SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Slowenien

   
 

ZLATOROG

Wer das schöne Land Kärnten in südlicher Richtung durchwandert, gelangt eines Tages an die gewaltige, breite Bergmauer der Karawanken. Und wenn er deren wild zerklüfteten Kamm erklimmt, über den die Grenze Österreichs verläuft, dann blickt er auf der anderen Seite hinab in das sonnige, an herrlichen Urwäldern und Seen reiche Land der Slowenen. In den Tagen, da die Macht des Kaisers von Österreich bis dort hinabreichte, hieß es das Kronland Krain. Mitten in diesem nun reckt der Triglav seine drei mächtigen schneegekrönten Felsenhäupter fast dreitausend Meter hoch in den Himmel.

Wer heute die dunklen Wälder durchdringt, die den Triglav umgeben, und in deren geheimnisvollen, ungestörten Tiefen noch dann und wann ein Bär, ein Bergluchs oder gar ein Wolf haust, der kommt auf hochgelegene grüne Almenmattele hinaus, Wer aber noch höher steigt, den umgibt bald von allen Seiten eine erschreckende Steinwüste, gewaltige Felstrümmer, wie von Riesenhänden durcheinander geworfen, und bald darauf beginnt die Region des Schnees und des Eises.

Vor langen Zeiten aber war ein Teil dieser Steinwüste ein sanftes, grünes, mit tausenden Blumen bedecktes Land, das war der Garten der Rojenice. Die Rojenice sind drei schöne, weißgekleidete Bergfrauen, die manchmal in die von Menschen bewohnten Täler hinabsteigen, wenn dort ein Kindlein geboren wird. Sie wissen das jedesmal ganz genau, denn immer, wenn ein Mensch zur Welt kommt, geht hoch oben am Himmel über dem Triglav ein Stern auf, und wenn einer stirbt, fällt eine Sternschnuppe.

Manche alte Kinderfrau, mancher einsame Wanderer hat die Rojenick gesehen, wenn sie in ein Haus treten, wo gerade ein Kind zur Welt kam. Da stehen sie dann rund um die Wiege, mit brennenden Kerzen in den Händen, und bestimmen dem Kinde sein Schicksal. Und was sie über der Wiege flüstern, trifft immer ein. Sie lieben die Menschen, und wenn sie ein Kind besuchen, so bedeutet es für das Neugeborene meistens Glück, Reichtum und ein langes Leben. Denn die Rojenice sind Schutzgeister und begleiten den Menschen unsichtbar auf allen Wegen.

Eines Tages nun stieg aus dem Tal des Isonzo, der jenseits des Triglavs durch die tiefen Schluchten der Julischen Alpen dem fernen blauen Meer entgegenrauscht, ein junger Jäger über steile, unbewohnte Almen und Geröllhalden zum Triglav empor. Er war fremd hier und dachte, indem er immer höher stieg, es würde bis zum Schneegipfel des Berges immer weiter so öde und steinig sein.

Wie erstaunte er aber, als er, einen mächtigen Steinwall überwindend, plötzlich einen sanften grünen Almhang vor sich liegen Sah, der überall bis zu den zackigen Felsrändern des Gebirges hinreichte und erst unterhalb des Eises aufhörte.

Diese große, saftige Wiese war mit den herrlichsten Alpenblumen bedeckt und mitten auf ihr weidete ein Rudel Gemsen, das war so weiß wie frischgefallener Schnee, und der Leitbock, der den anderen Tieren voranging, hatte ein Gehörn aus purem Gold.
Zuerst war der Jäger so verwundert und entzückt von dem Anblick, daß er sein Gewehr ruhig über der Schulter hängen ließ und nur schaute und schaute. Dann aber überkam ihn ein heftiges Verlangen, diesen herrlichen Gemsbock mit dem goldenen Gehörn zu erlegen, so daß er die Waffe herunterriß, an die Wange hob, und schon schießen wollte.

Da ertönte von irgendwoher auf einmal eine Frauenstimme, die rief:

"Gib acht, Zlatorog! Flieh mit deiner Herde!"

Im nächsten Augenblick senkte sich eine Nebelwolke herab, die hüllte den Jäger ein. Als sie sich wieder auflöste, waren die weißen Gemsen fort und in den Felswänden verschwunden.

Der Jäger hängte sein Gewehr wieder über die Schulter und wollte wegen seiner Verdrossenheit und auch, weil es schon ein wenig dämmerte, wieder ins Tal hinabsteigen. Da erscholl die seltsame Stimme wieder. Sie schien aus den Felswänden zu kommen, welche die grüne Matte umsäumten, und rief:

"Du, mutiger Jäger aus dem Isonzotal, bist willkommen in unserem Garten! Wir schenken dir von unseren Blumen, so viel du pflücken magst. Reich an Gemsen sind die Höhen des Triglavs, und viele Rehe gibt es in seinen Wäldern - jage davon, was dir gefällt! Nur unserer weißen Herde sollst du nicht nachstellen und niemals wieder deine Büchse gegen den goldgehörnten Gemsbock heben, sonst mußt du sterben. Laß dich warnen!"

Da hielt der junge Jäger beide Hände an den Mund und rief laut gegen die Felsen hin:

"Ich habe deinen Ruf gehört und will deine Herde in Ruhe lassen. Aber sage mir doch, wer du bist, die da ruft! Zeige dich mir, unsichtbare Herrin dieses Gartens!" '

Er schwieg, ließ die Hände sinken und lauschte lange. Aber es kam keine Antwort. Kopfschüttelnd wandte er sich ab, pflückte ein paar von den leuchtenden Blumen zu seinen Füßen, Enzian und Edelweiß, und begann den beschwerlichen Abstieg über Felsen und Geröll. Die Stelle aber, von wo aus er jenen geheimnisvollen Berggarten mit den weißen Gemsen zum erstenmal gesehen hatte, merkte er sich genau, denn er wollte wiederkommen.

Als er den Wald erreichte, ging der erste Stern auf, und als er talwärts eilend die letzten Fichten hinter sich ließ und eine einsame Almhütte vor sich liegen sah, war es bereits Nacht geworden.

Er pochte an die Türe der Hütte. Ein alter Hirte öffnete ihm, ließ ihn freundlich eintreten, und bot ihm Brot und Salz, Räucherfleisch und Milch an. "Kann ich bei dir die Nacht zubringen?" fragte der Jäger.

"Wenn du mit ein wenig Heu als Lager vorliebnimmst, gerne", antwortete der Hirte.

Als der Jäger gegessen und getrunken hatte, erzählte er dem Hirten sein wunderliches Erlebnis auf dem Triglav und fragte ihn, was denn das alles zu bedeuten habe.

"Oh", sagte der Hirte und schaute den Jäger mit großen Augen an, "an deiner Wiege müssen die Rojenice, die weißen Frauen, gestanden sein, sonst hättest du den Gemsbock Zlatorog nicht gesehen und auch nicht jene Stimme gehört. Menschen, an deren Wiege die Rojenice nicht standen, sehen wohl ihren herrlichen Berggarten unterhalb des Eises, niemals aber die weiße Herde mit dem goldgehörnten Bock."

"Was ist das für eine Herde? Was ist es mit dem Zlatorog?" wollte der Jäger wissen.

"Die Herde und Zlatorog gehören den weißen Frauen, sie sind ihnen heilig und dürfen nicht gejagt werden. Aber wenn ein Jäger wirklich einmal nach Zlatorog schießt und ihn trifft, so wachsen aus Zlatorogs Blut, wenn es zur Erde tropft, Triglavrosen. Und wenn Zlatorog eine von diesen seltenen Rosen frißt, heilt seine Wunde sogleich zu und er ist wieder genau so stark und gesund wie vorher."

Der Jäger war ein kühner Mann. Was ihm der Alte da erzählte, reizte ihn. "Und wenn es nun doch einmal einem gelänge, Zlatorog zu töten?" fragte er lauernd.

An deiner Frage erkenne ich, daß du in dieser Gegend fremd bist", antwortete der Hirte lächelnd. "Jedes Kind weiß hier, was einem solchen erblühte. Kein König der Welt könnte sich mit ihm an Reichtümern messen, denn, wem es gelingt, den Gemsbock Zlatorog zu erlegen und ihm das Goldgehörn vom Haupt zu brechen, der hat damit den Schlüssel zum Berg Bogatin in der Hand. Berührt er mit ihm die steile Felswand des Bogatin, so springt ein Tor in ihr auf und er kann die unterirdische Höhle betreten, wo so viele Schätze angehäuft sind, daß siebenhundert Wagen sie nicht fortzubringen vermögen."

Der Jäger schwieg eine Weile und sah sinnend vor sich hin. Dann aber schüttelte er ungläubig den Kopf und meinte:

"Das alles können auch Ammenmärchen sein. Den Berggarten und den Bock mit dem goldenen Gehörn, die habe ich mit eigenen Augen gesehen. Aber das mit der Bogatinhöhle, das müßte mir erst einer beweisen."

"Damit kann ich dir dienen", entgegnete ihm der Hirte aufgeregt.

"Als ich selber noch ein junger Hüterbub war, kamen einmal welsche Kaufleute aus Venedig da herein ins obere Isonzotal, wohin sie vorher kaum gereist waren, denn hier sind nicht allzu viele Geschäfte zu machen.

Einer von denen nun, ein schwarzhaariger Kerl mit einem flinken Geist, dem einer vom Zlatorog erzählte, stahl sich heimlich von seinen Gefährten weg und stieg zum Triglav hinauf. Es ist ihm sauer genug gefallen, denn er war kein Bergsteiger, sondern aus dem flachen Land am Meer. Er hat auch richtig den Garten der weißen Frauen entdeckt und sich dort durch viele Tage und Nächte auf die Lauer gelegt, bis er eines Nachts im Mondenschein tatsächlich die weiße Gemsenherde mit ihrem Leitbock sah. Er zitterte vor Kälte und Erregung und beobachtete die schneeweißen Tiere, vor allem aber den Leitbock mit den goldenen Krummhörnern ganz genau.

Da bemerkte er plötzlich, daß Zlatorog allein bis an den Rand der grünen Matte schritt und dort an einer Felswand sein Gehörn scheuerte, wie das Rehe, Hirsche oder Gemsen ja häufig tun. Allmählich verzog sich die äsende Herde wieder, und als nichts mehr von ihr zu sehen war, eilte der Italiener über den weichen Grasboden hinüber zu der Stelle, wo Zlatorog sein Gehörn gerieben hatte. Er suchte den steinigen Boden aufmerksam ab und entdeckte zu seiner namenlosen Freude ein winzig kleines Goldblättchen, nicht größer als die Schuppe einer Forelle. Das war ein Fund! Er verbrachte noch eine letzte Nacht frierend am Rande des Zaubergartens der weißen Frauen, aber als die Sonne aufging, begab er sich zum Berge Bogatin und berührte mit dem Goldblättchen die Felswand.

Im Nu sprang sie auseinander und er trat in das mächtige Gewölbe ein, von welchem wohl hundert Gänge sternförmig ins Gestein liefen; die waren alle mit Gold und Edelsteinen angefüllt. Er schleppte davon ins Freie, so viel er nur tragen konnte, aber weil er eben nur ein Goldblättchen von Zlatorogs Horn und nicht das ganze Geweih als Schlüssel gehabt hatte, schloß sich die Felsenpforte bald wieder, und sooft er auch das Gestein mit der Goldschuppe noch berührte, sie sprang nicht wieder auf. Er aber war ein reicher Mann geworden und soll es sein Lebtag geblieben sein."

Jetzt fragte oder erwiderte der Jäger nichts mehr. Er war auch schon recht müde, wünschte dem Hirten eine gute Nacht und kroch ins Heu.
Am andern Morgen erlegte er einen Rehbock, weidete ihn aus, schenkte dem Hirten als Dank für seine Gastfreundschaft Herz, Lunge und Leber, und stieg dann mit seiner Beute zu Tal.

Der Isonzo ist dort oben ein wild schäumendes, tosendes Gewässer. Eine uralte schmale Fahrstraße lief damals an ihm entlang, und dort, wo sie auf einer steinernen Brücke über den Fluß führte, stand ein Wirtshaus. Hier kehrte der fremde Jäger zu, ehe er weiter flußab in seine Heimat zurückkehren wollte, schenkte der Wirtin den Rehbock und bekam dafür freie Kost und Quartier.

Die Wirtin hatte aber eine Tochter, ein feines, liebes Mädchen, der gefiel der junge Jäger, kaum daß sie ihn gesehen hatte, sehr, obgleich sie ihn das natürlich nicht merken ließ. Auch der Jäger fand Gefallen an ihr, und so kam es, daß er seine Heimkehr von einem Tag auf den anderen verschob, und eines Morgens nahm er sich ein Herz und fragte das Mädchen, ob es nicht seine Frau werden und mit ihm in seine Heimat gehen wollte.

Das Mädchen erbat Bedenkzeit und vertraute sich ihrer Mutter an. Die Wirtin aber wollte von dem Jäger nichts wissen und wies ihn mit rauhen Worten aus dem Haus.

Er war sehr betrübt, stieg in den Wald empor und verbrachte dort einen ganzen Tag in tiefem Schmerz, denn er liebte das schöne, lichte Mädchen sehr.

Als sie mit einem der lustigen welschen Gesellen gerade einen Tanz beendet hatte, zog dieser plötzlich eine kostbare goldene Kette aus seiner Rocktasche und legte sie dem Mädchen um den Hals. Am Abend kamen wieder einmal reisende Kaufleute aus dem Welschland in das Wirtshaus, die veranstalteten ein lustiges Tanzen, und das Töchterlein der Wirtin mußte natürlich mithalten.

Im selben Augenblick stand, wie aus dem Boden gewachsen, der Jäger neben dem Paar. Er hatte vom Walde aus den Lichtschein in den Fenstern des Wirtshauses gesehen, auch die huschenden Schatten der Tanzenden, hatte sich herangeschlichen und durch die Scheiben geschaut. Mit wehem Herzen hatte er sein Mädchen bald mit dem einen, bald mit dem anderen tanzen gesehen. Als ihm aber der reiche Kaufmann ein so kostbares Geschmeide schenkte, hatte er einen solchen Schmerz in der Brust gefühlt und war so zornig geworden, daß er in die Wirtsstube stürmte und nun vor dem erschrockenen Mädchen und ihrem Tänzer stand.

"Das gefällt dir freilich besser als die Blumen, die ich dir alle Tage gebracht habe!" rief er und ballte die Fäuste. "Gold muß es also sein, womit man dein Herz erobern kann! Nun gut, morgen will ich dir Gold bringen, so viel, daß siebenhundert Wagen es nicht fassen können, und vielleicht auch ein Sträußlein Triglavrosen dazu!" Und er stürmte davon.

Da erschrak das Mädchen heftig, denn nun wußte es, was der ungestüme Jäger, den sie doch von Herzen liebte, im Sinn hatte: Er wollte den Zlatorog erlegen!

Ohne auf die zornigen Rufe der Mutter und der Gäste zu achten, lief sie aus dem Haus und wollte dem Jäger nacheilen, ihn zurückhalten, ihm sagen, daß sie ihn liebe. Jedoch, er war schneller als sie und in der dunklen Nacht nirgends mehr zu sehen.

Verzweifelt kehrte sie in das Wirtshaus zurück. Der Jäger aber stieg durch den Wald empor. Er stolperte auf dem steinigen Weg, Dornen und dürre Zweige zerrissen ihm Hände und Gesicht, er spürte es nicht. Er wollte beim Morgengrauen auf dem Triglav sein und sich an den Garten der weißen Frauen heranpirschen.

Nach vielen Stunden anstrengenden Steigens stand er endlich wieder am Fuße jenes Steinwalls, hinter welchem er zum erstenmal die saftige grüne Almenmatte mit den weißen Gemsen erblickt hatte. Er verschnaufte ein wenig, nahm den Hut ab, wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Die aufgehende Sonne rötete sanft die drei schneebedeckten Häupter des Triglavs, kein Laut regte sich ringsum, nur ein paar Bergdohlen flatterten angstvoll schreiend auf und flohen talwärts. Ein kalter Wind erhob sich.

Als der Jäger genug gerastet hatte, erstieg er den Steinwall. Da lag die smaragdgrüne Hochlandwiese im Schmuck ihrer vieltausend blauen, weißen, roten und gelben Blumen verlockend vor seinen Augen.

Er nahm sich aber nicht Zeit, die Pracht lange zu bewundern, sondern versteckte sich hinter einem großen Stein und lugte, die Büchse schußbereit in den Händen, nach den weißen Gemsen aus.

Auf einmal rief ihn wieder jene Stimme an, die er schon beim ersten Male gehört hatte:

"Kehr um, kühner Jäger! Dir ist es nicht bestimmt, Zlatorogs Horn zu gewinnen. Schießt du nach ihm, bringt es dir den Tod!"

Ganz still lag der Jäger da, er regte sich nicht.

Nach einer Weile ertönte die warnende Stimme wieder, diesmal aus einer anderen Richtung:

"Denk an deine Mutter, sie wird sich die Augen nach dir ausweinen! Höre auf die Stimme der Rojenice! Wir standen zu dritt an deiner Wiege, wir verhießen dir Glück. Eile hinab ins Tal zu dem Mädchen, das dich liebt - dort ist dein Glück!"

Aber der Jäger wollte der Stimme nicht gehorchen. Er lag und lauerte. Plötzlich, als die Morgensonne in breiten Strahlen den Garten der weißen Frauen beschien und das Eis des Triglavs aufblitzte, als ob Millionen Diamanten die drei Gipfel bedeckten, stand Zlatorog mitten auf der Wiese, und hinter ihm äste ruhig die heilige Gemsenherde der Rojenice.

Hell blitzte das Goldgehörn des Leitbocks. Sichernd äugte er geradeaus auf den Jäger her, der in seinem Versteck leise, leise das Gewehr an die Wange hob und lange auf Zlatorogs Schulter zielte, unter welcher das Herz schlug. Und diesmal kam kein Warnruf aus den Felswänden. Unheimliche Stille herrschte über dem gewaltigen Gebirge ... Dann krachte der Schuß.

Zlatorog brach zusammen. Das weiße Rudel entfloh wie der Wind in die schützenden Felsen.

Aber nur wenige Augenblicke lag Zlatorog still zwischen Blumen und Gras. Dann sprang er auf und eilte seiner Herde in die Felsen nach.

Als der Jäger an die Stelle kam, wo Zlatorog gefallen war, blühten dort blutrote Blumen, die er noch niemals gesehen hatte - Triglavrosen!

Aus jedem Tropfen Blutes, der aus Zlatorogs Wunde fiel, war eine dieser Blumen aufgeblüht, und so konnte der Jäger ohne Mühe die Fährte verfolgen. Sie führte ihn an den Rand der großen Wiese und von dort immer tiefer in das Felsgewirr hinein, immer kühnere, immer unwegsamere Steige hinan, an immer schmalere, immer gefährlichere Stellen. Als er mühsam kletternd eine vorspringende Felsnase bezwang, unter welcher die Bergwand tausend Meter tief senkrecht abfiel, stand auf einer nur mehr handbreiten Steinstufe der Gemsbock Zlatorog majestätisch vor ihm. Er hatte längst von den Rosen aus seinem Blute gefressen und war wieder genau so stark und gesund wie eh und je.

Zu seinem Schrecken bemerkte der Jäger, daß sich auf einmal von allen Seiten schwere Gewitterwolken zusammenballten, obgleich doch gerade noch das schönste Wetter gewesen war. Und als er sich nun in tollkühnem Sprung auf Zlatorog stürzen wollte, um ihn mit dem Jagdmesser zur Strecke zu bringen, senkte der Bock drohend das Haupt, und aus seinem goldenen Gehörn zuckten furchtbare Blitze.

Ein Donner rollte ihnen nach, so gewaltig, daß der ganze Triglav erbebte, als würde er zusammenstürzen.

Nachdem sich das Gewitter verzogen hatte, war von dem jungen Jäger nichts mehr zu sehen. Er war vor Entsetzen über das Geschaute in die Tiefe gestürzt und mit zerschmetterten Gliedern in den wild schäumenden Isonzo gefallen. Rot färbte sich das Wasser von seinem Blut.

Zlatorog aber kehrte ohne Schaden zurück auf die Weide, und als sein Goldgehörn wieder in der Sonne erstrahlte, kehrte auch die verschreckte Herde zu ihm zurück.

Es wurde Herbst, es wurde Winter. Im Frühling kamen eines Tages Hirten ganz entsetzt in das Wirtshaus am Isonzo, wo die Tochter der Wirtin vergebens auf die Rückkehr des geliebten Jägers wartete, und berichteten, daß sich dort, wo sich seit urdenklichen Zeiten der grüne heilige Garten der Rojenice befunden hatte, nach allen Seiten hin eine einzige, schier ungangbare Steinwüste ausdehne, bis an das Eis des Triglavs hinan. Das war das Werk Zlatorogs, der mit seinen blitzenden Hörnern die Erde so lange und so gründlich aufgewühlt hatte, bis der blanke Fels zutage trat, auf dem nichts wächst, weder Halm noch Blume.

Die tief gekränkten Rojenice sind mit Zlatorogs heiliger Herde aus der Gegend des Triglavs fortgezogen, wohin, weiß niemand. Der Schatz im Berge Bogatin aber ist bis zum heutigen Tage noch nicht gehoben, doch heißt es, daß nach siebenhundert Jahren mitten im öden Felsenmeer des Triglavs eine Tanne aufwachsen wird, aus deren Holz man eine Wiege für den Knaben zimmern soll, welcher dereinst - auf Geheiß der Rojenice - den Schatz in der Bogatinhöhle heben wird.

Quelle: Volkssagen aus aller Welt, Wien 1953