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Die Rache des Türst

Oder wie sich die Kobolde des Santenberges zu  giftigen Zecken wandelten


Unterwegs im Christmonat! Seltene und seltsame Eindrücke warten dem Wanderer in dieser Zeit, wo Heidentum und Christentum aufeinander prallen ja  oft gar in Sagen und Bräuchen verschmelzen. So stand ich auf dem Santenberg ob Wauwil unvermittelt vor einem hölzernen, doppelbalkigen Lothringerkreuz.

Ich starrte auf die sonderbare Inschrift:  HIER JAGTE DER TÜRST. Vergebens suchte ich nach Erklärungen und Deutungen. Und seltsam spielte derweil auch die Natur. Dunkle Wolken waren am Winterhimmel aufgezogen, aus denen die ersten Blitze herausschossen und in den entblätterten Baumkronen rauschten schon heftige Windstösse, als ich mich vom Holzkreuze und von meinem Sinnieren losriss. Ein Wintergewitter! Ich eilte von der Chätzigerhöchi hinunter, um noch rechtzeitig  einen schützenden Unterstand zu finden. Und da war auch schon diese alte Scheune auf Engelberg, deren Tennstore beidseits noch weit offen standen, trotz der Kälte. Der Bauer werkte was nebenan, und so griff ich nach einem der Tore: "Grüss euch Gott, guter Mann! Ich helfe euch, das Gewitter ist gleich da!" Doch wortlos drückte mich der Bauer zur Seite, griff seinerseits nach dem Tor und öffnete es wieder. "Ein Wintergewitter kommt, stimmt, und der Türst mit ihm" brummte er und begab sich ins Haus. Die Tennstore blieben speerangelweit offen, beidseits, zeitwährend des ganzen eisigen Gewittersturmes, der gar heftig losbrach und mich fast durch das Tenn hindurch  gefegt hätte. Ich drückte mich in eine Ecke und umklammerte mit kaltstarren Fingern einen Holzpfosten.

Anderthalb Stunden später zu Altishofen hielt ich der alten Kornschütte oberhalb des Schlosses zu. Das Gewitter, das frostigen Regen in die Landschaft gewirbelt hatte, war längst verzogen, der Himmel wieder klar und eine kalte Nacht hereingebrochen. Das Wasser vom angeschwollenen  Schlossbach stürzte noch erdbraun zu Tal. Ich wusch noch meine schmutzigen Schuhe im Schlossbrunnen, misstrauisch vom herbeigeeilten Bäri beschnuppert, und sass wenig später beim alten Karrer in der wohligwarmen Stube. Ich taute meine Finger am Kachelofen auf. Der gastfreundliche Mann holte vorfärndrigen Most vom Keller und goss mir ein, schaute  zum regenverspritzten Fenster hinaus und seine Augen verweilten lange auf dem im Mondschein fahl leuchtenden Santenberg jenseits der Wigger. "Ja von dort, wo Ihr eben hergekommen seid, gibt’s auch so eine alte Geschichte, zugetragen vor Hunderten von Jahren", begann er nach einer langen Weile mit bedächtiger Stimme:

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"Damals herrschten harte Zeiten.  Doch Moral und Ehre standen beim einfachen Volk über dem Erbarmen und über der Nachsicht. So auch bei diesem Mädchen. Es  war vom Vater verstossen worden, weil es von ihrem geliebten Burschen ein Kind bekommen hatte, einem fahrenden Gesellen, der bei einem Tischler gewerkt hatte und den die Eltern einem nichtsnutzigen Zigeuner gleichsetzten und der längst durchs Wiggertal abwärts weitergezogen war. Das armselige Mädchen suchte Unterkunft, Arbeit und Hilfe bei  wohlgesinnten Leuten  und gelangte  alsdann bei Alberswil  an den reichen Burgherrn vom Kastelen. Doch der verruchte Herr, kinderlos verheiratet, nahm ihr nur das Kind weg, ein hübsches Mädchen, und jagte die junge Mutter vondannen.

Die Frau eilte die Wigger abwärts und durchstreifte schluchzend die Gegend am Fusse des Santenberges. Sie hielt dem Armensünderchäppeli in Egolzwil zu, um die Heiligen anzuflehen. Vor der Kapelle aber stand ein stattlicher Mann mit stechenden Adleraugen und sprach sie ihrer verweinten Augen wegen an. Die Frau spürte, dass dieser Mann mehr als nur Brot essen konnte. Es war der Türst. Er bot ihr seine Hilfe an für das Versprechen allerdings, dass ihr Töchterlein später mit siebzehn Jahren seine Geliebte werde. In ihrer Not willigte die arme Frau ein, konnte sie doch wenigstens ihre Tochter für viele Jahre wieder bei sich haben und ausserdem, wer weiss, in siebzehn Jahren würden einetwegen nur noch der Mond und die Sterne am selbigen Orte stehen. 

Türst aber war niemand anders als der heidnische Wodan, der Beherrscher der Lüfte, der sich zur selbigen Zeit als Jäger unter die Menschen gesellt hatte  und die Wälder des Santenberges nach Wild durchstreifte, aber auch als Wildhüter. Ein sagenhaftes Einhorn wurde unlängst auf dem Santenberg gesichtet und seither von Jägern aus nah und fern gejagt. Türst aber wies die zahlreichen Kobolde des Santenberges an, die Jäger auf Biegen und Brechen daran zu hindern. Und so stellten sie den Jägern allerlei Fallen, warfen ihnen Knüppel zwischen die Beine sodass sie stolperten, oder stüpften ihnen mit spitzen Stecklein in die Waden. Kamen die Jäger dennoch durch, so stellte sich Türst  unsichtlich vor das Einhorn, sodass es den Jägern immer wieder entkam.

Auch die  prächtigsten Hirsche und die stolzesten Adler, die damals noch über dem Santenberg kreisten, bewahrte Türst vor dem Jägertod,  um  dem  Walde  so die  besten  Vatertiere zu  erhalten.

Die Mutter erhielt ihr Kind auf wundersame Weise zurück, ohne dass ihr der geheimnisvolle Held auch nur eine Frage nach dem Wie und dem Womit beantwortet hätte, und heiratete bald einen lieben Mann, einen Köhler vom Cholirütiwald.

Als das Kind erwachsen war, klopfte eines frühen Morgens tatsächlich der Türst an die Türe des Köhlers, der schon zur Arbeit aufgebrochen war, und verlangte von der überraschten Frau die Einlösung des Versprechens. Sie erbleichte. Doch ihre Tochter fand sogleich Gefallen an dem stattlichen Manne, der zum Erstaunen der Mutter kein Bisschen gealtert schien. Die Mutter blieb nun ohne ihre Tochter zurück. Zu ihrem Troste  hatte sie inzwischen drei Söhne von ihrem Manne und verkraftete so den Verlust ihrer unehelichen Tochter.

Diese Geliebte des Türst war eine barmherzige Frau und eine begnadete Hellseherin, die vor grossen Stürmen, Erdbeben und Wasserfluten  irgendwo um den Santenberg auftauchte, um gefährdete arme Leute vor dem nahenden Unheil zu warnen, die sonst Leib, Kinder oder Gut verloren hätten. Sie soll auch den Ruf einer wundersamen Heilerin gehabt haben.

Einst, in der Fronfastenzeit nach Pfingsten, als sie eben unweit von Alberswil  eine arme Familie vor einem gruseligen Quatembersturm warnen wollte, wurde sie vom rohen Ritter der nahen Trutzburg erspäht, derselbige  der sie einst ihrer Mutter beraubt hatte. Das allerdings stand ihm nicht mehr zugegen und er war noch immer der gleiche Unflat. Unter dem Vorwand, sie möge doch seiner todkranken Magd helfen, was gelogen war, lockte er die schöne Frau in seine Burg. Doch kaum in seinen Mauren legte der Ruchlose Hand an die Frau und entehrte sie. Darnach jagte er sie, wie einst  ihre Mutter,  vor die Tore. Weinend suchte die Frau das Weite und fand Unterkunft in einem Ziegengaden am Dachsenberg, denn eine Sturmnacht brach bald herein.

Noch am selbigen Abend berichtete dem Ritter ein vorüberziehender Reiterbote, der eine Eilbulle des Bischofs von Basel an die Hohen Herren zu Luzern mit sich trug, dass er einer jungen Frau in einem gar jämmerlichen Zustande begegnet sei. Sie habe vor Schluchzen kein vernünftiges Wort herausgebracht und er habe ihr geholfen, eine Gadentüre zu öffnen. Dort habe sie bestimmt Schutz vor Sturm und Regen gesucht. Leute in der Dorfschenke hätten ihm dann zugetragen, bei dieser Frau handle es sich sicherlich -  bhüetisgott! - um die Geliebte des mächtigen Jägers Türst vom Santenberg. Der wüste Ritter befürchtete nun Vergeltung. Kaum dass der Reiterbote weitergezogen war,  suchte er mit seinen Knechten nach der Frau, liess den Gaden verriegeln  und mitsamt der jungen Frau darin abbrennen, um jegliche  Spuren seines schändlichen Tuns zu verwischen. 

Derweilen sass Türst vor seinem Jagdzelt. Gewitter und Sturm hatten den Santenberg verschont und Türst sah besorgt mit an, wie die Hauswurz auf dem morschen Baumstrunk plötzlich einen Stengel trieb, aus dem sodann die Blüten der Todesnähe hervorsprossen. Und gleichzeitig flogen auch schon die beiden Zwillingsvögel zur alten Helgeneiche nebenan und sangen das Elendlied:

Feuer heiss, Feuer rot
sei schnell bereit
gen Süden reit!
gross, o gross die Not!


Türst sprang auf und erstarrte. Aus den stechenden Adleraugen schossen feurige Blitze. Er schwang sich auf seinen  Jagdschimmel und flog in Windeseile den Berg hinab, sodann die Wigger aufwärts  und stürzte sich in den lichterloh brennenden Gaden.  Zu spät!

Der wilde Jäger nahm furchtbare Rache. Er rief seine Freunde und Gehilfen aus urigen Zeiten zu sich. Von Büron eilte der Hüne aus dem Helgenholz herbei, von Willisau der schnaubende Stadtstier und der feuerhalsige Strassenhund aus dem Enziwald, von St. Urban donnerte die Feuerkutsche los und lud unterwegs die beiden Geister vom Nebensbergwald und vom Santenberg trabte das prächtige Einhorn an.

Mit Türst an der Spitze stürmte die illustre Schar gegen die Zwingburg, pochte an das Tor und begehrte Einlass. Der Ritter dachte nicht daran und befahl seinen Waffenknechten den Widerstand. Mit einem mordsgrossen  Eichenstamm, den die Wigger bei einer Gewitterflut vom Napf bis hierher getragen hatte, rammten Türst und seine Kampfgesellen das Tor. Türst nagelte den ruchlosen Ritter in einen rohen Holzschaft und verbrannte diesen mitsamt dem Inhalt. Dann verjagte er die Waffen- und Rossknechte des Übeltäters und brannte die Burg nieder.

Doch die urigen Gesellen und der Türst trennten sich nimmermehr. In den kalten Stürmen im Christmonat, im Jänner und im Horner jagt er seit selbiger Zeit in einem wilden Tross, zu dem sich lechzende dreibeinige und einäugige Hunde, schnaubende Pferde und schreiende Raubvögel mit Menschenköpfen gesellt haben, durch die Lüfte und versetzt die Menschen vom Santenberg in Angst und Furcht. Es geht die Mär, Türst suche dabei in allen Gaden und Tennen nach seiner Geliebten.  Wehe, sollte er ein Tenn verschlossen antreffen! In wilder Wut werden die Tore gerammt und der ganze Tross donnert hindurch. Stehen die Tore aber weit offen, so werden Haus und Hof verschont.

Und Türst holte eines Tages auch die Mutter seiner elendiglich umgekommenen Geliebten in seinen Tross. Diese Frau hatte in einem Kriege alle drei Söhne verloren. Sie wollte ihren Erdenwandel verbittert beenden, verliess an Sankt Luzei ihr Haus am Längstrich und rief während eines heftigen Quatembersturmes auf der Chätzigerhöhe nach dem wilden Jäger. Seit jener Stund jagt sie als Strichele mit dem Türst in der wilden Horde durch die Lüfte. Und sie versuche, so geht die Sage, unterwegs kleine Mädchen zu entführen vom Wahn erfüllt,  es könnte jeweils ihre ermordete Tochter sein. Und seit jener Zeit steht da auf der Chätzigerhöchi ein hölzernes, doppelbalkiges Wetterkreuz, um den Türst und seine wilde Horde zu besänftigen.

Den Kobolden aber in den Wäldern des  Santenberges verweigerte Türst die Aufnahme in seinen Sturmestross. Stattdessen wandelten sie sich im Laufe der Zeiten zu giftigen Zecken, die Vorüberziehende anfallen und oft mit wüsten und todbringenden Krankheiten beladen.

***

Quatemberzeiten und Fronfasten

Ursprünglich aus heidnischem Brauchtum stammen die vierteljährlichen Fastenwochen mit den Fronfastentagen Mittwoch, Freitag und Samstag. Die Quatemberzeiten waren besonders geheimnis- und sagenumwoben.


Luzei

ist der Tag der St. Luzia (13. Dezember), ein Quatembertag, dem eine Fronfastenwoche folgt. Dieser Tag taucht oft in Sagen aus katholischen Gegenden auf.


Die Hauswurz

blüht nur einmal in ihrem Leben und zwar kurz vor ihrem Absterben. Man glaubte daher, ihr Erblühen künde den Tod eines nahestehenden Menschen an.


Das Einhorn

hat, wie viele andere Wesen aus der abendländischen Sagenwelt, seinen Ursprung in der griechischen Mythologie und gehörte zur Artemis, der Göttin des Mondes und der Jagd. 


Kobolde

sind kleine gewitzte Männchen, die gerne Schabernack treiben. Sie leben in Bäumen und alten Tierbauten.


Die Feuerkutsche von St. Urban

und die Geister vom Nebensbergwald sind Sagenfiguren nahe dem Bernbiet


Der Hüne aus dem Helgenholz

stellt sich als riesiger nackter Mann gelegentlich Leuten in den Weg, welche den Helgenwald ob Büron durchqueren wollen.

Der Strassenhund vom Enziwald

ist ein gewaltiger Hund mit leuchtenden Augen und feurigem Hals, welcher in der Adventszeit aus dem Enziwald heraustritt, die Gegend um Hergiswil und Willisau verunsichert und dann wieder in den Wald zurückkehrt.
 

Der Willisauer Stadtstier

trabt in der Adventszeit schnaubend und brüllend durch Willisau, nimmt dabei immer den gleichen Weg und verschwindet wieder.


Die Zecken

auf dem Santenberg zählen zu den gefährlichsten des Mittellandes.


Türst

Die Sagenfigur Türst stammt aus heidnischen Zeiten und wurde von Wodan oder Wotan abgeleitet. Seit alters her fürchten sich die Menschen vor den Jahreszeiten, die von Sturm und Unwetter begleitet sind. Dies ist besonders in den Fronfastentagen im Dezember der Fall, aber vereinzelt auch noch nach Neujahr.  Wenn die Winde nachts, oder tags, heulend um die Hausecken toben und an den Fensterläden reissen, dann ist der Türst mit seinem Gefolge unterwegs. Er jagt durch Dörfer, Wälder und Tobel. Auf einem schnaubenden oder feurigen Pferd reitend führt der höllische Jäger die wilde Jagd an, begleitet von jaulenden Hunden, wilden Pferden und unheimlichen Hornbläsern. Es ist ratsam dem wilden Tross sofort aus dem Wege zu gehen. (drü Schritt rechts, gang uswägs!) Der Türst (oder Dürst) kommt in vielen Sagen verschiedener Gegenden vor.

Die Strichele

oder Sträggele, wie man sie auch nennt, zieht an der Seite von Türst im wilden Sturmestross mit. Mal wird sie als Kinderschreck beschrieben, dann wieder als Hexe oder gar als Wohltäterin. Gelegentlich tritt sie unabhängig vom Türst als selbständige Sagenfigur auf.

 
Der Burgherr vom Kastelen

ob Alberswil kommt auch in andern Sagen vor, z.B. als geldgieriger Machtmensch.


Das doppelbalkige Wetterkreuz

auch als Lothringer- oder Caravacakreuz bekannt,  errichtete das  Bauernvolk   zur Abwehr der Mächte des Sturmes.


Quelle: Gehört und aufgeschrieben von Sepp Arnold, Oftringen (Schweiz), Emailzusendung vom 9. März 2006