DER VERSTEINERTE WILDERER

Vor mehr als hundert Jahren lebte in der Ortschaft Wiesen ein Mann namens Simon, der als gefährlicher Gämswilderer weit und breit bekannt war. Seine Schlauheit und sein gutes Gewehr kosteten so mancher Gämse in der Wildnis das Leben. Er erkletterte die höchsten Gipfel der Lienzer Dolomiten und ließ sich auch von wachsamen Aufsichtsjägern niemals ertappen. Eines Tages schoss Simon Gämsen im Weittal und trat abends den Heimweg an. Wie er nun so gebückt unter der schweren Last dahinschritt, fiel er auf einmal in eine tiefe Grube, die die Jäger für den Wolffang gegraben hatten. Simon arbeitete mit allen Kräf-ten um herauszukommen, es gelang ihm aber nicht. Sooft er versuchte herauszusteigen, sank er immer wieder erschöpft zurück. Endlich blieb ihm nichts anderes übrig, als die Nacht in der Grube zu verbringen.

Er kroch in eine Ecke, die ihm guten Schutz bot, aber einschlafen konnte er nicht so bald. Endlich wich alle Angst von ihm, und er legte sich schlafen. Er mochte kaum eine Stunde geruht haben, da wurde er durch ein Geräusch oberhalb der Grube geweckt. Scheu blickte er hinauf und sah zu seinem Schrecken eine schwarze Jägergestalt, die ihm drohend die Worte zurief: "Hüte dich, Simon, noch eine Gämse zu töten! Wenn du dein Gebot nicht hältst, wirst du in zehn Jahren zu Stein."

Hernach verschwand die Gestalt, und Simon schlief weiter. Am Morgen gelang es ihm aus der Grube zu ent-kommen. Bald dachte er nicht mehr ans nächtliche Erlebnis und folgte wieder seiner Leidenschaft.

Jahre waren vergangen, und er hatte schon eine ganz erkleckliche Anzahl von Gämsen erlegt.

Am Silvestertag des zehnten Jahres trieb er sich in der Nähe des Zochenpasses herum. Weil es sehr kalt war und die Nacht anbrach, ging er in eine alte Hütte und machte dort Feuer. Auf einmal krachte es in allen Ecken, und eine leuchtende Gestalt mit zornfunkelnden Augen trat ein. Der Fremde packte den Wilderer am Hals und flog mit ihm un-ter fürchterlichem Gepolter hoch in die Luft, dem "Wilden Sender" zu. Dort ließ er ihn auf einen Fels fallen, worauf Simon sofort zu Stein erstarrte. Nun waren die Worte des Jägers in Erfüllung gegangen. Man kann den Wilderer als Steingebilde sehen, um das die Gämsen lustig springen. Jedes Jahr am Allerseelentag hört man dort Schüsse knallen, und alte Leute sagen, sie stammen vom Gewehr des Wilderers, den Gott für seine Freveltaten gestraft hatte.


Quelle: Sagen und Geschichten aus dem Lesachtal, gesammelt und niedergeschrieben von den Schülern der 2. Klasse der Hauptschule Lesachtal Schuljahr 2000/2001, unter den Anleitungen von Hans Guggenberger und Edith Unterguggenberger