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DER GOLDENE HIRSCH

Ein Soldat, der immer lustig und guter Dinge war, obwohl er nur wenig zu beißen hatte, hieß bei seinen Kameraden nur der lustige Ferdinand. Als er eines Tags vor der Türe des Königs die Wache hatte und sich alle die Kostbarkeiten betrachtete, schrieb er mit Kreide an die Tür: "Das Geld bezwingt die ganze Welt" Der König stellte ihn darüber zur Rede: allein der lustige Ferdinand sagte: wenn ich nur Geld genug hätte, so wollte ich Eure Tochter zur Frau kriegen und selbst noch ein König werden." Der König sprach: "Du sollst ein Jahr lang so viel Geld haben, als du verlangst; kannst du aber in dieser Zeit die Liebe meiner Tochter nicht gewinnen, so kostet dir's den Kopf." Der lustige Ferdinand erhielt den Schlüssel zur Schatzkammer, nahm so viel Geld, als er nur tragen konnte, fuhr spazieren, ging auf Reisen und dgl. Um die schone Prinzessin aber kümmerte er sich gar nicht. Diese hatte der König auf eine kleine Insel in der Nähe des Schlosses bringen lassen und verboten, daß kein Mannsbild zu ihr gelassen würde. Da hatte sie Langeweile.

Nach einem halben Jahre vom König gemahnt, ging der lustige Ferdinand zu einem Goldschmied, der war so geschickt, wie keiner in der ganzen Welt, und bestellte einen goldenen Hirsch so groß, wie ein rechter Hirsch, mit großem zackigem Geweih; innen aber hohl, daß ein Mann sich darin verbergen könne. Das Gold dazu nahm er aus der Schatzkammer des Königs. Der Hirsch wurde so schön, daß man nichts Herrlicheres sehen konnte. Der lustige Ferdinand kroch in den Hirsch und nahm seine Zither mit, die er zu spielen verstand. Der Goldschmied mußte ihn vor den König bringen. Als nun im Bauch des Hirsches eine Zither anfing zu spielen, waren König und Köngin ganz entzückt, und diese befahl, den Hirsch der Tochter auf die Insel zu schicken. Diese ist ebenfalls ganz entzückt; aber als sie schlief, da schlüpfte der lustige Ferdinand heraus und sah, wie die Prinzessin so wunderschön war, daß er seine Augen nicht von ihr wenden konnte und ihr einen Kuß gab, daß sie erwachte. Sie erschrak; aber er bat sie, ihn nicht zu verraten und kroch wieder in den Bauch des Hirsches. Ändern Tags kam er wieder heraus, da gefiel er ihr immer besser, und sie versprachen sich, daß sie nicht voneinander lassen wollten. So ging es vier oder fünf Monate lang fort. Der König kam endlich und erfuhr alles. Da ärgerte er sich, konnte aber sein Wort nicht brechen. So hat der lustige Ferdinand, ehe das Jahr herum war, seine Wette gewonnen und ist noch König geworden.


Quelle: Oskar Ebermann, Sagen der Technik, o. J., S. 43