167. Der Markenrücker auf Gaplon

Ein Mann im Kreuzgäßli bei Oberschan wurde mitten in der Nacht durch starkes Klopfen aufgeweckt, wie wenn jemand Einkehr halten möchte. Der Oberschaner war nicht gewillt, sich seine Nachtruhe rauben zu lassen und schlief wieder ein. Bald aber wiederholte sich das Klopfen; es wollte nicht aufhören, und der Hausherr fühlte sich bewogen, den nächtlichen Ruhestörer zur Ordnung zu weisen. Er schlüpfte eilig in die Hosen, ergriff beim Gang durch die Küche ein Scheit und sprang vors Haus hinaus.

Jetzt sah er seinen schon vor Jahren verstorbenen Nachbar. "Wenn du mir noch einen Liebesdienst erweisen willst, so nimm Schaufel und Pickel und folge mir," redete ihn der Wiedererschienene an. Der Oberschaner konnte die Bitte des lieben Verstorbenen, der ihm zu seinen Lebzeiten so manchen Dienst erwiesen, nicht abschlagen, und so wanderten die beiden stillschweigend Gretschins zu. Unweit der alten St. Martinskirche liegt eine Wiese, man nennt sie Gaplon; hier machten sie Halt. Weil das ganze Gebiet zu jener Zeit stark zerstückelt war, standen dort viele Marksteine. Eines dieser Grenzzeichen, ein mit Zeugen wohl versehener Findling, wurde nun, dem Wunsche des Verstorbenen zufolge, mit vieler Mühe an eine andere Stelle versetzt. Jetzt wollte der Geisterhafte dem Oberschaner als Zeichen des Dankes die Hand bieten; dieser reichte ihm aber nur den Schaufelstiel. Der Tote verschwand, und im Schaufelstiele waren fünf Finger tief eingebrannt.

Auf der Wiese Gaplon sind die Marksteine verschwunden; eine Menge Grabdenkmäler erinnert uns daran, daß das Leben hienieden auch seine Grenze hat.

Auch der Markenrücker scheint seine Ruhe gefunden zu haben wie die andern Wartauer, welche dort liegen; denn er hat sich nie mehr gezeigt.
Heinrich Hilty.

Quelle: Sagen des Kantons St. Gallen, Jakob Kuoni, St. Gallen 1903, Nr. 167, S. 79f
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Irene Bosshard, Mai 2005.