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Zur Erinnerung
an
Jakob Kuoni
alt Lehrer

Jakob Kuoni wurde am 6. November 1850 in seiner Heimatgemeinde Maienfeld geboren, an einem Mittwoch, was etwelche Bedenken veranlassen wollte. Aber die vermeintlichen bösen Mächte gewannen keine Gewalt über den Knaben, erbte er doch von einer körperlich und seelisch gesunden und starken Mutter den Frohmut und die Lebens- und Arbeitsfreudigkeit, die ihm zeitlebens eigen geblieben sind. Jakobs Vater hatte mit 6 Jahren die Eltern verloren und kam völlig mittellos in fremde Hände, hatte sich aber bis zu seiner Verheiratung als Knecht bei der Landwirtschaft so viel erspart, daß er für einige hundert Gulden ein kleines Häuschen kaufen konnte, hinten in einem dunkeln Hof, so daß in Wirklichkeit nur wenige Bewohner des kleinen Landstädtchens es je gesehen haben; aber die Nachbarn haben's gefunden und gekannt, wenn sie sich nach Feierabend die Zeit zu kürzen suchten; denn bei Nachtwächter Jakob Kuoni war alle Abende Konzert. Der Vater selbst, müde von der Arbeit, nahm das Kleinste auf das Knie und sang, was er wußte: Jägerlieder, Kriegslieder, Liebeslieder, so daß alle seine 6 Kinder singen und sprechen zugleich lernten, und als die größeren in die Schule gingen — Jakob war das dritte — kam ein unerschöpflicher Schatz von Schulliedern dazu, die Gemeingut aller waren. Und an dankbaren Zuhörern fehlte es nie.

Mit der beginnenden Schulpflicht kamen die Hausaufgaben, die damals höher angeschlagen wurden als heute; die Bündnerschulen als bloße Winter-Halbjahrschulen, wollten sie nicht entbehren. Die Kinder saßen über den Büchern und Heften am Tisch, beim spärlichen Schein eines Oel- oder Talglichtleins, das sie mit einigen Spinnerinnen zu teilen hatten. Oft kamen auch Mitschüler her und zwar recht weit her und aus großen Häusern, da sie namentlich bei Jakob eine schätzenswerte Anleitung zur Lösung der Aufgaben fanden.

Im März 1866 wurde Jakob konfirmiert. Bis in diese Tage hatte er die Primarschule seiner Heimat besucht und daneben willig und fleißig bei den Feldarbeiten geholfen, an denen kein Mangel war, da seine Eltern unterdessen ein großes "Lehen" angetreten hatten, das sie um den halben Jahresnutzen zu bearbeiten hatten. Des Knaben Wunsch, Lehrer zu werden, schien nicht in Erfüllung gehen zu wollen, da der Vater erklärte, diesen einen am allerwenigsten bei der Tagespflicht entbehren zu können. Aber der sorgliche Lehrer der obersten Klasse, der spätere Erziehungsrat Christian Enderlin, kannte feines Lieblingsschülers Herzenswunsch und offenbarte ihn an der richtigen Stelle: Herr Landammann Anton Herkules Sprecher v. Bernegg, der Vater des späteren schweizerischen Generalstabschefs, ließ in den letzten Augusttagen des Jahres 1866 den Vater Kuoni zu sich kommen und sagte kurz und gut: Aus dem Knaben kann etwas werden, und ich will ihn ausbilden lassen; wenn er dann ins Amt kommt, wird er mir die Kosten zurückzahlen! Dieses Wort war so gut wie eine schriftliche Vereinbarung. Drei Tage nachher trat Jakob ins Seminar in Schiers ein, also bloß mit Primarschulbildung. 1869 verließ er die Bildungsanstalt, um seine erste Stelle anzutreten als Hilfslehrer bei Erzieher Pfändler in Oberhelfenswil. Der Kontrakt lautete auf freie Station und Fr. 400.- jährlich in bar.

Hier blieb der junge Schulmann aber nur ein Vierteljahr, da er von der "Erziehung" anders dachte als sein Vorgesetzter. Den Winter 1869/70 verbrachte er in Maienfeld, wo er die zweite Stadtschule besorgte für Fr. 360 Salär. Im Frühling 1870 bestand er die Konkordatsprüfung (Staatsexamen) und die Rekrutenschule in Chur, half bis in den August tapfer in der Landwirtschaft mit, weil er als Bündner Lehrer für sein Leben lang halb Landwirt, halb Jugendbildner zu bleiben gedachte; aber noch im gleichen Monat erhielt er durch Vermittlung seines Seminarlehrers Jakob Brüschwiler unerwartet einen Ruf als Schulverweser nach Krinau im Toggenburg. Im Spätherbst des gleichen Jahres kam er dann für zwei Jahre nach Engt im Kanton Glarus, wo er einen Jahresgehalt von Fr. 900.- bezog und nun ernstlich an die Rückzahlung seiner Studienschuld ging. Im Herbst 1872 kam er nach Kirchberg (Toggenburg), wo er an einer Gesamtschule eine rastlose Tätigkeit entwickelte, auch rüstig an seiner mangelhaften Ausbildung Verbesserungen vorzunehmen suchte. Im Oktober 1874 verehelichte er sich mit Mariette Wiget von Rupperswil, welche Verbindung schon im März 1876 durch einen raschen Tod der Gattin gelöst wurde. Im Oktober 1878 ging Kuoni eine zweite Ehe ein mit Wilhelmine Schultheß von Stäfa und dieser entsprossen zwei Mädchen.

Unterdessen war der eifrige Schulmann einer Wahl in die Kantonshauptstadt gefolgt, im August 1880, als evang. und kath. St. Gallen sich zu einer bürgerlichen Schule vereinigten. Drei Jahre unterrichtete er an der Knabenunterschule und kam dann an die Mädchenoberschule zur Blumenau, wo er sein eigentliches Arbeitsfeld fand. Was Jakob Kuoni hier gearbeitet hat, können wenige Zeilen nicht sagen. Er war ein Probier im besten Sinne des Wortes. Nichts war ihm gut genug; er war der Ansicht, man könne es noch besser machen. Ein Patent hat er auf seine "Erfindungen" nicht genommen; aber was er als brauchbar erkannt hatte, das hat er in uneigennützigster Weise seinen Kollegen mitgeteilt, weshalb namentlich die jüngern Lehrer sich gern um ihn versammelt haben, um sich von ihm raten und leiten zu lassen. Daneben stand er allen denjenigen bei, die in jugendlichem Ungestüm sich etwa allzuweit aus der sichern Front vorwagten und dann in Not gerieten. Manch einen hat er durch sein persönliches Dazwischentreten, namentlich mit seiner sichern Feder gegen die Angreifer gedeckt und hat sich dabei manchen warmen Handdruck geholt. Der echten Kollegialität hat Kuoni in seinen guten Jahren gern ein schätzenswertes Opfer gebracht.

Im April des Jahres 1904 erhielt Kuoni völlig unerwartet einen Ruf auf die Kanzlei des Schulrates. Er entschloß sich schwer, von seiner Schule, mit der er aufs engste verwachsen war, zu scheiden. Doch es sollte ja kein Scheiden sein; er sollte der Vertrauensmann einer Behörde werden, der er als Angestellter die aufrichtigste Hochachtung entgegenbrachte. Er sprach darum: "Ein rechter Soldat fragt nicht, warum er diesen oder jenen Posten beziehen soll, sondern er stellt sich zur Verfügung." Es war ja von beiden Seiten gut gemeint, vom Schulrat, daß er einen Lehrer in seme Mitte aufnehmen wollte, auch vom Lehrer, daß er sich getraute, die Interessen seiner Gemeinschaft in der Behörde zu vertreten. Aber es lag in der Natur der Sache, daß da und dort Enttäuschungen nicht ausblieben, und daß eine durch und durch offene und gerade Natur in der neuen Aufgabe nicht die gleiche innere Befriedigung fand, welche die Schularbeit auch heute noch zu bieten vermag. Kuoni hat sich im Stillen tausendmal zu seinen Kindern zurückgewünscht und heimlich manche Träne aus den Augen gewischt, wenn er seine Kollegen bei der gewohnten Arbeit sah. Aber es war niemals seine Sache, vom Pflug wegzulaufen; er harrte am Schreibpult und an der Schreibmaschine aus und freute sich in einem "Lied ohne Worte", wenn er hie und da doch einen Ratschlag erteilen und einen kleinen Sturm, der aufs Schulhaus hinzielen wollte, beschwichtigen durfte. Bis zum Jahre 1918, bis kurz nach der Vereinigung St. Gallens mit den Außengemeinden Tablatt und Straubenzell, hat Kuoni das Amt eines Schulsetretärs mit großer Gewissenhaftigkeit und Umsicht versehen, hat aber mit Bitternis Abschied davon genommen, da er gar manche Enttäuschung erleben mußte.

J. Kuoni war eine der bekanntesten Lehrergestalten der Stadt St. Gallen. Er war ein echter Sohn seiner bündnerischen Heimat. Rastlose Arbeitslust war sein Lebensglück bis in seine alten Tage, und mit zäher Energie verfolgte er seine selbstgewählten Ziele. Er besaß einen unbeugsamen Willen. Erhobenen Hauptes ging er seinen Weg, ein freier Mann mit freiem Sinn. Sein Inneres erschloß er nur seinen intimsten Freunden. Nach außen wußte er mit bewunderungswürdiger Selbstbeherrschung kalte Ruhe zu bewahren, wenn auch seine Seele lochte. Bei Behörden und in der Lehrerschaft genoß er hohes Ansehen. Er kämpfte manchen furchtlosen Kampf um Schule und Lehrerschaft und war allzeit ein dienstbereiter Kollege.

J. Kuoni war eine Kraftgestalt. Bis ins hohe Greisenalter hinauf bot er ein Bild unverwüstlicher Lebenskraft und erfreute sich beneidenswerter Gesundheit. Im September 1918 trat er in den wohlverdienten Ruhestand und siedelte wieder nach Maienfeld über. Noch fast volle 10 Jahre war es ihm gegönnt, mit seiner Gemahlin, an der er mit inniger Hingabe hing, seine Lebensjahre zu beschließen. Im Herbst des Jahres 1927 mußte er sich im Kantonsspital in St. Gallen einer schweren Operation unterziehen. Mit bewunderungswürdiger Geduld ertrug er furchtbare Schmerzen, lebte aber beständig in der Hoffnung, wieder gesund zu werden. Allein seine Lebenskraft war gebrochen; seine eiserne Willenskraft nutzte unterliegen. Am 23. Juli neigte er sein Haupt nach einem arbeits- und erfolgreichen Leben zum letzten Schlummer.

J. Kuoni hat sich nicht nur einen Namen erworben als vorzüglicher Lehrer und Methodiker, er wirkte auch erfolgreich als Schriftsteller. Er hatte eine Sprachlehre und eine Schweigergeschichte herausgegeben, ebenso in drei Bändchen eine Anleitung zu freien Aufsätzen: "Was schreiben wir heute" und einige Bändchen: "Dramatische Kleinigkeiten für Schule und Haus". Nach dem Tode von Lehrer U. Früh besorgte er die Umarbeitung der Schülerheimatkunde der Stadt St. Gallen. Er schrieb auch eine Schulgeschichte der Stadt St. Gallen, eine Geschichte des Jugendfestes, sammelte die Sagen des Kantons St. Gallen und gab sie in einem schönen Band heraus. Ueber die Grenzen des Kantons St. Gallen ist er bekannt geworden durch die im Verlage Müller u. Cie. in Zürich erschienene Jugendschrift: "Zum 600. Jahrestag der Gründung der schweizerischen Eidgenossenschaft". Besonders zu erwähnen sind seine andern Jugendschriften: "Verwaist, aber nicht verlassen", "Balzli, der Schwabengänger" und namentlich "Der Nachtwächter Werner".

Letztgenannte Jugendschrift wird mit besonderer Vorliebe in vielen Schulen als Klassenlektüre gelesen. In den letzten Jahren erschien eine Broschüre: "St. Luzisteig und Kunkels". Für das kantonale bündnerische Sängerfest, das dieses Jahr in Maienfeld hatte abgehalten werden sollen, hatte er ein Festspiel geschrieben. Die Aufführung seines letzten dichterischen Schaffens erlebte er nicht mehr, da das Fest verschoben weiden mußte. In den st. gallischen Schulen aber wird er unvergessen bleiben als Dichter des vielgesungenen, von Musikdirektor Willi, Wädenswil, vertonten Liedes:

"'s Schwizerländli ist no chli       
aber schöner chönt's nit sy,          
Gang i d'Welt, so wyt du witt,      
Schön'ri Ländli gits gar nit."

Quelle: Sagen des Kantons St. Gallen, Jakob Kuoni, St. Gallen 1903, Anhang S. 9
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