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Die Schweizer in fremden Kriegsdiensten

Um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts halfen die Schweizer viele Religionskriege in Frankreich und anderswo auskämpfen. Dabei kam es so weit, daß Schweizer gegen Schweizer schlagen mußten. Nämlich die katholischen Eidgenossen, sonderlich die Alpenkantone der Innerschweiz, zogen den katholischen, die reformierten Eidgenossen aber den Hugenotten, wie man die französischen Protestanten nannte, zu Hilfe. Das war eine gar böse Sache. Einst, als die große Schlacht zu Ivry zwischen dem französischen König Heinrich IV., der's mit den Hugenotten hielt, und dem Herzog Karl von Mayenne und seinen Liguisten ausgefochten wurde, ging es gar heiß zu. Lange schwankte der Kampf, bis endlich Heinrich IV., den man an seinem weißen Federbusch aus allen herauskannte, durch einen Sturmangriff den katholischen Feldherrn schlug. Sein Heer floh, bis auf die katholischen Schweizer der sogenannten fünf alten Orte Uri, Schwyz, Unterwalden, Luzern und Zug. Wie die Felsen ihrer Bergheimat blieben sie todesmutig stehen.

Da rief der Herzog Birra, der höchste Feldherr des Königs: "Die Schweizer sind eine lebendige Mauer, an ihnen verfängt Faust, Schwert und Speer nicht. Schafft die Geschütze heran! Man muß diesen Felsen mit Kanonenkugeln zerreißen!" Aber der König Heinrich war ein edler Herr. Voll Bewunderung schaute er auf die lebendige Mauer der gegenüberstehenden Eidgenossen, die so tapfer standhielten und lieber untergehen als fliehen wollten. Und willig hörte er auf die Anführer seiner eigenen Schweizerregimenter, die ihn baten, er möchte sie davor bewahren, daß sie auf ihre Eidgenossen losbrechen müßten. Im Augenblick nun, als der Herzog Birra die Geschütze auf die katholischen Schweizer losdonnern lassen wollte, schickte der König Boten zu ihnen und ließ ihnen sagen, daß er den Kampf gegen sie einstellen wolle, wenn sie ihm gegenüber ein Gleiches täten.

Hierauf gingen die arg in der Klemme sitzenden Schweizer willig ein. Sie rückten in guter Ordnung gegen das königliche Heer an. Aber auf einmal machten sie Halt, und ein Mann aus Unterwalden trat vor ihre dräuenden Reihen und forderte, altem Brauch gemäß, einen der gegenüberstehenden reformierten Eidgenossen zum Zweikampfe heraus. Jetzt trat aus den Reihen der reformierten Schweizer ein gewaltiger Mann aus Solothurn und erklärte im Namen seiner Länder Annahme der Herausforderung. Unter den Augen des Königs, dem dieser seltsame Brauch gar wunderlich vorkam, schlugen die beiden Eidgenossen nun wacker aufeinander los. Und als sich die beiden Helden nun genugsam verwundet hatten, also daß ihnen Helm und Faust vom Blute rot waren, ließen auf einmal beide Helden die Schwerter fallen, fuhren aufeinander los und umarmten sich. Und im selben Augenblicke stürmten die Eidgenossen beider Heere jauchzend aufeinander zu und umhalsten sich alle von ganzem Herzen, was alles den zuschauenden König und seine Höflinge mit großem Staunen erfüllte. Danach zogen sie beiderseitig in guter Ordnung mit Trommeln und Pfeifen wieder ab. -

Eine ihrer merkwürdigsten Taten aber verrichteten die Schweizer vorher im Dienste des schwachen französischen Königs Karl IX. Nämlich nach vielen siegreichen Gefechten war es dem berühmten Feldherrn der Hugenotten, Prinz Condé, gelungen, den König mit seiner Mutter und seinem ganzen Hof in Meaux einzuschließen, also daß der Feldherr hoffte, ihn abfangen und zu schmählicher Abdankung zwingen zu können.

Ein Feldherr des Königs, der nun mit seinen Frauensleuten und seinem ganzen Hof gar arg in der Falle saß, brauchte aber eine List. Er ging zum Prinzen Condé und versprach ihm im Namen des Königs alles mögliche. So gelang es ihm, den protestantischen Feldherrn hinzuhalten, bis die rasch zu Hilfe gerufenen Schweizerregimenter des Königs in Meaux anlangten. Gleichwohl war guter Rat teuer, denn der Feind war den Schweizern an Zahl weit überlegen. Daher wollte der König, trotzdem ihm die schweizerischen Heerführer dazu rieten, nicht aus dem Städtchen Meaux abziehen. Er fürchtete, auf dem Weg nach seiner Reichshauptstadt Paris vom überlegenen Feinde doch noch gefangen zu werden. Endlich aber ließ er sich zum Abzug nach Paris bewegen. Im Jahre 1567, in der Nacht vom dritten auf den vierten Weinmonat, verließen sechstausend Eidgenossen das feste Städtlein Meaux und zogen in stockfinsterer Nacht davon, um so rasch als tunlich nach Paris zu kommen. Aber bald waren sie von der feindlichen Reiterei von allen Seiten umschwärmt, und dann stürmte auch das hugenottische Fußvolk in hellen Scharen auf das eiserne Viereck los, in dem die Schweizer den König Karl, seine Mutter und all die zitternden Hofdamen mitführten. Die Hugenotten setzten alles daran, die Mauer der Eidgenossen zu durchbrechen, um den verhaßten König und seine noch verhaßtere Mutter herauszuholen.

Doch die Schweizer schlugen alle Stürme ab, und ernst und fest, Mann hart bei Mann, mit gefällten Speeren, rückten sie vor. Um Mitternacht, nach unaufhörlichen wilden Kämpfen, nachdem der Marsch zweiundsiebzig Stunden gedauert hatte, zogen sie in Paris ein. Der König war über den guten Ausgang des gefährlichen Zuges hocherfreut. Er schenkte dem obersten Heerführer eine goldene Kette und sagte offen: "Ohne meine Gevattersleute, die Schweizer, hätte ich Freiheit und Leben verloren." -

Noch viele Meisterstücke der Kriegskunst und des Heldenmutes verrichteten die Schweizer in fremden Diensten. Ich will aus den vielen hundert Heldenstücken noch die Tat des beherzten Neuenburger Fähnrichs Daniel de Chambrier erwähnen, der in der Schlacht bei Denain sein Panner fest an sich drückte und in den Scheidefluß sprang und lieber ertrank, als daß er das Landeszeichen in Feindeshände fallen ließ.

Dennoch war es ein Jammer für die eidgenössischen Lande, daß so viele Schweizer über alle Berge aus ihrer schönen Heimat und trotz aller Verbote fortzogen, um für fremde Könige und Fürsten ihr Heldentum und ihr Blut einzusetzen. Deswegen muß man sich auch nicht verwundern, daß einst der französische Minister Louvois zu den Eidgenossen vorwurfsvoll sagte, aus dem vielen Golde, das die Schweizer von Frankreich erhielten, könnte man eine Heerstraße von Paris bis Basel mit Talern bepflastern. "Was antwortete ihm aber der Schweizer Stuppa, ein Bündner? "Das kann schon sein, Sire", sagte er geschwind, "aber mit dem Blute, das in Ihren Diensten von Schweizern vergossen wurde, könnte man von Basel bis nach Paris einen Kanal füllen."

Einmal mußten die Schweizer aber auch gezwungen in den Krieg, nämlich als Kaiser Napoleon I., der fast die ganze Welt bekriegte, noch Rußland erobern wollte. Da waren nun auch vier Schweizerregimenter dabei, die dem Kaiser Rußland erobern halfen. Als aber dann die Stadt Moskau verbrannte und der übermütige Franzosenkaiser mitten im Winter bei einer furchtbaren Kälte wieder den Heimweg antreten mußte, starb ihm von seinem ungeheuren Heere die größte Zahl seiner Krieger, vernichtet vom verfolgenden Feind, noch mehr verhungernd und erfrierend. Wehe dem, der nicht mehr weiter konnte! Am schlimmsten aber sah es für die immer noch gewaltigen Reste dieser großen Armee aus, als sie an den brückenlosen breiten Fluß, Beresina genannt, kamen. Da mußte vorerst unter unsäglichen Opfern eine Brücke geschlagen werden, damit die Armee darüberziehen könnte. Aber das ging nicht so leicht. Immerfort stürmte der Feind in gewaltigen Reiterscharen heran und drängte Napoleons Heer zusammen. Als nun die Brücke fertig war und das Heer Napoleons darüberzuziehen begann, ließ der Kaiser die Tapfersten seines Heeres zurück, damit sie den Übergang der Regimenter gegen die immer kühner und zahlreicher heranstürmenden russischen Heere beschützten. Auch die überlebenden Schweizer, die nur noch einen geringen Bruchteil der ehemaligen vier stolzen Regimenter ausmachten, waren zur Deckung des Übergangs über die tiefe Beresina bestimmt. Und sie wichen nicht von ihrem Platze. Mit Heldenmut schlugen sie, im tiefen Schnee und grenzenloser Kälte ausharrend, immer wieder die Feinde zurück, bis endlich Kaiser Napoleon mit der Armee hinüber war. Dann zogen auch sie mit den Holländern und Polen, die mit ihnen ebenso mutig den Übergang verteidigt hatten, ans andere Ufer hinüber, hinter sich auf Befehl des Kaisers die Notbrücke verbrennend. Als sie zum Schutz der Brücke abkommandiert wurden, waren sie noch ihrer fünfzehnhundert wehrhafte Eidgenossen. Aber wie erschraken sie, als sich beim Appell, den ihre Hauptleute am anderen Ufer hielten, nur noch dreihundert Mann melden konnten. Doch ließen sie sich nicht beugen und zogen mit ihren Regimentsfahnen, wovon sie nicht eine einzige verloren hatten, dem von Gott getroffenen Kaiser Napoleon nach, bis sie endlich, schier völlig zusammengeschmolzen, unter ungeheuren Leiden die liebe, heißersehnte Bergheimat erreichten.

Eine große Heldentat der Schweizer in fremden Kriegsdiensten werde ich in einem späteren Geschichtlein noch besonders erzählen.

Gegen Mitte des neunzehnten Jahrhunderts ist dann das Reislaufen, wie man das schweizerische Söldnerwesen in fremden, besonders in französischen, spanischen und holländischen Diensten nannte, abgekommen. Die letzten Schweizerregimenter standen damals noch im Dienste des Königs von Neapel, wo sie vor lauter Langeweile, weil es doch nicht immer etwas zum Dreinhauen gab, Strümpfe strickten. Nur in der Ewigen Stadt Rom, beim Papste, steht heute noch eine kleine Schweizergarde katholischer Eidgenossen.

Quelle: Meinrad Lienert, Schweizer Sagen und Heldengeschichten, Stuttgart 1915.
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Bettina Stelzhammer, Jänner 2005.