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NÄCHTLICHE STRAßENSICHERUNG

Dem römischen Kaiser waren einstmals heftige Klagen zu Ohren gekommen, daß in seiner Hauptstadt bei Nacht große Unsicherheit auf den Straßen herrschte und Diebstahl, Mord und Totschlag fast an der Tagesordnung wären. Da bat der Kaiser den wegen seiner Klugheit weitberühmten Zauberer Virgilius um Rat und sprach zu ihm: "Virgilius, uns kommen große Klagen, daß Diebe und andere Taugenichtse nachts auf den Straßen unserer Stadt sich umhertreiben und die Leute belästigen oder gar erschlagen. Was ist dagegen am besten zu tun?" Da machte Virgilius ein kupfernes Pferd und auf seinem Rücken einen kupfernen Mann, der hielt einen eisernen Dreschflegel in der Hand. Dieses Pferd stellte er vor das Stadthaus und ließ ausrufen, man werde künftig um zehn Uhr abends eine Glocke läuten, und wer nach diesem Läuten noch auf der Straße angetroffen würde, solle sein Leben verwirkt haben, und falls er erschlagen würde, solle niemand deshalb zur Rechenschaft gezogen werden. Jedoch das nächtliche Gesindel kümmerte sich nicht um diese Ankündigung und lief nach wie vor auf den Straßen umher. Als aber am Abend die Glocke geläutet war, lief das kupferne Pferd mit dem kupfernen Mann von dem Stadthaus durch alle Straßen der Stadt und ließ keine Straße unbesucht, und alle, die sich auf den Straßen finden ließen, würden erschlagen, so daß man am Morgen wohl zweihundert Tote fand.

Als die nächtlichen Unholde das sahen, erschraken sie sehr, aber sie wollten von ihrem wüsten Treiben doch nicht lassen und dachten darüber nach, wie sie der Gefahr entgehen könnten. Sie verfertigten also Strickleitern mit einem eisernen Haken daran. Wenn sie dann bei Nacht ausgehen wollten, nahmen sie die Leiter mit, und sobald sie das Pferd kommen hörten, warfen sie den Haken an ein Fenster oder sonst einen Vorsprung an den Häusern und kletterten dann die Strickleiter hinauf, wohin ihnen der kupferne Mann mit der Keule nicht folgen konnte, und so trieben sie ihr lichtscheues Handwerk schlimmer denn je. Da kam wieder laute Klage zu den Ohren des Kaisers, und dieser wandte sich betrübt an Virgilius um Hilfe. Darauf ließ der Zauberer zwei kupferne Hunde gießen und neben das Pferd stellen. Sodann wurde nochmals aus-gerufen, daß nach dem Glockengeläute niemand mehr ausgehen sollte, dem sein Leben lieb sei. Aber wieder achtete das Gesindel nicht auf das Verbot, und als sie nachts das Pferd kommen hörten, liefen sie an ihren Leitern auf die Häuser und meinten, sie wären da sicher wie bisher; aber die Hunde liefen ihnen nach und bissen sie tot Das sprach sich bald in der ganzen Stadt herum, und niemand wagte sich mehr bei Nacht auf die Straße.


Quelle: Oskar Ebermann, Sagen der Technik, o. J., S. 37