DIE REDENDE BILDSÄULE DES ALBERTUS MAGNUS

Im dreizehnten Jahrhundert lebte zu Köln ein weit berühmter Gelehrter, der hieß Albertus Magnus. Er war weise und ein Meister in allen Künsten, sein größtes Wunderwerk aber war die redende Bildsäule. Dreißig Jahre lang arbeitete er unermüdlich an dem Menschenbilde, wobei er sorgfältig auf die Konstellationen und Aspekte der Gestirne achtete. So goß er die Augen, als die Sonne im Zeichen des Tierkreises stand, aus Metallen, die er gemischt und mit den entsprechenden Zeichen des Tierkreises, denen der Planeten und mit den verschiedenen Aspekten versehen hatte. Ebenso verfuhr er beim Kopfe, beim Halse, bei Schultern und Schenkeln, und setzte das alles zusammen zu einer menschlichen Gestalt, die ihm alle Geheimnisse enthüllen sollte, die es für ihn noch gab.

Nun weilte damals bei ihm ein Schüler namens Thomas der eigens zu ihm nach Köln gesandt worden war, um bei ihm zu studieren. Der war schon lange neugierig, was sein Meister in der abgelegenen Werkstatt treibe, in die er niemanden hineinließ. Eines Tages benutzte er die Abwesenheit des Albertus und trat in den verbotenen Raum, wo sein Meister die verborgenen Kräfte der Natur erforschte und wo er sogar schon das Schießpulver, das Feuergewehr, den Zeitmesser und ähnliche Dinge erfunden hatte, die der Welt erst in viel späteren Zeiten bekannt wurden.

Inmitten all der seltsamen Dinge wurde dem Schüler beklommen zumute. Er wollte zurück und konnte doch nicht, da sah er in der Ecke noch einen Vorhang, den zog er zurück und stand vor einem wunderschönen Bilde; während er es noch anstarrte, kam eine Stimme aus der Gestalt, die rief: Salve, salve, salve! Nun glaubte er nicht anders, als es sei Teufelswerk, ergriff einen Stab, der neben ihm stand, rief: "Apage, satanas!" und schlug auf die Gestalt los, bis sie mit seltsamem Tönen und Klirren zusammenbrach. Eben wollte er fortlaufen, da kam sein Meister Albertus herein. Als er sah, was Thomas in der kurzen Zeit, da er selbst abwesend war, für Unheil angerichtet, fuhr er ihn voll Zorn und Schmerz an: "Thomas, Thomas, was hast du getan! Deine Unwissenheit hat ein Werk zerstört, auf das ich den schönsten Teil meines Lebens verwendet habe."


Quelle: Oskar Ebermann, Sagen der Technik, o. J., S. 38