SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Sagen der Technik, Techniksagen

   
 

DER WALRIDER ALS LUFTSCHIFFER

Einst hatte ein Schiffer über Winter sein Schiff in den Hafen von Emden gelegt und nur seinen Steuermann als Wächter daraufgelassen. Als er nun einmal wieder nach seinem Schiffe sah, fiel es ihm auf, daß es nicht mehr an derselben Stelle lag wie früher, und er verbarg sich ohne Wissen des Steuermannes auf dem Schiffe, um zu sehen, was dieser damit anfange. Wie war er erstaunt, als in der Nacht plötzlich die Anker gelichtet wurden und das Schiff in sausender Fahrt durch die Luft dahinfuhr.

Gegen Mitternacht wurde das Schiff angelegt, und der Steuermann stieg aus und ging seines Weges. Jetzt kam auch der Schiffer aus seinem Versteck hervor und sah sich um, aber die Gegend war ihm völlig fremd und unbekannt. Da nahm er sein Messer und schnitt einige Stäbe ab, die dort am Ufer standen, und nahm sie mit auf das Schiff, wo er sein voriges Versteck wieder aufsuchte. Nicht lange darauf kam auch der Steuermann wieder, und nun fuhr das Schiff mit der gleichen sausenden Geschwindigkeit zurück; einmal wurde es auf seiner Fahrt durch einen heftigen Stoß erschüttert, aber es wurde dadurch nicht aufgehalten.

Am nächsten Morgen fragte der Schiffer den Steuermann, was er denn in der Nacht gemacht hätte und wo er gewesen wäre. Der Steuermann leugnete zunächst und tat, als ob er von nichts wüßte. Da holte der Schiffer die Stäbe hervor, die er in der Nacht an der fremden Küste geschnitten hatte, und siehe da, es war spanisches Rohr. Nun gab der Steuermann sein Leugnen auf und sagte, er sei ein Walrider, dessen Schicksal es sei, bei Nacht ruhelos durch die Lüfte zu fahren- Er fragte auch, ob der Schiffer auf der Rückfahrt den Stoß wahrgenommen habe, und gab als Erklärung an, daß er sich bei der Luftfahrt ein wenig zu niedrig gehalten habe; dabei sei das Schiff an den Kirchturm einer Ortschaft, deren Namen er nannte, angestoßen.


Quelle: Oskar Ebermann, Sagen der Technik, o. J., S. 68