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DER HÖLZERNE VOGEL

Ein reicher Jüngling begab sich einst mit mehreren Freunden auf die Wanderschaft. An der Mündung eines großen Flusses trennten sie sich, und der Jüngling wanderte allein an dem Flusse hinauf, an dessen Quelle er einen herrlichen Hain mit einem Hause fand. Vor dessen Eingang saß ein alter Mann mit seiner Frau, die fragten ihn, woher er käme und wohin er ginge. Der Jüngling antwortete: "Ich komme aus einem fremden Lande und suche meinen Lebensunterhalt." Darauf sagten die beiden Alten: "Gut, daß du hergekommen bist. Wir haben eine Tochter von schlankem Wuchs und reizender Bildung. Nimm sie zur Frau und sei unser Sohn!"

Als sie das gesagt hatten, trat die Tochter aus dem Hause, und der Jüngling sah sie und dachte bei sich: "Wohl mir, daß ich Vater und Mutter verließ. Das Mädchen ist von überirdischer Schönheit, ich nehme sie zur Frau und wohne hier." Das Mädchen aber sprach: "Jüngling, es ist gut, daß du herkommst." So sprachen sie hin und her, gingen ins Haus und lebten ruhig und froh.

Nun herrschte in demselben Lande ein gewaltiger Chan. Dessen Diener gingen einst im Frühling zu dem Flusse, um zu baden. Da fanden sie am Ufer köstliche Ohrgeschmeide, die der Frau des reichen Jünglings gehörten. Weil aber die Geschmeide so wunderschön waren, brachten sie den Schmuck dem Chan, der aber sprach erstaunt zu seinen Dienern: "An dem Flusse lebt sicher eine schöne Frau, der diese Geschmeide gehören. Geht hin und schafft sie mir zur Stelle." Die Diener gingen, fanden die Frau und brachten sie vor den Herrscher. Der war bei ihrem Anblick über ihre Schönheit so erstaunt, daß er ausrief: "Alle meine Gemahlinnen sind nichts im Vergleich mit diesem Mädchen. Sie soll fortan meine einzige Gattin sein. Führt sie in den Palast!"

Als der Jüngling erfuhr, daß der Chan ihm seine junge Frau entführt hatte, verfiel er in eine tiefe Traurigkeit und dachte unablässig darüber nach, wie er sein Weib wiedergewinnen könnte. In dieser Verfassung traten ihn seine Freunde an, von denen er sich einst an der Mündung des großen Flusses getrennt hatte, und sie versprachen, ihm behilflich zu sein. Sein Freund, der Schreiner, verfertigte ihm einen großen hölzernen Wundervogel, der war so kunstvoll gebaut, daß er, vom Inneren nach oben bewegt, sich in die Höhe erhob; nach unten bewegt, ließ er sich zur Erde nieder, und seitwärts bewegt, flog er gerade dahin. Als der Vogel fertig war, gab ihm der Maler durch einen Anstrich mit bunten Farben ein reizendes Aussehen. Nun setzte sich der Jüngling in den hölzernen Vogel, flog durch die Luft und umschwebte lange das Dach der fürstlichen Wohnung. Als der Chan und seine Diener die Gestalt des seltsamen Vogels erblickten, waren sie erstaunt und sagten: "Fürwahr, von so einem Vogel haben wir weder gehört noch gesehen!" Zu seiner Gemahlin aber sprach der Chan: "Begib dich auf das Dach des Palastes und reiche dem Vogel köstliche Speisen!" Als sie nun hinaufgestiegen war, um die Speise auf das Dach zu stellen, ließ sich der Vogel herab, und aus seinem Inneren trat ihr Gatte zu ihr heraus. Da rief das Weib voll Freude: "Dich wiederzusehen hatte ich nicht einmal in Gedanken gehofft, und nun habe ich dich doch wiedergefunden. Das hat der Wundervogel getan!" Der Jüngling erwiderte ihr: "Du bist zwar jetzt die Gemahlin des Chans, wenn du mich aber noch lieb hast wie ehemals, so steig zu mir in den hölzernen Vogel und laß uns durch die Lüfte davoneilen!" Ihm antwortete die Gemahlin: "Dem ersten Gatten, den mir das Schicksal verlieh, bin ich noch immer treu."

So sprach die Frau, trat mit dem Jüngling in den hölzernen Vogel und stieg mit ihm zum Himmel hinauf. Als dies der Chan sah, rief er aus: "Weil ich dich hinsandte, um den reizenden Vogel zu füttern, hast du dich mit ihm zum Himmel erhoben." So sprach er voll Gram und wälzte sich klagend auf der Erde umher.

Der Jüngling aber drehte jetzt den Zapfen im Vögel nach unten und ließ sich neben seinen Gefährten zur Erde hinab. Von nun an lebte er mit seiner schönen Gattin glücklich und unangefochten.


Quelle: Oskar Ebermann, Sagen der Technik, o. J., S. 62