschwand darauf, wie wenn ihn der Erdboden verschluckt hätte.

Zu Hause erzählten die Brüder des Bauern ihrem jüngsten, den sie daheim im Aschenwinkel gelassen hatten, das Geschehene.

"Ich habe es besser gesehen," meinte darauf der jüngste. - "Von wo denn?" fragten sie erstaunt. - "Vom Zaune," erwiderte er, und sogleich ließen sie den Zaun niederreißen, damit er ein andermal nichts mehr sehen könnte.

Am folgenden Sonntag ließ der König auf die Spitze der Tanne einen goldenen Apfel aufstecken und verkünden, wer ihn im Reiten herunterhole, den wolle er zu seinem Schwiegersohn machen.

Wiederum mühten sich Hunderte von Rittern vergeblich, den Apfel zu holen. Dies gelang erst einem, der zum Schlusse in einer Rüstung, die ganz aus Silber war, auf einem silberschimmernden Pferde einhersprengte. Er nahm den Apfel, aber im nächsten Augenblick war er verschwunden.

Dies erzählten die beiden älteren Söhne zu Hause; doch der jüngste sagte wieder: "Ich habe es besser gesehen als ihr." - "Von wo denn?" fragten sie darauf. "Vom Stalle," war die Antwort. Deshalb rissen sie den Stall nieder, damit er das nächstemal nichts mehr sehen könne.

So kam der dritte Sonntag. Da ließ der König ein Tuch aus goldenem Gespinst auf einem Tannenbaum befestigen, der noch höher war als der frühere, und verkündete dasselbe wie die beiden ersten Male.

Es fanden sich wieder viele Ritter, die begierig waren, den Preis zu erringen; doch es erschien unmöglich. Da sprengte auf goldfarbenem Rosse ein Ritter heran, dessen goldene Rüstung im Sonnenlichte wunderbar glänzte. Leicht holte er sich das Tüchlein von der Spitze des riesig großen Baumes, aber als der König ihn beglückwünschen wollte, waren der goldene Ritter und sein goldenes Roß verschwunden.

Als die Brüder dem "Aschenbrödel" das Geschehene erzählten, meinte dieser wieder, er habe alles besser gesehen. "Von wo denn?" fragten sie neidisch. - "Vom Giebel aus", entgegnete der Jüngste. Nun ließen sie auch diesen abtragen aus lauter Neid, und das Haus hatte nun kein Dach, keinen Zaun und keinen Stall.

Niemand aber wußte, wer den Rosmarin, den goldenen Apfel und das kostbare Tuch von der Tanne herabgeholt hatte.

Da ließ der König verkündigen, der Ritter, der sich seine Tochter verdient hätte, möge sich doch melden und das Rosmarinzweiglein, den Apfel und das Tuch von Goldgespinst mitbringen.

Doch kein Ritter meldete sich. Der König entbot nun alle Männer an seinen Hof, doch auch unter ihnen war der Sieger mit den drei Preisen nicht. Erst ganz zuletzt kam ein Ritter in goldstrahlender Rüstung auf einem wunderschönen, goldglänzenden Pferde an den Hof geritten.

Als er das goldene Visier aufgeschlagen hatte, waren alle erstaunt, denn der goldene Ritter war niemand anders als der jüngste Sohn des Bauern, den alle "Aschenbrödel" genannt hatten.

Da er aber ein schmucker junger Mann war und noch dazu eine goldene Rüstung hatte und auf einem goldenen Pferde saß, so fand die Prinzessin einen großen Gefallen an ihm, als er ihr den Rosmarin, den Apfel und das Tuch überreichte.

Nun wurde fröhliche Hochzeit gehalten und der brave Jüngste ließ seinen Brüdern das Haus wiederherstellen, den alten Vater aber nahm er zu sich aufs Schloß.

Bald darauf starb der König und "Aschenbrödel" bestieg sogar den Thron und wurde wegen seiner gerechten Negierung von allen seinen Untertanen geliebt und geehrt.

Quelle: Sagenbuch aus Österreich und Ungarn. Sagen un Volksmärchen aus den einzelnen Kronländern und aus den Ländern der Ungarischen Krone. Leo Smolle. Wien, Budapest, Stuttgart [1911]. S. 182 - 185