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Geistermusik

2. Der Nachttanz am Schallberg

Vor vielen Jahren hatte einmal ein braver Walliser Hirt sein Vieh auf die Alp gebracht. Als er nun nachts beim untern Schallberg durch den alten Säumerpfad des Gantertales heimging, kam er durch einen unheimlichen Bergwald. Es war ihm recht übel zumute, denn überall im Tannenwald schien es zu knistern, und wie Schlangen krochen die Baumwurzeln über den holperigen Waldweg. Er war froh, als endlich das Tannendickicht aufhörte und er in die Lichtung hinaustreten konnte. Da verging ihm nach und nach die Angst.

Wie er jedoch im untern Schallberg anlangte, sah er in einem Hause an einer Halde die Fenster hell erleuchtet. Und wie er näher kam, vernahm er zu seinem Erstaunen eine wilde, betäubende Tanzmusik und hörte dazu das unbändige Stampfen und Trommeln vieler Bergschuhe. Es mußte wohl eine große Schar Menschen in dem einsamen Hause beisammen sein und tanzen. Wer ist wohl so verwegen, hier an einem so abgelegenen Ort, in so später Nacht noch einen Tanz abzuhalten? dachte er. Da fiel ihm ein, es könnten wohl junge Leute sein, die ihren verbotenen Tanzabend vor den Augen der Obrigkeit verbergen möchten. Einzutreten wagte er nicht, und doch hätte er gern erfahren, wer denn an diesem heimlichen Tanze teilnehme. Rasch stieg er auf einen nahen Holunderstrauch. Von da aus mußte er die Gesellschaft ganz gut überblicken können.

Aber als er auf dem Holunder saß, verstummte mit einem Male die Tanzmusik, die Lichter erloschen, und im Hause herrschte, wie ringsum, die wunderbare Stille einer Bergnacht. Nichts ließ sich hören als das Rauschen der Saltina unten im Gantertobel. Erschrocken stieg er vom Holunderbaum. Aber kaum hatte er den Fuß auf der Erde, begann zu seinem Erstaunen der Tanz in der wiederum hell erleuchteten Stube von neuem. Obwohl ihm ein kaltes Frösteln den Rücken überlief, glaubte er doch, sich getäuscht zu haben. Er stieg also nochmals auf den Holunder. Doch es erging ihm wieder wie das erstemal: tiefdunkel war die Stube, und kein Ton außer den schäumenden Wildwassern ließ sich hören.

Da ward ihm unheimlich. Er verließ den Holunder und wollte sich davonmachen. Doch als er die Tanzmusik wieder gar lustig aufspielen hörte, blieb er zögernd nochmals stehen. Deutlich hörte er jetzt die Hämmerchen über die Saiten des Hackbrettes rasen, und dröhnend wie Roßgetramp polterte der wilde Reigen in der Stube droben, und das Jauchzen der Tänzer hallte weit in die Nacht hinaus.

Nun packte ihn ein Grausen, und über Kopf und Hals lief er davon, ohne sich mit einem einzigen Blick umzusehen. Im Davonhasten dachte er darüber nach, ob er's da mit einer Geistergesellschaft oder mit lebendigen jungen Leuten zu tun hätte, die in dem abgelegenen Hause eine verbotene Tanznacht abhielten. Nach und nach schien's ihm immer mehr, er müsse sich getäuscht haben, es sei doch mit rechten Dingen zugegangen. Er ärgerte sich, daß er so feige davonlief, ohne den Tanzenden hinter ihre Schliche zu kommen und ohne sie erkannt zu haben. Doch er wollte es schon noch herausbringen, wer da verbotenerweise getanzt hatte. Also setzte er sich an der Chinbrücke nieder. Er mußte aber ziemlich lange warten. Doch zur Zeit etwa, als man die Frühglocke läutete, hörte er von der Aspe herauf den Zug der Tänzer und Tänzerinnen herankommen. Immer näher erklang die Tanzmusik, immer wilder und herausfordernder hallten die Jauchzer und Rufe der Tänzer und Tänzerinnen in den gegenüberliegenden Getjen. Schon war der Zug nahe bei Chin. Er meinte, im Mondschein deutlich in den alten, bleichen Gesichtern der Herankommenden die Züge junger, lebender und ihm wohlbekannter Leute zu erkennen. Doch ganz sicher erkannte er gleichwohl niemand. Eben wollte er aufstehen und sich der vorüberziehenden fröhlichen Gesellschaft anschließen, da fuhr auf einmal der ganze Zug wie eine feurige Bissaga (Laubsack) das Chin hinunter in die brausende Saltina. - Entsetzen packte den Hirten. Er floh in eiligen Sprüngen aus der verrufenen Gegend. Denn was er geschaut hatte, war ja wohl ein verwunschenes Tanzvolk, das für verbotene, heimlich abgehaltene Tänze abbüßen mußte.

Quelle: Meinrad Lienert, Schweizer Sagen und Heldengeschichten, Stuttgart 1915.
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Bettina Stelzhammer, Jänner 2005.