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DER SAMPO

Ein heimtückischer Feind hatte einst Wäinämöinen das Roß unter dem Leibe erschossen, als er eben durch einen Fluß ritt. Er stürzte ins Wasser/und die Wellen trugen ihn hinaus ins offene Meer. Dort trieb er hilflos, bis ein Adler ihm Rettung brachte. Er nahm Wäinämöinen, dem er dankbar war für eine früher empfangene Wohltat, auf seinen Rücken und brachte ihn wohlbehalten nach Pohjola an Louhis Hof.

Wohl erhielt er dort Speise und Trank, aber er sehnte sich nach der Heimat und bat Louhi, ihn ziehen zu lassen. Die Alte aber stellte ihm eine schwere Bedingung. Den Sampo, die Wundermühle, sollte Wäinämöinen ihr schmieden aus der Spitze der Schwanenfeder, aus der Milch der Jungkuh, die noch nie gekalbt hatte, aus Gerstenkorn und Schafwollflocke. Wenn Wäinämöinen das vollbringe, dann dürfe er nach Hause zurückkehren, und sie selber wolle für seine Reise sorgen. Auch ihre Tochter wollte sie ihm dafür zum Weibe geben.

Dieser Aufgabe sah sich Wäinämöinen nicht gewachsen. Aber sein Bruder Ilmarinen, der berühmte Schmied, war der Mann, um Louhis Forderung zu erfüllen. Er versprach darum Louhi, dafür zu sorgen, daß Ilmarinen den Sampo schmiede, und ward von ihr wirklich in die Heimat entlassen.

Dort erzählte er dem Bruder, wie schön Louhis Tochter sei, und daß er sie zum Weibe haben könne, wenn er den Sampo schmiede. Aber Ilmarinen wollte davon nichts wissen. Ein arges Land ist Pohjola, wo man Menschen frißt und die Helden ins Meer senkt, und niemals will er dorthin ziehen. Da braucht Wäinämöinen List. Er erzählt Ilmarinen von einem wunderbaren Baume, in dessen Wipfel der Mond strahle, in den Zweigen aber das Sternbild des Bären. Voll Neugier erklettert Ilmarinen den Baum, da faßt ihn ein Sturm, den Wäinämöinens Kunst geweckt hat, und führt ihn hinweg nach Pohjola an Louhis Hof. Dort wird der Schmied freundlich aufgenommen, Louhis Tochter tritt ihm in ihrer vollen Schönheit entgegen, und jetzt ist Ilmarinen sogleich bereit, sich ans Werk zu machen und den Sampo zu schmieden. Ein Bogen ist das erste Werk, das aus der Esse hervorgeht, aber er fordert täglich eines Menschen Haupt, und darum zerbricht ihn Ilmarinen und beginnt aufs neue zu schmieden. Ein Boot entsteht als nächstes Werk, goldverziert und mit kupfernen Ruderhaken; aber von selbst sucht es ständig Streit, und darum vernichtet Ilmarinen auch diese Arbeit und macht sich wieder ans Schmieden. Eine Kuh entsteht, aber sie ist bös geartet und wird ebenso vernichtet wie der Pflug, der als nächstes Werk in der Esse liegt. Auch ihn schlägt Ilmarinen in Stücke, und nun schmiedet er drei Tage lang; als er sich dann zur Esse niederbeugt, sieht er den Sampo entstehen und schmiedet ihn kunstvoll, so daß er auf der einen Seite Mehl, auf der zweiten Salz, auf der dritten Geld mahlt. Stolz übergibt er Louhi sein Werk, die den Sampo freudig entgegennimmt und hinter neun Schlössern neun Klafter tief in einem Berge verbirgt.

Noch machten zwar Mutter und Tochter Ausflüchte, und drei schwere Aufgaben mußte Ilmarinen erfüllen, ehe ihm das Mädchen wirklich verlobt ward, so daß er die Fahrt in die Heimat antreten konnte.

Bald freilich zeigte seine Gattin, daß sie den bösen Sinn der Leute aus dem Nordlande hatte. Dem Hirten backte sie einen Stein ins Brot, so daß dessen Messer zerbrach, das einzige Erbe und die letzte Erinnerung aus seiner Heimat. Zornig rächte er sich: Statt des Viehs trieb er Bären und Wölfe im Stalle zusammen, und als die Hausfrau ahnungslos den Stall betrat, um das Vieh zu melken, zerrissen sie die Raubtiere.

Schwer empfand Ilmarinen den Verlust der Gattin. Monate waren vergangen, da sammelte er Gold und Silber, brannte Kohlen und begann ein großes Werk. Aus Gold und Silber wollte er eine Frau erstehen lassen. Sein Werk gelang aber nicht sogleich nach Wunsch. Ein Schaf entstand zuerst, wunderschön anzusehen und von Gold und Silber glänzend, aber Ilmarinen war damit nicht zufrieden und begann aufs neue zu schmieden. Diesmal kam ein Fohlen zum Vorschein, mit goldener Mähne und silbernen Hufen, eine Freude für alle, die es sahen. Ilmarinen aber stieß es ins Feuer zurück- eine Gattin aus Gold wünschte er sich und nichts anderes. Zum dritten Male machte er sich darum an die Arbeit, und nun kam ein wunderschönes Mädchen aus der Esse mit goldenen Haaren. Füße und Hände, Augen, Ohren und Mund bilden des Schmiedes Meisterhände - aber das Gebilde kann nicht sprechen, und das Auge ist ohne Glanz. So ist seine Hoffnung enttäuscht, und er will sein Geschöpf Wäinämöinen zum Geschenke machen. Dieser aber weist die Gabe zurück und gibt Ilmarinen den Rat, die goldene Jungfrau ins Feuer zu werfen und aus dem Metalle nützliche Geräte zu schmieden.

Als Ilmarinen alle seine Mühe vergeblich sah, wagte er aufs neue die Fahrt zu Louhi nach Pohjola, um nunmehr um Louhis zweite Tochter, die Schwester seiner ersten Gattin, zu freien. Aber seine Reise blieb vergeblich. Louhi wies ihn ab, und als es ihm schließlich gelang, das Mädchen mit Gewalt zu entführen, zeigte sie sieh unterwegs so ungebärdig, daß er sie in eine Möwe verwandelte und fliegen ließ.

Unverrichteter Dinge kehrte er nach Hause zurück und klagte Wäinämöinen sein Leid. Die Gattin, um die er das größte Wunderwerk geschmiedet hatte, war dahin, Louhi aber konnte sich des Sampos erfreuen und frei von jeder Sorge leben. Da riet Wäinämöinen, sie sollten zusammen nach dem Nordlande ziehen, um den Sampo wieder zu gewinnen. Damit war Ilmarinen einverstanden, beide machten sich auf die Reise und forderten zu Pohjola von Louhi, sie sollte ihnen die Wundermühle herausgeben. Louhi denkt nicht daran, diese Forderung zu erfüllen und bietet ihr Kriegsvolk auf; da zeigt Wäinämöinen seine ganze Kunst Er beginnt, auf der Kantele zu spielen, und die Klänge versetzen alle Nordlandleute in einen tiefen Schlaf.

Ungehindert konnten so Ilmarinen und Wäinämöinen den Sampo aus dem Berge holen und in ihr Boot bringen. Voll Freude treten sie die Fahrt nach Hause an.

Drei Tage lang hatte Louhi geschlafen, dann erwachte sie und sah voll Zorn den Sampo entführt, die Brüder entflohen. Nebel und Wind sandte sie aus, deren Fahrt zu hemmen, rüstete ein Kriegsboot und eilte den Flüchtigen nach. Wirklich holte sie die beiden ein, und ein mächtiger Kampf entbrannte in dem Wäinämöinen und Ilmarinen Sieger blieben. Im Kampfe zerbrach der Sampo, und die Stücke fielen ins Meer. Nur wenige Splitter trugen die Wellen ans Land, und Wämämöinen hoffte, daß selbst diese wenigen Trümmer noch Wachstum und Ernte fördern würden.

Louhi aber mußte unverrichteter Dinge die Rückfahrt antreten. Nur den bunten Deckel des Sampo brachte sie nach Hause, aber davon hatte sie keinen Gewinn; seit der Sampo dem Nordlande entrissen ist, wohnt dort die Armut, und es fehlt an Brot.


Quelle: Oskar Ebermann, Sagen der Technik, o. J., S. 30