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Die fliegende Viper

In den kleinen grünen Bergseen von Lona, von Larduzan und Esserce im Kanton Wallis haust ein Drache, der La Vuivra genannt wird. Seine Flügel sind ganz feurig. Auf dem Kopfe aber trägt er ein Krönlein von eitel spiegellautern Diamanten. Im Winter frieren diese kleinen Seen fest zu. Aber wenn es gegen den Frühling geht, hört man im Eise ein fürchterliches Dröhnen und Krachen. Das kommt vom Drachen Vuivra her, der dann das dicke Eis zu durchbrechen versucht. Dann fährt er plötzlich heraus und schießt mit feurigen Flügeln von einem See zum andern. Seine Nahrung besteht aus Goldsand, der den Grund dieser Seen bedecken soll. In Vouvry aber gibt es ein anderes drachenartiges Ungetüm, das aber mehr einer fliegenden Viper gleichen soll. Es hat einen feurigen Schwanz, und in der Stirn steckt ein großer Diamant, der als Auge dient und den man weithin leuchten sieht, wenn es fliegt. Oft badet sich diese fliegende Viper in den Bächen und Weihern. Aber jedesmal, bevor sie ins Wasser schlüpft, legt sie ihr diamantenes Auge am Ufer nieder. Schon viele Leute versuchten, den Diamanten zu erwischen, da er einen ungeheuren Wert haben soll, doch es gelang nie. Denn eifersüchtig wachte die Schlange über ihren Schatz und erdrückte jeden, der sich ihr zu nahen wagte.

Aber dann gelang es doch einem kühnen Mann von Vouvry, das Auge der Schlange, den großen Diamanten, zu gewinnen. Nämlich, als er die feuergeflügelte Viper wieder einmal durch die Luft fliegen sah, versteckte er sich im Gebüsch in der Nähe der Stelle, an der die Viper meistens zu baden pflegte.

Auf einmal schoß sie brausend heran, ließ den Diamanten ins Ufergras fallen und schlüpfte sorglos ins Wasser.

Jetzt schlich sich der Mann durchs Gebüsch und kroch auf Hand und Fuß der Stelle zu, wo er den Diamant gar hell im Grase funkeln sah. Er mußte sich aber sachte vorwärts schleichen, denn immer wieder tauchte die Viper aus dem Wasser auf und schlug also vergnügt mit ihren Feuerflügeln, daß das ganze Tal aufleuchtete. Immer näher und näher kam er dem kostbaren Steine. Einmal hob die Schlange wie lauschend den Kopf, aber dann tauchte sie tief ins Wasser hinunter. In diesem Augenblick streckte der Mann die Hand flink aus dem Busch, packte den Diamanten und wollte sich sachte, sachte wieder davonmachen. Ein Stück weit hatte er's schon gebracht, da hörte die Schlange ein dürres Ästlein knacken. Sie fuhr auf und hob den Kopf hoch empor. Und nun hörte sie deutlich das Knacken im Gestäude und merkte, daß ihr Auge, der unschätzbare Edelstein, nicht mehr im Grase liege. Zischend schoß sie aus dem Wasser und der Richtung zu, wo sie nun eilige Schritte durchs Unterholz brechen hörte. Denn nun hatte der kühne Mann von Vouvry gesehen, daß ihn die Schlange bemerkt habe und daß er sich mit noch so leisem Kriechen nicht mehr retten könne. Zum Glück hatte er das alles vorausgesehen und vorsorglich vorher ein leeres Faß in der Nähe der Badestelle ins Gebüsch gestellt. Das Faß aber hatte er rundum dicht mit spitzen Nägeln beschlagen. Behend hielt er auf das Faß zu. Aber schon hörte er die grause Schlange dicht hinter sich durchs Gebüsch rascheln, und weithin sah er den Schein ihrer aufleuchtenden Flügel. Nun sah er sie gar in die Luft steigen. Aber da war er auch beim Fasse. Es war die allerhöchste Zeit, denn kaum war er hineingeschlüpft und hatte den Deckel über sich fest zugezogen, so fuhr auch die Viper durch die Luft heran und versuchte das Faß durch Hin- und Herrollen umzustürzen. Als ihr dies nicht gelang, wurde sie wütend. Und da sie ohne ihr Auge, den kostbaren Diamanten, nichts sah, schlang sie sich blitzgeschwind um das Faß, um es zu erdrücken. Aber nun drangen ihr all die hundert spitzen Nägel in den Leib, und da mußte sie elend verenden.

Lange getraute sich der Mann von Vouvry nicht aus dem Faß. Als er aber doch hinauskroch und die tote Schlange sah, tat er einen lauten Jubelschrei und sprang hocherfreut nach Hause. Was er dann mit dem großen Diamanten anfing, hat man bis auf den heutigen Tag nicht vernehmen können.

Quelle: Meinrad Lienert, Schweizer Sagen und Heldengeschichten, Stuttgart 1915.
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Bettina Stelzhammer, Jänner 2005.