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WIE SONNE, MOND UND FEUER GERAUBT UND WIEDERGEWONNEN WURDEN

Schwerer Kampf herrschte ständig zwischen der Welt der Menschen, deren Führer die beiden Brüder Wäinämöinen und Ilmarinen waren, und den Bewohnern Pohjolas, des eisigen Nordlandes, dessen Herrin die alte, zahnlose Louhi war. Einst spielte Wäinämöinen so wunderbar auf der Harfe, daß der Mond seine Stube verließ und sich auf den Wipfel einer Birke setzte, um den Tönen zu lauschen. Auch die Sonne lockten die Klänge der Harfe aus ihrem Schlosse, und da konnte Louhi, die auf Raub ausgezogen war, beide fangen und nahm sie mit sich nach dem Norden. Sie senkte beide tief ins Innere eines Berges, und jetzt schien weder Sonne noch Mond. Damit nicht genug, stahl Louhi auch das Feuer, und jetzt waren die Stuben ohne Feuer, die Häuser ohne Licht. Auch oben am Himmel, wo der Gott Ukko seinen Sitz hatte, war ständige Finsternis, und Ukko beschloß darum, dem Übel abzuhelfen. Mit seinem Schwerte schlug er Feuer und bewahrte den Funken in einer silbernen Lade. Einer Jungfrau gab er ihn zu behüten und zu wiegen, denn aus dem Funken sollten Sonne und Mond neu erstehen. Die Jungfrau tat nach seinem Geheiß, aber einmal war sie unachtsam, und da entglitt ihr der Funke und stürzte durch alle neun Himmel hinab auf die Erde.

Wäinämöinen und Ilmarinen hatten gesehen, wie das Feuer vom Himmel gefallen war und machten sich auf die Suche danach. Ein Fluß sperrte ihren Weg, da zimmerten sie rasch ein Boot und fuhren über das Wasser. Eine Jungfrau, die ihnen auf ihrer Fahrt begegnete, fragte nach dem Ziele ihrer Reise, und als sie ihr erzählt hatten, daß sie nach dem Feuer suchten, das vom Himmel gekommen war,'gab sie ihnenKunde von dem, was geschehen war. Der Feuerfunke hatte Menschen und Natur schwer geschädigt und war schließlich in einen tiefen See gefallen. Dort hatte ein Schnäpel ihn verschluckt und schwamm seither, von dem Feuer schwer gepeinigt, ruhelos umher, bis ihn selbst eine Lachsforelle verschlang. Ihr ging es nicht besser als dem Schnäpel, denn er selbst fiel einem Hechte zum Opfer. Aber der Schmerz übertrug sich jetzt auf den Hecht, in Angst und Not tummelte er sich in den Fluten, und niemand konnte ihm helfen.

Als Wäinämöinen und Ilmarinen diese Erzählung vernommen hatten, strickten sie ein Netz aus Bastschnur, den Hecht zu fangen; aber ihre Mühe war vergeblich, zu groß waren die Maschen des Netzes, und der Fisch entwischte ihnen. Da säten sie nachts an einer Stelle, die noch niemand bebaut hatte, Flachs, der üppig emporschoß, bereiteten daraus die Faser und schufen aus ihr ein neues Netz. Dieses ward nun ins Wasser gesenkt, und die beiden Brüder selbst leiteten den Fischzug. Sie riefen Ahto und Wellamo an, die Herren des Meeres, und da stieg ein kleines Männlein aus den Fluten und fragte, ob er ihnen helfen solle, die Fische ins Netz zu treiben. Als sie bejahten, riß er eine Fichte aus dem Erdboden, steckte einen Felsblock als Knopf daran und schlug damit so mächtig in die Wellen, daß alle Fische entsetzt auf das Netz zuflohen. So währte es nicht lange, bis alle gefangen waren. Die Brüder hoben nun das Netz aus dem Wasser und durchsuchten es, und bald hatten sie den Hecht gefunden. Ein Messer fiel vom Himmel, damit spalteten sie den Fisch, daß die Lachsforelle zum Vorscheine kam, aus der sie den Schnäpel herausholten. In ihm fanden sie den Feuerfunken, aber noch ehe er gefaßt war entschlüpfte er und setzte Wald und Heide in Brand. Wäinämöinen folgte ihm eilig nach, fing ihn endlich an den Wurzeln zweier Bäume, tat ihn in einen Kupferkessel und trug ihn nach Hause.

So war das Feuer glücklich wiedergewonnen, aber die Sonne wollte nicht leuchten, und der Mond nicht scheinen. Da machte Ilmarinen sich daran, die beiden Gestirne neu zu schmieden. Aus Silber fertigte er eine Sonnenscheibe, aus Gold einen neuen. Mond und setzte beide nun in die Wipfel von Bäumen. Aber der Mond glänzte nicht und die Sonne strahlte nicht, und Wäinämöinen, der wohl gewußt hatte, daß Ilmarinens Mühe vergeblich sein würde, warf nun das Los, zu erkunden, wo Sonne und Mond zu finden seien. So erfuhr er, daß Louhi beide tief in den Berg versenkt hatte und machte sich auf, die beiden Gestirne zu befreien. Als er an den Grenzfluß kam, der sein Land von Pohjola trennte, rief er vergeblich nach einem Fährmann, der ihn übergesetzt hätte. Denn niemand im Nordlande dachte daran, ihn ins Land zu lassen. Wäinämöinen aber wüßte dennoch Rat. In Hechtesgestalt durchschwamm er den Fluß und kehrte auf Louhis Hofe ein. Vergeblich aber forderte er von den Nordländern die Herausgabe von Sonne und Mond. Da zog er sein Schwert, harter Kampf begann, und viele von seinen Feinden sanken des Hauptes beraubt zu Boden. Dann schritt Wäinämöinen zum Berge, um Sonne und Mond zu befreien. Wohl gelang es ihm, in den Felsen einzudringen, aber die Türe, hinter der beide gefangen lagen, trotzten all seiner Mühe, und so mußte Wäinämöinen umkehren. Er suchte seinen Bruder Ilmarinen auf und hieß ihn Hacke, Bohrer und Schlüssel schmieden, die ihm den Zutritt öffnen sollten.

Louhi aber, die Herrin Pohjolas, ahnte Böses. In Vogelgestalt flog sie nach Ilmarinens Schmiede, um zu erkunden, was dort geschehe. Als Ilmarinen den Vogel sah, fragte er ihn nach dem Zwecke seines Kommens; der Vogel aber nannte ihn einen wahren Meister im Schmieden und wollte wissen, warum er so unermüdlich den Hammer schwinge. Da antwortete Ilmarinen, er schmiede ein Halseisen für Louhi, damit solle sie am Saume des Berges festgeschmiedet werden. Voll Entsetzen sah die Alte schweres Unheil nahen. Eilig flog sie zurück ins Nordland und ließ Sonne und Mond aus ihrem Verließ; dann kehrte sie als Taube zu Ilmarinen zurück und rief ihm zu, er möge sehen, wie Sonne und Mond wieder an ihre alten Stätten zurückgekehrt seien.

Da trat Ilmarinen aus der Schmiede, und wirklich sah er das Mondlicht wieder glänzen und die Sonne am Himmel erstrahlen. Freudig eilte er zu Wäinämöinen, ihm die Kunde davon zu bringen, und auch dieser sah nun, daß der Mond wieder am Himmel stand und die Sonne freigeworden war.

So endete der Kampf um Sonne, Mond und Feuer.


Quelle: Oskar Ebermann, Sagen der Technik, o. J., S. 27