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DIE FRAU AUS HOLZ

Ein König hatte eine einzige Tochter, die hatte in ihrem Leben noch nie gelacht, und das kümmerte den Vater sehr. Darum hatte er bestimmt, daß derjenige sie zum Weibe haben solle, der sie zum Lachen bringe, wer es aber unternehme und es gelänge ihm nicht, den koste es das Leben. Schon viele Freier hatten es versucht, doch alle hatten den Tod gefunden, nun wagte es lange niemand mehr.

Von der Königstochter hörte einmal ein Schäferjunge, dem stieg das zu Gedanken, und nach einiger Zeit trat er vor den König und sprach: "Ich möchte deine Tochter wohl lachen machen!" "Armer Junge, das kannst du nicht", sprach der König, "es wäre ja schade um dein Leben, lasse ab davon." Aber der Junge hörte nicht auf zu bitten, bis der König es endlich zuließ. Er begab sich mit einem Minister zur Königstochter, trat ehrerbietig vor sie und fing an zu erzählen: "Drei Wanderburschen, ein Bildhauer, ein Maler und ein Sprachmeister, unternahmen zusammen eine Reise. Als sie in einen Wald gekommen waren, machten sie ein Feuer an und setzten sich herum. Da nahm der Bildhauer einen jungen Stamm und schnitzte daraus eine Jungfrau, darauf nahm sie der Maler und gab ihr durch Farben Schönheit, darauf nahm sie der Sprachmeister und lehrte sie sprechen. Wem von den dreien gehört nun die lebendige Jungfrau von Rechts wegen? Niemand weiß das zu beantworten." Da lachte die Königstochter und rief:

"Das versteht sich doch von selbst, dem Sprachmeister!"

So hatte der Schaf er junge die Bedingung erfüllt, und die Königstochter wurde ihm angetraut. Eine glänzende Hochzeit wurde gefeiert, die vier Wochen lang dauerte, und der Junge wurde bald König und lebte in Glück bis an sein Ende.


Quelle: Oskar Ebermann, Sagen der Technik, o. J., S. 20