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Der Tag von Giornico

Nach dem Tode des Herzogs Galeazzo Sforza von Mailand im Jahre 1478 gab es zwischen dem Lande Uri und den Herrschern von Mailand allerlei Streitigkeiten, also daß zuletzt der Landammann von Uri und seine Räte dem Herzog und seiner Gemahlin den Krieg erklärten. Sie mahnten die Miteidgenossen zur Heerfolge auf, und bald stiegen denn auch zehntausend Eidgenossen über das tiefverschneite Gotthardgebirge ins Livinental in den heutigen Kanton Tessin hinunter, wobei sechzig Zürcher von einer Lauine überrascht und in der Tiefe zerschmettert wurden.

Ihnen zuvor waren aber Boten aus den Städten Bern, Solothurn und Freiburg in der kleinen, welschen Stadt Bellenz [Bellinzona] eingetroffen, die mit den Abgesandten des mailändischen Herzogs Friedensunterhandlungen pflogen.

Als aber der Landammann von Uri mit dem Landespanner und den Hilfstruppen aus Schwyz, Luzern und Zürich vor den Mauern von Bellenz anlangte, säumte er nicht lange und begann, trotzdem er die eidgenössischen Boten der Mitstände im Städtchen wußte, sogleich den Sturmangriff. Bald war die erste Ringmauer erstiegen und in die zweite Bresche geschossen. Da wurde es aber den Boten von Bern, Solothurn und Freiburg heiß und kalt im Städtchen, das von den Mailändern wohlbesetzt war. Der ungeahnte Angriff ihrer Miteidgenossen brachte sie in eine böse Lage. Sie mußten die Friedensverhandlungen abbrechen und mußten froh sein, daß sie ungeschoren aus den Mauern des bestürmten Städtleins herauskamen. Aber im Lager der Eidgenossen empfing man sie nicht überall freundlich. Bald kam es zu Zank und Uneinigkeit, und so geschah es, daß das eidgenössische Heer nach ein paar Tagen völlig uneinig und mißgestimmt auseinanderging und über den Gotthard heimwärts zog.

Nur ein geringer Haufe Urner, Luzerner, Zürcher, Schwyzer, Glarner und St. Galler blieb im Livinental zurück. Es waren ihrer kaum mehr als zweihundert Krieger, aber freilich eine Auslese der stärksten und kriegstüchtigsten Männer. Sie sollten bei Giornico, am Eingang des Livinentales, stehen und das Land gegen die Mailänder nach Möglichkeit beschirmen. Ihr Anführer war der junge Luzerner Hauptmann Frischhans Theiling.

Als nun Graf Borello, der sich mit seinem lombardischen Heer vor den Eidgenossen respektvoll hinter das Städtchen Lauis zurückgezogen hatte, erfuhr, daß die Schweizer bis auf ein geringes Häuflein abgezogen seien, rückte er eilig mit seinem Heer von fünfzehntausend Streitern zu Roß und zu Fuß wieder nach Bellenz vor. Er wollte die Talwache der Eidgenossen, die bei Giornico stand, angreifen und vernichten.

Sobald den Eidgenossen hievon Kunde kam, rüsteten sie sich auf Widerstand. Zu ihnen zog unter Anführung des Urner Landeshauptmanns Troger und des Tessiner Hauptmanns Stanga der Tessiner Landsturm. Sie waren nun zusammen nicht mehr als sechshundert Mann, aber alle brennend vor Kampflust. Während nun die Lombarden in vollem Anzüge von Bellenz her waren, stauten die Eidgenossen auf den Rat des tapferen Tessiner Hauptmanns Stanga in der Nacht des 27. Christmonats den großen Tessinfluß, also daß er überlief, wobei in der grimmigen Kälte die Ufer und die Talstraßen von einem schwer gangbaren Glatteis überzogen wurden.

Als nun der Morgen kam, rückte das gewaltige Heer der Lombarden, das den Eidgenossen zwanzigfach überlegen war, gegen die steilen Anhöhen hinauf, auf deren Gipfel die Schweizer standen. Aber es kam nur langsam vorwärts, da Reiter und Fußvolk auf dem vereisten Boden einen schweren Stand hatten.

Jetzt wälzten die Eidgenossen Haufen von Steinen in den nahenden Feind, und in die entstehende Verwirrung im mailändischen Heer dröhnte mit einem Male der Schlachtruf der Schweizer, die nun, da sie Fußeisen trugen, wie das Donnerwetter in das feindliche Heer hineinfuhren und es mit ihren Hellebarden und doppelschneidigen Schwertern also auseinanderzuhauen anfingen, als wollten sie einen Blutbach vor sich her anschwellen. Es war ein grauses Schlachten. Doch die Lombarden hatten bald genug. Das Entsetzen vor den rasenden Eidgenossen packte sie, und so schnell sie vermochten, machten sie sich talabwärts davon. Eine gewaltige Anzahl aber ward erschlagen.

Die aber davonkamen, erzählten in Mailand mit Grausen von der kleinen Heldenschar, die ihrem großen, stolzen Heer eine so schreckliche Niederlage bereitet hatte.

Während des Kampfes war der mutige Anführer der Tessiner, Richter Stanga, schwer verwundet mitten aus der tobenden Schlacht nach Hause getragen worden. Wie nun die siegreichen Eidgenossen vom Schlachtfelde weg jauchzend das Tal heraufzogen, raffte sich der tödlich verwundete Stanga trotz seiner Schmerzen auf und tastete sich an seinem Schwert ins Freie, um zu sehen, wer da so jubele und was die Schlacht für einen Ausgang genommen habe. Als er nun vors Haus kam, eilten ihm seine Tessiner Landsleute und die übrigen Eidgenossen entgegen und brachen in ein tolles Jauchzen aus. Jetzt wußte er genug. Er legte die Hand aufs Herz, lächelte freudvoll und sank tot in die Arme seiner Freunde.

Quelle: Meinrad Lienert, Schweizer Sagen und Heldengeschichten, Stuttgart 1915.
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Bettina Stelzhammer, Jänner 2005.