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69. Die Wette

In später Abendstunde saßen einst in einer Dorfwirtschaft noch Gäste beisammen und unterhielten sich mit Geistergeschichten. Der eine meinte, es wäre nicht geheuer, um die Mitternacht auf dem Friedhof zu weilen, und ein anderer machte die Wette, es hätte keiner den Mut, in der Geisterstunde Nägel in die Kirchentüre zu schlagen. Die Wirtstochter, ein gar lustiges, munteres Ding, lachte über die kleine mutigen Männer und meinte, das wäre ihr ein Spaß, das Verlangte auszuführen, und als die Gäste zweifelten, ergriff sie punkt 12 Uhr Hammer und Nägel und lief zur Türe hinaus, der Kirche zu.

Die Gäste erwarteten sie mit Bangen zurück, und als eine gar zu lange Frist verstrich, ohne daß sie erschien, gingen sie in Ängsten, nachzusehen. Da lag das Mädchen ausgestreckt bei der Kirchentüre, und ein Stück seines Schürzchens sahen sie an einem der eingeschlagenen Nägel haften.

Als das Mädchen aus der Ohnmacht erwachte, gestand es, daß es mit einigem Grauen an die Türe herangetreten sei. Und als sie, von dem dumpfen Dröhnen ergriffen, sich beeilt habe, den letzten Nagel einzuschlagen und sich zu entfernen, sei urplötzlich aus der Türe eine Hand erschienen, die sie zu packen suchte. Darüber sei sie vor Schreck bewußtlos geworden.
G. Hagmann.

Ähnliches erzählt man in Hinterforst, Altstätten. Dort aber läßt man die Tochter um die Mitternachtsstunde nach dem Friedhof gehen, wo sie ein Messer in ein bestimmtes Grab einstecken soll. In der Eile sticht sie durch den Saum ihres Kleides, wendet sich rasch zum Gehen und fühlt sich plötzlich festgehalten. Sie fällt hin und stirbt.

Quelle: Sagen des Kantons St. Gallen, Jakob Kuoni, St. Gallen 1903, Nr. 69, S. 30f
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Irene Bosshard, April 2005.