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DER RETTENDE PANZER

In der Gegend von Worms hauste einst ein entsetzlicher Drache, der Tiere und Menschen verschlang, wo er ihrer habhaft werden konnte. Gleich einem rechten Lindwurm bewegte er sich auf zwei Beinen, während der langgestreckte Leib sich am Boden ringelte. Sein geöffneter Rachen zeigte zwei Reihen scharfer Zähne und spie feurigen Atem, und auch seine Augen loderten in unheimlicher Glut. Niemand vermochte das Ungetüm mit List oder Gewalt zu töten, und so bemächtigte sich eine tiefe Niedergeschlagenheit der Stadt Worms.

Um die Stadt vor dem Äußersten zu bewahren und doch den blutdürstigen Drachen einigermaßen zu befriedigen, wurde eine Liste sämtlicher Einwohner der Stadt angefertigt und diejenigen Bürger durch das Los bestimmt, die dem Ungeheuer zum Fräße vorgeworfen werden sollten. Diese entsetzliche Blutsteuer erregte aber den größten Unwillen Inder arg bedrängten Stadt, und um dem drohenden Aufruhr vorzubeugen und der Bürgerschaft ein Beispiel von Opfermut zu gelben, ließ sich die verwitwete Königin mit allen ihren Hofleuten mit auf die verhängnisvolle Liste setzen. Als freilich bald darauf das furchtbare Los auf den Namen der Königin fiel, war der Jammer am Hofe, aber auch in der Stadt groß.

Nun lebten zu der Zeit in Worms drei Brüder, von gewaltigem Körperbau, die alle der Zunft der Messerschmiede und Schlosser angehörten. Von diesen ging der jüngste zur Königin und bot ihr an, sich an ihrer Stelle dem Drachen zu opfern unter der Bedingung, daß sie ihn als Gatten annehmen würde, falls er lebend zurückkäme. Die Brüder hatten nämlich in aller Stille einen starken eisernen Panzer gefertigt, der ringsum überall mit spitzen, scharfen Messern versehen war. Als die Königin sein Angebot nebst seiner Bedingung angenommen hatte, ließ er sich in diesen Panzer schnüren und dem Wurme vorwerfen, der ihn auch sofort verschlang. Aber die Messer zerschnitten dem Ungeheuer die Eingeweide, so daß es qualvoll verendete und der wagemutige Schlosser mit dem Leben davonkam. Er wurde unter dem Jubel der Bürger in die Stadt eingeholt, und die Königin zögerte nicht, ihr Wort einzulösen; unter freudiger Anteilnahme der ganzen Stadt wurde bald die Hochzeit gefeiert.

Die Stadt aber erhielt zur ewigen Erinnerung an den schrecklichen Wurm den Namen Worms und zum Andenken an den Retter der Stadt führt sie - nach seinem früheren Handwerk - einen Schlüssel im Wappen.


Quelle: Oskar Ebermann, Sagen der Technik, o. J., S. 79