|
SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Schweiz >> Sagen des Kantons St. Gallen, Jakob Kuoni |
|
|
116. Venediger Unsere Berge sind erzreich. Das wußten vor Zeiten die Venediger;
diese kamen her und sammelten kostbare Steine in ihre Säcke. Sie
sagten, man werfe hier mancher Kuh einen Stein nach, der mehr wert sei
als die Kuh selbst. Die Venediger fanden aber auch flüssiges Gold;
an gewissen Stellen unserer Felsen stellten sie ein Gefäß hin,
in welches das Gold träufelte. Waren die fremden Männer reich
genug, so kehrten sie nach Venedig zurück, wo sie in schönen
Palästen wohnten. Die Fußböden der Häuser, ja sogar
die Straßen der Stadt waren mit Talern belegt. Nun war ja Venedig seiner Zeit ebenfalls ein reiches, glänzendes
Staatswesen, und der Schluß liegt nahe, daß der Volksmund
den Reichtum der schönen Lagunenstadt auf solche Quellen zurückzuführen
wußte. Endlich hat man nur noch in Betracht zu ziehen, daß
ein gewöhnliches Menschenkind die geträumten Schätze in
unserm Gestein nicht zu entdecken vermochte, so war der fremde Goldgräber,
der glücklicher sein wollte, auch gleich zum Zauberer geworden, der
mit unsichtbaren Gewalten im Bunde stehen mußte. Der Venediger ist
also ein Zwerg, der zum heidnischen, fremden Zauberer ausgewachsen ist. Quelle: Sagen des Kantons St. Gallen, Jakob Kuoni,
St. Gallen 1903, Nr. 116, S. 55 |