SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Tschechien

   
 

Die Gründung von Pernstein

Zu jener Zeit, als noch mächtige, kriegsberühmte Könige in dem längstgesunkenen herrrlichen Welehrad Hof hielten, lebte in jener Gegend, wo nunmehr auf hohem, waldigen Felsenzacken oberhalb des Dorfes Piwonic die öden Trümmer der kühn gebauten Veste Zuberstein über Abgründe herrüberragen, ein armer Köhler in düsterer Abgeschiedenheit, nur seinem Gewerbe nachgehend. Ein ungeheurer Büffel, deren es damals in den Forsten, die das Mährerland größtentheils bedeckten, in Menge gab, erfüllte den friedlichen Burggau des stolzen Welehrad mit Schrecken und Verheerung. Der Landesfürst setzte einen bedeutenden Preis auf die Erlegung dieses Ungethüms. Den Versuch, solchen zu verdienen und das Landvolk von dem drohenden Feinde seines Eigenthums und Lebens zu befreien, hatte schon manchem tapfern Kämpen den Tod gebracht.

Eines Tages näherte sich das Ungethüm der dürftigen Hütte Wieniawas's so - und auch Woitèch wird der Köhler in der Sage genannt - und bedrohte Hab und Gut des einfachen Siedlers mit Zerstörung. Doch Wieniawa faßte den Ur mit einer Hand an den Hörnern und zog ihm mit der andern furchtlos eine Ruthe durch die Nase, an der er ihn nun an den Hof des Königs führte. Wieniawa hielt den Büffel für ein des Herrschers würdiges Geschenk, weil er von seltener Größe war. Alles bewunderte dort das Ungethüm, noch mehr aber Wieniawa's Stärke, zumal, als der Köhler vor den Augen des Königs und seiner Lopoten mit einem Beil dem Thiere auf einen Hieb den Kopf abschlug. Da ihm nun der König eine Gnade angeboten, der Köhler aber bescheidentlich nur bat, ihn auch fürderhin in seinem Gewerbe nicht zu hindern, gefiel dies dem Fürsten so wohl, daß er ihm nicht nur die ganzen umliegenden Berge als Eigenthum schenkte, sondern ihn auch unter seine Ritter aufnahm und ihm zum Andenken den Büffelkopf mit einem durch die Nase gezogenen Ringe im Schilde zu tragen befahl.

Burg Pernstein Wolfgang Morscher

Burg Pernstein
© Wolfgang Morscher, 1989

Als Wieniawa in seine Berge zurückgekommen war, baute an Stelle seiner Hütte ein geräumiges festes Haus von Holz, und benannte es zum Andenken des von ihm erlegten Büffels, der in slawischer Sprache "zubr" heißt, "Zuberstein", welches dann in der Folge unter die festesten Burgen des Landes gezählt wurde, nun aber längst im Schutte darnieder liegt. Sein Sohn Prsten wählte sich nach des Vaters Hinscheiden eine andere Wohnung, und erbaute zuerst auf felsigen Berge, wo nun das ehrwürdige "Pernstein" sich erhebt, eine hölzerne Veste, um vor den wiederholten Einfällen der feindlichen Nachbarn sicher zu sein. Als man eben mit Graben der Gründe zur Errichtung des neuen Schlosses beschäftigt war, schritt ein frommer, aus Palästina rückkehrender Pilger an der Burgstätte vorüber, und lächelte über die Bemühungen der Bauleute. Er glaubte nicht, daß sie auf solchem schroffen Felsen ein Gebäude aufzuführen im Stande wären, und betheuerte hoch und theuer, daß der Bau nimmer gelingen könne, es geschehe denn, daß sein dürrer Wanderstab, den er nun in die Erde stoße, aufblühe, Sprossen treibe und ein lebendiger Baum würde. Und siehe da! Der trockene Stock bekam Wurzeln, blühte und - die Burg ward aufgebaut, nach dem Gründer Prsten genannt und zum Hauptsitze des Pernstein'schen Geschlechtes erkoren.

Quelle: Das romantische Mähren. Eine Sammlung vaterländischer Sagenstoffe. Hg von Willibald Müller, Ölmütz 1881, S. 305