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DIE JAGD AUF DEN SCHNEESCHUHEN

Wäinämöinen und Umarmen hatten noch einen dritten Bruder namens Lemminkäinen, der als Jäger nicht seinesgleichen fand. Wie seine Brüder machte auch er sich einmal auf nach Pohjola, ins Nordland, um eine von Louhis Töchtern zu werben. Louhi verlangte von ihm als Zeichen der Bewährung, er möge das Elentier des Hiisi herbeischaffen, des Herrn des Waldes. Dann wolle sie seinen Wunsch erfüllen.

Lemminkäinen wußte wohl, wie schwer diese Aufgabe war. Er beschlug seinen Wurfspieß und bereitete sorgfältig Pfeil und Bogen, um sich für die Jagd zu rüsten. Noch galt es, sich die Schneeschuhe zu verschaffen, auf denen er das flüchtige Wild verfolgen könne. Er trat in die Schmiede Lyylikkis und brachte dort sein Anliegen vor: Zwei Schneeschuhe sollte ihm der Schmied fertigen, mit deren Hilfe er Hiisis Elen erjagen könne. Lyylikki warnte ihn vor diesem Beginnen und sagte ihm voraus, statt des Elens werde er nur ein Stück morsches Holz erjagen. Aber Lemminkäinen stand von seinein Vorhaben nicht ab, und so machte sich der Schmied ans Werk. Vom Herbst an schuf er emsig an den Schneeschuhen, glättete und hobelte sie und fertigte auch den Stock dazu. Als Lemminkäinen das vollendete Werk empfing, rief er freudig aus, es gebe nichts Lebendes auf vier Füßen, das er auf diesen Schneeschuhen nicht erjagen würde.

Das vernahmen Hiisis Diener und berichteten es ihrem Herrn. Da schuf Hiisi ein Elen sonderbarer Art. Der Kopf des Tieres war aus einem faulen Stamme, die Hörner waren Weidenäste, die Füße aus Schilf, die Haut aus Fichtenrinde, das Fleisch aus faulem Holze. Dieses Wesen belebte Hiisi und sandte es aus, das Gebiet der Lappen aufzusuchen.

Das tat das Elentier. In raschem Laufe eilte es dahin, und als es die Zelte der Lappen erreicht hatte, warf es den Kochkessel vom Feuer, so daß Fleisch und Suppe in die Herdasche stürzten. Da begannen die Hunde zu bellen und die Kinder zu weinen, manche lachten und andere murrten.

Das alles sah und hörte Lemminkäinen, als er auf der Suche nach Hiisis Elen in die Gegend kam. Froh sah er sich seinem Ziele nahe und machte sich sogleich an die Verfolgung. Er stieß den einen Schneeschuh in den Boden, mit dem zweiten schnellte er sich vorwärts und war mit dem ersten Schwünge den Blicken der Anwesenden entschwunden; nach dem zweiten Schwünge war er nicht mehr zu hören, mit dem dritten aber hatte er das Elen erreicht. Mit einem Bande aus Birkenrinde fesselte er das Jagdwild an einen Ahornstamm und frohlockte laut darüber, daß ihm jetzt die Braut sicher sei. Da nahm das Elen alle Kraft zusammen, stemmte sich mit den Füßen gegen den Boden und zerriß die Fesseln. Seiner Bande ledig, flüchtete es so schnell, daß es bald nicht mehr zu sehen und zu hören war.

Lemminkäinen faßte wilder Zorn, als er erkannte, daß ihm seine Beute entronnen war. Als er aber zur Verfolgung den linken Schneeschuh in den Boden stieß, zerbrach das Gerät, auch der rechte Schneeschuh bog sich krumm, desgleichen der Stock, und der Wurfspieß zerbarst. Er mußte daher von der Jagd abstehen. So war sein erster Versuch, das Elen zu erjagen, fehlgeschlagen, und erst nach harter Mühe gelang es ihm später, des Wildes habhaft zu werden. Louhi aber dachte nicht daran, ihre Zusage zu erfüllen. Immer neue Aufgaben stellte sie dem Freier, und als sie ihn aussandte, den Schwan im Flusse Tuonis zu erlegen, verlor er sein Leben, das ihm nur die Kunst seiner Mutter wiedergeben konnte.


Quelle: Oskar Ebermann, Sagen der Technik, o. J., S. 73