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Die Feengrotte

In der alten Zeit gab es in der Schweiz viele verwunschene Frauen, die es mit dem Volke gar gut meinten und ihm oft in teuren und bösen Zeiten halfen. Vor allem war die gute Königin Berta bekannt, die dem Land viel Guttaten erwies. Besonders gern umschwebte sie den Turm von Gourze im Waadtlande. Jeden Winter soll sie dort jetzt noch in weißem, leuchtendem Gewande erscheinen und aus voller Futterschwinge die Saat über Berg und Tal ausstreuen. Zur Weihnachtszeit soll sie als eine Jägerin, mit einem Zauberstab in der Hand, begleitet von vielen Geistern, einen Umgang um die Häuser tun, um nachzuschauen, wo Fleiß und Ordnung herrschen.

Aber die gute Königin Berta war nicht die einzige wohltätige Frau. In den steilen Abstürzen des Jura bei Vallorbe befindet sich eine große Höhle. Dort drin hausten vor Zeiten gütige und schöne Feen, die jedoch niemanden ungestraft in ihre unterirdischen Wohnungen eindringen ließen. Doch konnte man sie wohl gewahren. Eine ließ sich jeden Palmsonntag von weitem sehen. Sie führte ein weißes Lamm an einer Schnur hinter sich her, wenn es ein fruchtbares Jahr gab, aber eine rabenschwarze Ziege, wenn schlechte Zeiten oder gar Hungersnöte kamen. Eine andere Fee badete sich um Mitternacht in dem blauen Becken der Orbequelle. Zwei mächtige Wölfe umkreisten immer das Becken, um die Menschen fernzuhalten.

Wenn es aber im Winter einschneite und kalt wurde, kamen die Feen wohl auch ins Dorf und traten in die verlassene Schmiede ein, sobald die Schmiedgesellen weg waren. Dort wärmten sie sich an der Esse, und ein Hahn kündigte ihnen mit lautem Krähen die Zeit an, zu der die Schmiedsleute wieder herankamen. Dann verschwanden die Feen aus der Werkstatt. Im ganzen Lande aber war die Erscheinung der Feen wohlbekannt. Jedes Hirtenbüblein wußte, daß sie große und schöne Frauen in weißen Kleidern waren, die bis auf den Boden gingen und ihnen sorglich die Füße bedeckten. Auch konnten die Feen wundervoll singen. Das feinste aber war ihr reicher Haarwuchs, denn ihre Haare gingen wie ein goldener Mantel rund um die Schulter.

Damals befand sich zu Vallorbe in einer Schmiede ein Jüngling von achtzehn Jahren, der Donat hieß. Er war ein geschickter und hübscher Bursche und wegen seiner Tollkühnheit bekannt. Aber trotzdem war er bei seinen Mitgesellen nicht besonders wohlgelitten, da er sehr prahlerisch, frech und ein Schwätzer war, der nie ein Geheimnis behalten konnte. Dieser Donat hatte viel von den Feen der Höhle ob Vallorbe gehört. Deshalb beschloß er, in deren verborgene Wohnung einzudringen. Aber keinem Menschen sagte er etwas von seinem Vorhaben.

An einem Sonntagmorgen, als zu Vallorbe die Glocken zur Kirche riefen, kletterte der verwegene Bursche an den Felsen hinauf, brach durch die dichten Brombeergesträuche und durchs wilde Staudengerank, und da stand er auch schon vor der Höhle, die ihn finster anstarrte. Er schlich sich aber furchtlos hinein, und nach einigem Herumtasten gelangte er in ein zweites Stockwerk. Dort stieß er auf ein schlichtes Bett von Moos und Farnkraut. Ermüdet und enttäuscht warf er sich auf das einfache Lager und schlief sogleich ein. Aber nach einer Weile erwachte er plötzlich. Da stand vor ihm eine schöne, weiße Frau, der die goldenen Haare wie ein Bach um den Hals gingen. Zwei zierliche Windhunde schmiegten sich an ihr weißes Gewand an. Verwundert staunte sie der Geselle an. Aber die Fee bot ihm freundlich die Hand und sagte mit sanfter Stimme: "Donat, du gefällst mir. Willst du bei mir bleiben? Ich will dich ein Jahrhundert lang glücklich machen; ich will dich köstliche Metalle, gesunde Kräuter und allerlei Geheimnisse kennen lehren. Du wirst in die Gesellschaft meiner Schwestern in die Grotten von Montcherand aufgenommen werden. Sie werden die Sorge um dich mit mir teilen, um dich zu unterrichten und zu unterhalten und für alles zu entschädigen, was du auf Erden zurücklassen mußt."

Freudestrahlend willigte der Schmiedgeselle ein. Doch da sagte die Fee: "Aber daß du's gleich weißt, ich stelle die Bedingung, daß du mich nur dann sehen darfst, wenn's mir beliebt, vor dir zu erscheinen. Ziehe ich mich aber in ein anderes Gemach zurück, so versuche ja nicht, dort einzudringen. Tust du's dennoch, so muß ich dich für immer fortschicken, und dein ganzes Leben lang würdest du's wohl bitter bereuen. Siehe, da hast du nun zwei Geldsäckel. Jeden Tag, an dem ich mit dir zufrieden bin, lege ich dir in den einen ein Goldstück, in den andern aber eine Perle." Donat war überglücklich, denn nun lebte er herrlich und in Freuden. Sobald die Mittagsglocke von Vallorbe erklang, ging plötzlich eine kleine, verschlossene Gruft auf. Dort hinein durfte der Schmiedgeselle gehen und mit der schönen weißen Frau speisen. Und die Fee bediente ihn selber, nie sah er jemand anders. Und doch war der Tisch immer überreich bedeckt mit Forellen aus der Orbe, mit Rehen aus dem Jura, mit Wildbret von Petra-Felix, mit geschwungener Nidel von der Dent de Vaulion, mit Honig aus dem Jouxtale, mit Arboiswein und mit Früchten von Berg und Tal. Nichts fehlte, was gut schmeckte. Seine schöne Gesellschafterin aber erzählte ihm wunderbare Geschichten. Oft auch sang sie ihm eine Ballade vor im schönen Dialekt von Vallorbe und Romainmotier. Gegen Ende der Mahlzeit aber ward sie still und zog sich auf einmal durch eine im Winkel des Eßsaales angebrachte Türe zurück, durch die er ihr aber nie folgen durfte.

Trotzdem es der Schmiedgeselle nun so schön hatte, langweilte er sich nach und nach doch. Solange die Fee bei ihm war, vergingen ihm die Stunden wie Sekunden, aber wenn er allein war, wurde es ihm schwer, und er begann darüber nachzugrübeln, wohin wohl die schöne Frau sich zurückziehe. Er bildete sich allmählich ein, die Gemächer, in die seine Wohltäterin sich nach der Mahlzeit begebe, müßten noch ganz andere Wunder bergen als die Räume, in denen er verweilen durfte. Er dachte darüber so lange nach, bis er vor Neugierde fast umkam, und so beschloß er denn, bei Gelegenheit der Fee einmal nachzuschleichen.

Am sechzehnten Tage, als die gute Fee mit ihm gegessen hatte und freundlicher und zutraulicher als jemals zu ihm gewesen war und als sie wieder durch die geheimnisvolle Türe verschwand, schlich er ihr nach. Er sah, daß die Fee die Türe wie absichtlich ein bißchen offen gelassen hatte. Eine Weile stand er davor, dann aber stieß er sie sachte auf und guckte in ein hohes Gemach. Und nun sah er auf einem Bett von hochrotem Samt die schöne Frau ruhig schlummern. Ihr langes, weißes Kleid war ein wenig verschoben, und mit Erstaunen gewahrte er, daß ihr Fuß keine Ferse hatte, gerade so wie der Fuß einer Gans.

Erschrocken wollte er sich ganz leise wieder zurückziehen. Da fing eines der zierlichen Windspiele, die unter dem Bett verborgen gewesen sein mußten, zu bellen an. Jetzt erwachte die Frau, und wie sie Donat erblickte, rief sie zum Tode betrübt aus: "Halt, Unglücklicher! Bis jetzt war ich so zufrieden mit dir. Hättest du dich während dieses ganzen Monats, in dem ich dich prüfen wollte, standhaft gezeigt, so würde ich dich zu meinem Gemahl gemacht haben, und alle meine Macht, meine Geheimnisse und meine Reichtümer hätte ich mit dir geteilt. Nun aber hebe dich weg von hier und kehre zum Schweiße deiner Schmiede zurück! Doch will ich nicht zurücknehmen, was ich dir gab. So behalte diese zwei Säckel! Vergiß aber alles, was du in dieser Grotte gesehen und gehört hast. Solltest du's gleichwohl irgendeinem Menschen offenbaren, so wird die Strafe gewiß nicht ausbleiben."

Die Fee verschwand, die Lichter erloschen. Donat, der Schmiedgeselle, tastete sich lange in der Finsternis umher. Endlich fand er die enge Spalte, durch die er vom ersten Gewölbe ins zweite heraufgestiegen war. Als er nun die in den Felsen gehauene Säulenhalle des ersten Gewölbes hinausschritt, rief ihm eine Stimme zu: "Donat, Verschwiegenheit oder Strafe!"

Wie er nun wieder in die Schmiede zu Vallorbe eintrat, wunderten sich die Mitgesellen über seine lange Abwesenheit und fingen an, ihn darüber auszufragen. Und statt nun zu schweigen, erzählte er sogleich alle seine Erlebnisse in der Feengrotte, prahlte von den Schätzen der weißen Frau und von ihrer Liebe zu ihm und machte sich zuletzt gar über ihre Gänsefüße lustig. Ja, er log noch allerlei dazu.

Jedoch die Schmiedgesellen lachten ihn aus. Die einen nannten ihn einen Geisterseher, und die andern hielten ihn für einen Aufschneider und Schwindler und verlangten, daß er ihnen Beweise gebe. Da ward er zornig und schrie: "Nun gut denn, ich will euch die Beweise sogleich geben!" Er riß seine beiden Säckel, den mit den Goldstücken und den mit den Perlen, heraus und öffnete sie vor ihren Augen. Aber was machte er für ein Gesicht, als sich in dem Säckel, der sonst immer voll Goldstücke war, Eisbeerblätter, und in jenem, der sonst lauter Perlen enthielt, bloße Wocholderbeeren vorfanden. Jetzt verging Donat fast vor Scham und Verzweiflung. Er verließ das Land, und nie mehr hörte man in der Schmiede zu Vallorbe etwas von ihm.

Die Feengrotte aber soll seit jenem Tage von den weißen Frauen für immer und ewig verlassen worden sein.

Quelle: Meinrad Lienert, Schweizer Sagen und Heldengeschichten, Stuttgart 1915.
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Bettina Stelzhammer, Jänner 2005.