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Iphigenie in Tauris

Von Athen hatten sich die beiden Freunde, Orestes und Pylades, der erste nun wieder von seiner Schwermut genesen, nach Delphi zu dem Orakel Apollons gewendet, und dort fragte Orestes den Gott, was er weiter über ihn beschlossen hätte. Der Spruch der Priesterin lautete dahin, daß der Königssohn von Mykene die Endschaft seiner Not erreichen sollte, wenn er nach den Grenzen der taurischen Halbinsel, in der Nachbarschaft der Skythen, sich begeben hätte, wo Apollons Schwester Artemis ein Heiligtum besitze. Dort sollte er das Bildnis der Göttin, das nach der Sage dieses Barbarenvolkes vom Himmel gefallen war und daselbst verehrt wurde, durch List oder andere Mittel rauben und nach bestandenem Wagestück nach Athen verpflanzen, denn die Göttin sehne sich nach milderem Himmelsstriche und griechischen Anbetern und ihr gefalle das Barbarenland nicht mehr. Wäre dieses glücklich vollführt, so solle der landesflüchtige Jüngling am Ziele seiner Not stehen.

Pylades verließ seinen Freund auch auf dieser rauhen Wanderung nach einem gefahrvollen Ziele nicht. Denn das Volk der Taurier war ein wilder Menschenstamm, der die an seiner Küste Gestrandeten und andere Fremde der Jungfrau Artemis zu opfern pflegte. Den gefangenen Feinden hieben sie den Kopf ab, steckten ihn an einer Stange über den Rauchfang ihrer Hütten und bestellten ihn so zum Wächter ihres Hauses, der alles von der Höhe herab für sie überschauen sollte.

Die Ursache, warum das Orakel den Orestes in dieses wilde Land unter den grausamen Völkerstamm sandte, war aber diese. Als Agamemnons und Klytaimnestras Tochter auf Anraten des griechischen Sehers Kalchas, im Angesicht der Griechen, am Strande von Aulis geopfert werden sollte und der Todesstreich gefallen war, der eine Hindin anstatt der Jungfrau getroffen hatte, da stahl die erbarmungsvolle Göttin Artemis das Mägdlein aus den Blicken der Griechen weg und trug sie durch das Lichtmeer des Himmels auf ihren Armen über Meer und Land nach diesem Taurien und ließ sie hierin ihrem eigenen Tempel nieder. Dort fand sie der König des Barbarenvolkes, Thoas mit Namen, und bestellte sie zur Priesterin des Artemistempels, wo sie im Dienste der Göttin des fürchterlichen Brauches pflegen und, wie die alte Sitte des rohen Landes heischte, jeden Fremdling, dessen Fuß dies Ufer betrat - und meistens waren es Landsleute von ihr, Griechen, die dieses jammervolle Los traf -, der Landesgöttin opfern mußte. Indessen hatte sie nur das Todesopfer einzuweihen. Niedrigere Diener der Göttin mußten dasselbe sodann in das Heiligtum hinein zur grausen Schlachtbank schleppen.

Jahre schon hatte die Jungfrau, ihres traurigen Amtes wartend, übrigens hochgehalten vom König und um ihrer milden, griechischen Sitte und ihrer eigentümlichen Liebenswürdigkeit willen verehrt vom Volke, fern von der Heimat und gänzlich unbekannt mit den Geschicken ihres Hauses vertrauert, als es ihr einstmals in der Nachtruhe träumte, sie wohne fern von diesem Barbarenstrand im heimatlichen Argos, und schlafe von den Sklavinnen des Elternhauses umringt. Da fing auf einmal der Rücken der Erde zu beben und zu zittern an, und ihr war, als fliehe sie aus dem Palast, stände draußen und müßte sehen und hören, wie das Dach des Hauses zu wanken begann und der ganze Säulenbau, bis auf den Grund erschüttert, zu Boden rasselte. Ein einziger Pfeiler - so dünkte ihr - vom väterlichen Hause blieb übrig. Mit einem Mal bekam dieser Pfeiler Menschengestalt, aus dem Säulenknauf wurde ein Haupt, von blondem Haupthaar umwachsen, und dieser fing an, in vernehmlichen Lauten zu reden, deren Inhalt jedoch der Jungfrau entfallen war, als sie wieder erwachte. Im Traum aber geschah es noch, daß sie, ihrem Fremdenmord befehlenden Amte getreu, den Menschen, der. ein Pfeiler ihres Vaterhauses gewesen war, als zum Tode bestimmt, mit dem Weihwasser besprengte und dazu bitterlich weinen mußte, bis sie der Traum verließ.

Am Morgen, der auf dieselbe Nacht folgte, war Orestes mit seinem Freunde Pylades am taurischen Uferstrande ans Land gestiegen, und beide schritten auf den Tempel der Artemis zu. Bald standen sie vor dem Barbarengebäude, das eher einem Zwinger denn einem Götterhause glich, und blickten staunend an dem hohen Mauerringe empor. Endlich brach Orestes das Schweigen. "Du treuer Freund", sprach er, "der auch dieses Weges Gefahr mit mir geteilt hat, was fangen wir an? Wollen wir den Treppenkranz, der sich um den Tempel schlingt, erklimmen? Aber wenn wir droben sind, werden wir nicht in dem unbekannten Gebäude wie in einem Labyrinth umhertappen? Und werden nicht eherne Schlösser uns den Zugang zu den Gemächern verschließen? Würden wir aber, indem wir Einlaß suchen, indem wir öffnen, an dem Tore von den Wachen, die ohne Zweifel bei dem Heiligtum aufgestellt sind, erhascht, so sind wir des Todes. Denn das wissen wir ja, daß Griechenmord den Altar dieser unerbittlichen Göttin unaufhörlich bespritzt! Darum, wäre es nicht geratener, zu dem Schiffe zurückzukehren, dessen Segel uns hierher gebracht hat?"

"Ei", erwiderte Pylades, "das wäre wahrlich das erste Mal, daß wir miteinander die Flucht ergriffen! Heilig soll uns der Ausspruch Apollons sein! Doch, wahr ist's, fort müssen wir von diesem Tempel! Das klügste ist, wir verbergen uns in den dunkeln Grotten, die das Meer bespült, fern von unserem Fahrzeug, damit keiner, der es erblickt, dem Herrscher dieses Landes von uns melden könne und wir nicht von Waffengewalt, die gegen uns ausgesendet wird, übermannt werden. Wenn aber dann die Nacht anbricht, dann laß uns frisch ans Werk schreiten. Die Lage des Tempels kennen wir nun schon; irgendeine List wird uns ins Innere des Tempelraumes führen, und haben wir das Götterbild einmal auf den Armen, so ist mir vor dem Rückwege nicht mehr bange. Tapfere stürzen sich mutig in die Gefahr! Haben wir rudernd nicht einen unermeßlichen Weg zurückgelegt? Nun wäre es doch schmählich, wenn wir am Ziel umkehrten und ohne die Beute, die der Gott uns bezeichnet hat, heimkehrten!"

"Wohl gesprochen", rief Orestes, "es geschehe, wie du rätst! Wir wollen uns verbergen, bis der Tag vorüber ist, die Nacht kröne unser Werk!"

Die Sonne stand schon höher am Himmel, als auf die Priesterin der Artemis, die an der Schwelle ihres Tempels stand, ein Rinderhirt, der mit schnellen Schritten vom Meergestade herbeigeeilt kam, zuschritt. Er brachte die Meldung, daß ein paar Jünglinge, wohlgefällige Schlachtopfer der Göttin Artemis, am Ufer gelandet seien. "Bereite nur, erhabene Priesterin", sprach er, "je eher je lieber das heilige Wasserbad und schicke dich zu dem Werke an!" - "Was für Landsleute sind die Fremdlinge?" fragte Iphigenie traurig. "Griechen", erwiderte der Hirt; "weiter wissen wir nichts, als daß der eine von ihnen Pylades heißt und daß sie unsere Gefangenen sind." - "Laßt hören", fragte die Priesterin weiter, "wo geschah's und wie finget ihr sie?" - "Wir badeten eben", erzählte der Hirt, "unsere Rinder im Meere und warfen eins ums andere ins Wasser, das strömend durch die Felsen fällt, welche man die Symplegaden heißt. Es findet sich dort ein hohler, durchbrochener, stets vom Wasser beschäumter Felssturz, eine Grotte für die Schneckenfischer. Hier gewahrte ein Hirte von unserer Schar ein paar Jünglingsgestalten, und sie kamen ihm so schön vor, daß er sie für Götter hielt und vor ihnen niederfallen wollte. Ein anderer aber, der neben ihm stand, ein frecher, ungläubiger Mensch, war nicht so töricht; er lachte, als er seinen Kameraden die Knie beugen sah, und sprach: ‚Siehst du denn nicht, daß es schiffbrüchige Seeleute sind, die sich in jene Felsenkluft gelagert haben, um sich zu verbergen, weil sie voll Angst von dem Gebrauch gehört haben, daß wir hierzulande die Fremden, die an unseren Strand geraten, zu opfern pflegen?' Diese Rede gefiel der Mehrzahl, und wir schickten uns an, Jagd auf die Opfer zu machen. Da trat der eine der Fremdlinge zu der Felskluft heraus, schüttelte sein Haupt und warf es wild umher, Arme und Hände schlotterten ihm; laut aufstöhnend, vom Wahnsinn gepackt, rief er: ‚Pylades, Pylades! siehst du dort die schwarze Jägerin, den Drachen aus dem Hades, wie sie mich zu morden begehrt, wie sie mit den wilden Schlangen züngelnd auf mich zufährt? Und da die andere, die Feueratmende, die hat ja meine eigene Mutter im Arm und droht sie auf mich zu schleudern! Wehe mir! Sie erwürgt mich! Wie soll ich ihr entfliehen?' Von allen diesen Schreckbildern", fuhr der Hirt fort, "war weit und breit nichts zu sehen, sondern er hielt wohl das Gebrüll der Rinder und das Hundegebell für Stimmen der Erinnyen. Uns aber faßte alle ein Schrecken, zumal da der Fremdling sein Schwert von der Seite zog und sich wie rasend auf die Rinderschar warf und ihnen das Eisen in die Bäuche stieß, daß sich bald die Meeresflut rot färbte. Endlich ermannten wir uns, bliesen mit unseren Muscheln das Landvolk zusammen und nahten uns den bewaffneten Fremdlingen in einem geschlossenen Haufen. Der Rasende, den die Zuckungen des Wahnsinns allmählich verlassen hatten, stürzte nun, am Mund von Schaum triefend, zu Boden. Wir alle wandten uns ihm zu mit Werfen und Schleudern, während sein Genösse ihm den Schaum abwischte und seinen eigenen Mantel ihm gewandt um den Leib schlug. Bald aber sprang der Daniedergeworfene mit vollem Bewußtsein wieder auf und wehrte sich seines Lebens. Zuletzt jedoch mußten sie der Überzahl weichen, wir umschlossen sie in einem Kreise; die wiederholten Steinwürfe machten, daß ihnen die Waffen aus den Händen fielen und ihre Knie ermattet zu Boden sanken. Nun bemächtigten wir uns ihrer und geleiteten sie zu Thoas, dem Beherrscher des Landes. Dieser hatte sie kaum zu Gesicht bekommen, als er auch schon befahl, die Gefangenen dir als Todesopfer zuzusenden. Flehe nur, o Jungfrau, daß du recht viel solche Fremdlinge abzuschlachten bekommst, denn es scheinen recht herrliche Griechen zu sein. Tötest du solcher viele, so büßt Griechenland deine Todesangst nach Gebühr, und du bist gerächt dafür, daß sie dich in der Bucht von Aulis umbringen wollten!"

Der Hirt schwieg und erwartete die Befehle der Richterin, die ihm auch wirklich auftrug, die Fremdlinge zu holen. Als sich Iphigenie allein sah, sprach sie zu sich selber: "O mein Herz, sonst wärest du doch immer barmherzig gegen die Fremdlinge, schenktest gern deinen Stammesgenossen eine Träne, so oft dir griechische Männer in die Hände fielen! Nun aber, seit der Traum dieser Nacht mir die bittere Ahnung eingeflößt hat, daß mein geliebter Bruder Orestes das Licht der Sonne nicht mehr sieht - nun sollet ihr alle, die ihr nahet, mich grausam finden! Sind doch die Unglücklichen den Beglückten immer abhold! O ihr Griechen, die ihr mich wie ein Lamm zum Opferherde schlepptet, wo mein eigener Vater der Schlächter war! O, nie vergesse ich diese Schreckenszeit! Ja, wenn Zeus mir mit frischen Winden den Mörder Menelaos einmal herbeiführen wollte, und die trügerische Helena -"

Sie ward in ihrem Selbstgespräch unterbrochen durch das Herannahen der Gefangenen, die ihr in Fesseln vorgeführt wurden. Als sie dieselben kommen sah, rief sie ihren Führern entgegen: "Lasset den Fremden die Hände frei; die heilige Weihe, die sie empfangen sollen, spricht sie von allen Banden los! Dann gehet in den Tempel und bestellet alles, was dieser Fall erfordert!" Hierauf wandte sie sich zu den Gefangenen und redete sie an: "Sprechet, wer ist euer Vater, eure Mutter, wer eure Schwester, wenn ihr eine habt, die jetzt, eines so schmucken, stattlichen Bruderpaares beraubt, allein in der Welt stehen soll? Woher kommt ihr, bejammernswürdige Fremdlinge? Ihr hattet wohl eine weite Fahrt bis zu diesen Ufern. Doch bereitet euch zu einer weiteren, denn jetzt geht eure Fahrt hinunter ins Schattenreich!"

Ihr erwiderte Orestes: "Wer du auch immer seiest, o Weib, was beklagst du uns? Wer das Henkerbeil schwingt, dem steht es übel an, sein Opfer zu trösten, ehe er den Streich führt; und wem der Tod ohne Hoffnung droht, dem will auch das Jammern nicht geziemen! Keine Tränen, weder von dir noch von uns! Laß das Geschick ergehen!"

"Welcher von euch beiden ist Pylades? Das lasset mich zuerst wissen!" fragte nun die Priesterin. "Dieser hier!" sprach Orestes, indem er auf seinen Freund hindeutete. -"Seid ihr Brüder?" - "Durch Liebe", antwortete Orestes, "nicht durch Geburt!" - "Wie heißest denn aber du?" -"Nenne mich einen Elenden", erwiderte er, "am besten ist's, ich sterbe namenlos; dann werde ich doch nicht zum Gespött!" - Die Priesterin verdroß sein Trotz und sie drang in ihn, ihr wenigstens seine Vaterstadt zu nennen. Als der Name Argos im Ohr klang, zuckte es ihr durch die Glieder und sie rief heftig: "Bei den Göttern, Freund, stammst du wirklich dorther?" - "Ja", sprach Orestes, "von Mykene, wo mein Haus einst beglückt war." - "Wenn du von Argos kommst, Fremdling", fuhr Iphigenie mit gespannter Erwartung fort, "so bringst du wohl auch Nachrichten von Troia mit? Ist's wahr, daß es spurlos vertilgt ist? Kam Helena zurück?" - "Ja, beides ist so, wie du fragst!" - "Wie geht's dem Oberfeldherrn? Agamemnon, deucht mich, hieß er, der Sohn des Atreus?" - Orestes schauderte bei dieser Frage: "Ich weiß nicht", rief er mit abgewandtem Haupte. "Sprich mir davon nicht, o Weib!" Aber Iphigenie bat ihn mit so weicher, flehender Stimme um Nachricht, daß er nicht zu widerstehen vermochte. "Er ist tot", sprach er, "durch die Gemahlin starb er grausenhaften Todes!" Ein Schrei des Entsetzens entfuhr der Priesterin. Doch faßte sie sich und fragte weiter: "Sprich nur das noch! Lebt des armen Mannes Weib?" - "Nicht mehr", war die Antwort, "ihr eigener Sohn hat ihr den Tod gegeben, er übernahm das Rächeramt für seinen ermordeten Vater, doch geht es ihm schlimm dafür!" - "Lebt noch ein anderes Kind Agamemnons?" - "Zwei Töchter, Elektra und Chrysothemis." - "Und was weiß man von der ältesten, die geschlachtet ward?" - "Daß eine Hindin an ihrer Statt starb, sie selbst aber spurlos verschwunden ist. Auch sie ist wohl schon lange tot!" - "Lebt der Sohn des Gemordeten noch?" fragte die Jungfrau ängstlich. "Ja", sprach Orestes, "doch im Elend, vertrieben, überall und nirgends!" - "O trügerische Träume, weichet!" seufzte Iphigenie vor sich hin. Dann hieß sie die Diener sich entfernen, und als sie mit den Griechen allein war, sprach sie flüsternd zu ihnen: "Vernehmet etwas, Freunde, das zu eurem und meinem Vorteil dient, wenn wir einig sind. Ich will dich retten, Jüngling, wenn du mir ein Briefblatt in deine und meine Heimat Mykene, an die Meinigen gerichtet, nehmen willst!" - "Ich mag mich nicht retten, ohne den Freund", antwortete Orestes; "ich bin ein Unglücklicher, von dem er nicht gewichen ist. Wie sollte ich ihn in der Todesnot verlassen?" - "Edler, brüderlich gesinnter Freund!" rief die Jungfrau. "O wäre mein Bruder wie du! Denn wisset, Fremdlinge, auch ich habe einen Bruder, nur daß er fern aus meinen Augen ist. - Aber beide kann ich euch nicht entlassen; das duldet der König nimmermehr. Stirb denn du, und laß deinen Pylades ziehen; welcher von euch mir das Blatt besorgt - mir gilt es gleich!" - "Wer wird mich opfern?" fragte Orestes. "Ich selbst, auf Befehl der Göttin", antwortete Iphigenie. - "Wie, du, das schwache Mädchen, schwingst auf Männer dein Schwert?" - "Nein, ich benetze nur mit dem Weihwasser deine Locken! Die Tempeldiener sind's, die das Schlachtbeil schwingen! Dein verbranntes Gebein empfängt sodann ein Felsenschild." - "O daß mich meine Schwester bestattete", seufzte Orestes. -"Das ist freilich nicht möglich", sagte die Jungfrau gerührt, "wenn deine Schwester im fernen Argos weilt. Doch, lieber Landsmann, sorge nicht, ich will deinen Scheiterhaufen mit Öl löschen und mit Honig beträufeln und deine Gruft ausschmücken, als wäre ich deine leibliche Schwester! Jetzt aber laß mich gehen, die Zuschrift an die Meinen zu bestellen!"

Wie die Jünglinge allein, nur in der Ferne von Dienern bewacht waren, hielt sich Pylades nicht länger: "Nein", rief er, "bei deinem Tode leben kann ich nicht! Diese Schmach verlange nicht von mir. Ich muß dir in den Tod folgen wie ich dir aufs weite Meer gefolgt bin. Phokis und Argos würden mich der Feigheit zeihen. Alle Welt - denn böse ist die Welt - würde sagen, ich, um die Heimat mir zu gewinnen, hätte dich verraten, dich getötet, dir nach dem Reich, nach dem Erbe getrachtet, zumal da ich dein künftiger Schwager bin und um deine Schwester Elektra ohne Mitgift gefreit habe. Jedenfalls also will ich, muß ich mit dir sterben!" Orestes wollte nichts von diesem Entschlüsse hören, und noch stritten sie, als Iphigenie, das beschriebene Blatt in der Hand, zurückkehrte. Als sie den Empfänger Pylades hatte schwören lassen, daß er den Brief gewiß den Ihrigen abliefern wollte, und dagegen schwor, ihn zu retten, besann sich die Jungfrau, und auf den Fall, daß das Schreiben durch irgendeinen Unglücksfall von der See verschlungen würde, während der Überbringer mit dem Leben davonkäme, wollte sie ihm den Inhalt überdies auch noch mündlich mitteilen. "Melde", sprach sie, "dem Orestes, dem Sohne des Agamemnon: Iphigenie, die in Aulis vom Opferherde entrückt wurde, lebt, und bestellt an dich, was folgt." - "Was höre ich", fiel ihr Orestes ins Wort, "wo ist sie? Steht sie von den Toten auf?" - "Hier steht sie", sagte die Priesterin, "doch störe mich nicht! - ‚Lieber Bruder Orestes! Ehe ich sterbe, hole mich aus der fernen Barbarei nach Argos; erlöse mich vom Opferherd, an dem ich im Dienste der Göttin die Fremdlinge morden muß. Tust du es nicht, Orestes, so seien du und dein Haus verflucht!'"

Die beiden Freunde konnten lange vor Staunen keine Worte finden, bis zuletzt Pylades das Blatt aus ihren Händen nahm, und, gegen den Freund gewendet und ihm den Brief überreichend, ausrief: "Ja ich will den Eid auf der Stelle halten, den ich geleistet. Da nimm, Orestes, ich händige dir das Schreiben ein, welches die Schwester Iphigenie dir überschickt." Orestes warf es auf den Boden und umschlang die Wiedergefundene mit den Armen. Sie wollte ihm wehren, sie konnte es nicht glauben, bis Erzählungen aus der innersten Geschichte des Atridenhauses ihn ihr als denjenigen beglaubigten, der er von Pylades bezeichnet ward. "O Geliebtester", rief die Jungfrau jetzt, "denn das bist du und nichts anderes, du der Meine, der Meine, der Einzige, der Bruder! Aus dem geliebten Argos kommend! Wie jugendlich zart wärest du, als ich dich verließ, im Arme des Pflegers ruhend, sorglos und glücklich! Ja, glücklich, wie wir beide in diesem Augenblick es sind." - Doch Orestes war schon zur Besinnung gekommen, und sein Antlitz hatte sich umwölkt. "Freilich sind wir jetzt glücklich", sprach er, "aber wie lange wird es währen? Ist nicht der Jammer, der Untergang uns gewiß?" Auch Iphigenie bedachte sich voll Unruhe: "Was ersinne ich nun", sagte sie bebend, "wie erlöse ich dich aus dem Reiche des Barbarenfürsten, wie sende ich dich frei vom Tode nach Argos zurück, daß du nicht mitsamt deinem Freunde am Opferherde dem Stahl erliegen mußt? Aber schnell, ehe der Herr dieses Reiches, ungeduldig über den verzögerten Tod der Gefangenen, erscheint, erzähle mir, Bruder, und verschweige mir nichts von den entsetzlichen Ereignissen in unserem unglücklichen Hause."

Orestes meldete ihr mit gedrängten Worten alles, wie es sich begeben, und schloß das Fürchterliche mit einer guten Kunde, mit der Verlobung Elektras und seines Freundes. Während der Erzählung hatte sich die Jungfrau, so ganz sie Ohr war, doch auch mit der Rettung ihres geliebten Bruders im Geiste beschäftigt, und zuletzt hatte sich ihr ein glücklicher Gedanke dargeboten. "Ich habe", rief sie, "endlich, dünkt mir, den rechten Weg erdacht. Dein Seelenleiden, das sich bei eurer Gefangennehmung am Strande noch einmal regte, soll mir zum Vorwand bei dem König dienen. Du kommst, sage ich ihm, wie denn dies die Wahrheit ist, als Muttermörder von Argos. Deswegen seiest du unrein und noch nicht entsündigt, um als angenehmes Opfer der Göttin dargebracht zu werden. Erst müsse ein Wasserbad im Meere die Blutspur abwaschen, welche deinem Leibe noch von dem entsetzlichen Mord anklebe. Und weil du im Tempel der Göttin ihr Bild als Schutzflehender berührt habest, so sei auch dieses verunreinigt worden und bedürfe einer Reinigung in der Meeresflut. Da nun mir, der Priesterin, allein vergönnt ist, das heilige Bildnis zu berühren, so trage ich es selbst auf meinen Armen und in eurer Begleitung (denn auch dich, Pylades, nenne ich als Teilhaber der Blutschuld, wie du es denn auch in der Tat wärest) an den Meeresstrand, dort, wo euer Schiff in der Bucht versteckt vor Anker liegt. Dies alles soll durch Überredung des Königs geschehen, denn hintergehen ließe sich der Wachsame nicht. Das weitere Gelingen des Planes, wenn wir einmal am Schiff angekommen sind, ist eure Sache, ihr Freunde!"

Dies alles war zwischen den Geschwistern und ihrem Freunde im Vorhofe des Tempels verhandelt worden, fern von den Dienern und Wachen. Jetzt wurden die Gefangenen den Aufsehern wieder übergeben, und Iphigenie führte sie in das Innere des Tempels. Nicht lange darauf erschien Thoas, der König des Landes, mit einem ansehnlichen Gefolge und fragte nach der Tempelwächterin, denn der Verzug gefiel ihm nicht, und er konnte nicht begreifen, warum die Leiber der Fremdlinge nicht schon lange auf den Hochaltären der Göttin brannten. Wie er nun eben vor dem Tempel angekommen war, trat Iphigenie zu den Pforten heraus und trug die Bildsäule der Göttin auf den Armen. "Was ist das, Agamemnons Tochter", rief der König erstaunt, "warum trägst du dieses Götterbild von dem heiligen Gestelle in deinen Armen fort?" - "Es ist Abscheuliches geschehen, o Fürst", erwiderte die Priesterin mit bewegter Miene, "die Opfer, die am Strande erjagt worden, sind nicht rein; das Standbild der Göttin, als sie sich ihm näherten, es schutzflehend zu umfangen, drehte sich freiwillig auf seinem Sitze und schloß die Augenlider. Wisse, dieses Paar hat Grausenhaftes verübt." Und nun erzählte sie dem König, was im wesentlichen Wahrheit war, und stellte das Verlangen an ihn, die Fremdlinge samt dem Bilde entsündigen zu dürfen. Um ihn recht sicher zu machen, verlangte sie, daß die Fremden wieder gefesselt würden und ihre Häupter als Frevler vor dem Strahl der Sonne verhüllt; auch begehrte sie Sklaven zur Sicherheit, die im Gefolge des Königs erschienen waren. Nach der Stadt- auch dies hatte die Jungfrau schlau in ihrem Sinn ausgedacht - sollte der Fürst einen Boten senden, der den Bürgern befehle, sich, bis die Entsündigung vorüber sei, innerhalb der Mauern zu halten, um von der alles verpestenden Blutschuld nicht angesteckt zu werden. Der König selbst sollte in ihrer Abwesenheit im Tempel bleiben und für die Ausräucherung des gesamten Gewölbes besorgt sein, damit die Priesterin dasselbe nach ihrer Rückkehr gereinigt wiederfinde. Sobald die Fremden aus dem Tore des Tempels träten, sollte der König sein Antlitz ins Gewand hüllen, damit der Greuel sich ihm nicht mitteilen könnte. "Und wenn es dir", schloß die Priesterin ihren Antrag, "auch dünken sollte, als säumte ich lange am Meeresstrande, werde darum nicht ungeduldig, o Herrscher; bedenke, welchen großen und befleckenden Frevel es zu entsündigen gilt!"

Der König willigte in alles und verhüllte sich das Haupt, als bald darauf Orestes und Pylades aus dem Tempel geführt wurden, und es währte nicht lange, so war Iphigenie mit den Gefangenen und einigen Trabanten des Königs auf dem Wege zum Meeresufer aus dem Gesichtskreise des Tempels verschwunden. Thoas begab sich in das Innere desselben und ließ dort die von der Priesterin gebotene Räucherung vornehmen, die bei der Größe des Gebäudes eine geraume Zeit erforderte.

Nach mehreren Stunden kam ein Bote vom Meeresufer dahergeeilt. "Treulose Weiberseelen!" fluchte er vor sich hin, als er erhitzt und keuchend vor der Tempelpforte stand und an das verschlossene Tor pochte. "Hallo, ihr Leute drinnen", schrie er, "öffnet die Riegel, tut dem Herrn zu wissen, daß ich als Überbringer schlimmer Neuigkeit vor dem Tor stehe!" Die Türflügel öffneten sich, und Thoas selbst trat aus dem Tempel. "Wer ist's", sprach er, "der mit seinem Lärm den Frieden dieses heiligen Hauses zu stören sich herausnimmt?"-

"Vernimm, o König, welche Botschaft ich dir bringe", hob der Diener an. "Die Priesterin des Tempels, dieses Griechenweib, ist mitsamt den Fremden und dem Standbild unserer erhabenen Schutzgöttin aus dem Lande entronnen! Das ganze Entsündigungsfest war eine Lüge!" - "Was sagst du?" rief der König, der Unmögliches zu hören glaubte. "Welcher böse Geist hat dieses Weib ergriffen? Wer ist es, mit dem sie flieht?" - "Ihr Bruder Orestes" erwiderte der Bote, "derselbe, den sie hier dem Opfertode geweiht zu haben schien. Höre die ganze Geschichte und dann sinne auf Mittel, wie wir die Flüchtigen verfolgen und fangen, denn ihre Fahrt ist lang und dein Speer kann sie schon noch erreichen! Als wir ans Gestade des Meeres gelangt waren, wo das Schiff des Orestes vor Anker lag, winkte Iphigenie uns, die wir die Fremdlinge in Fesseln daherführten, haltzumachen, damit wir dem heiligen Brandopfer und der beschlossenen Feier fern blieben. Sie selbst nahm den Fremden die Fesseln ab, hieß sie vorangehen und trug sie, ihnen folgend. Zwar schien uns dieses schon etwas verdächtig, indessen glaubten deine Diener, o Herr, es sich doch gefallen lassen zu müssen. Hierauf, damit es schien, als würde mit der Sühnungshandlung wirklich der Anfang gemacht, sang die Priesterin Zauberformeln ab und sprach in fremden Weisen allerlei Gebete. Wir aber hatten uns gelagert und harrten. Endlich kam uns der Gedanke, das entfesselte Paar könnte die wehrlose Frau getötet haben und entsprungen sein. Wir machten uns daher auf und eilten der Felsenbucht zu, die uns den Anblick der Priesterin und der Fremdlinge entzogen hatte. Als wir dicht an den Felsenstrand gelangt waren, sahen wir ein Griechenschiff auf dem Wasserspiegel schwebend und an fünfzig Ruderer auf seinen Bänken; am Hinterteile des Schiffes, noch auf dem Ufer, standen die beiden Fremden, der Fesseln entledigt; die einen lichteten die Anker und hängten sie ein, andere schlugen Zugbrücken, wanden an den Tauen, ließen Leitern für die Fremdlinge nieder. Da besannen wir uns denn freilich nicht länger; wir hatten das ganze Truggewebe vor uns und ergriffen das Weib, das auch noch am Strande verweilte. Orestes aber, sein Geschlecht und Vorhaben laut verkündend, wehrte sich mit Pylades für seine Schwester, die wir schleifend zwingen wollten, uns zu folgen. Da weder wir noch die Fremdlinge Schwerter hatten, so setzte es einen hartnäckigen Faustkampf. Indessen zwangen uns die Griechenjünglinge zum Rückzuge, da auch die Schützen vom Hinterteile des Schiffes uns mit Pfeilen aus der Ferne scharf zusetzten. Zu gleicher Zeit warf eine mächtige Meereswoge das Schiff ans Land, und es fehlte wenig, so wäre es gescheitert. Da nahm Orestes Iphigenie auf den Arm, die selbst das Bild auf den Armen trug, sprang ins Wasser und schnell die Leiter des Schiffes hinan. Dort legte er die Schwester mitsamt dem Himmelsbilde der Artemis auf dem Verdeck nieder. Ihm nach war Pylades gesprungen, und als alle glücklich im Schiffe sich befanden, brach das Schiffsvolk in dumpfen Jubel aus und ruderte frisch durch die salzige Flut. So lange das Schiff durch die Hafenbucht fuhr, glitt es in sanftem Laufe dahin; als es aber in die offene See gelangt war, sauste ein mächtiger Windstoß auf dasselbe herein und trieb es trotz aller Anstrengungen der Ruderer an das Gestade zurück. Da sprang Agamemnons Tochter flehend empor und rief laut: ‚Tochter Letos, jungfräuliche Artemis, du selbst verlangst ja durch das Orakel deines Bruders Apollon nach Griechenland, rette mich mit dir, mich, deine Priesterin, dorthin und vergib mir den kühnen Betrug, den ich mir gegen den Beherrscher dieses Landes erlaubt habe, dem ich gezwungen so lange dienen mußte. Du selbst ja hast auch einen Bruder und liebst ihn, du Himmlische, drum siehe auch unsere Geschwisterliebe gnädig an!' Zu diesem Gebete der Jungfrau stimmten, die entblößten Arme ums Ruder geschlungen, die Schiffer alle den flehenden Gesang, Paian genannt, an, wie ihnen befohlen ward. Dennoch trieb das Schiff immer mehr an den Strand, und ich bin geradeswegs hierher geeilt, um dir zu melden, was sich am Ufer dort begeben. Darum sende du nur auf der Stelle Fangstricke und Fesseln ans Gestade, denn wenn das brausende Meer nicht bald ruhig wird, so ist den Fremdlingen jeder Weg zur Flucht versperrt. Der Meeresgott Poseidon denkt mit Zorn an die Zerstörung seiner Lieblingsstadt Troia zurück; er ist ein Feind aller Griechen und des Atridengeschlechts insbesondere. So wird er denn, wenn mich nicht alles trügt, die Kinder Agamemnons heute in deine Gewalt geben!"

Mit Ungeduld hatte der König Thoas das Ende des langen Berichts abgewartet und ließ nun auf der Stelle an alle Bewohner seines rauhen Küstenlandes den Befehl ergehen, die Rosse aufzuzäumen, dem Meeresstrande zuzusprengen, das Griechenschiff, wenn es durch die Wellen ans Land geschleudert wäre, zu fassen und unter dem Beistande der Göttin Artemis die flüchtigen Verbrecher einzufangen. Das Fahrzeug sollte mit allen Ruderern versenkt werden, die beiden Fremdlinge aber mit der treulosen Priesterin wollte er vom schroffsten Felsen ins Meer hinabstürzen oder bei lebendigem Leibe mit dem Pfahle spießen lassen.

Und schon jagte er an der Spitze seines riesigen Volkes dem Meeresufer zu, als plötzlich eine himmlische Erscheinung den Zug hemmte und den König wider Willen stille zu stehen zwang. Pallas Athene, die erhabene Göttin, war es, deren Riesengestalt, von einer lichten Wolke umgeben, über der Erde schwebend, dem Heereszug den Weg vertrat und deren Götterstimme wie Donner über die Häupter der Taurier hinrollte: "Wohin, wohin jagest du, König Thoas, erhitzt und atemlos mit deinem Volke? Schenke den Worten einer Göttin Gehör! Laß die Haufen deines Heeres ruhen, laß meine Schützlinge frei abziehen! Das Verhängnis selbst hat, durch den Ausspruch Apolls, den Orestes hierher gerufen, daß er, von den Erinnyen befreit, seine Schwester ins Vaterland zurückgeleite und das heilige Bildnis der Artemis in meine geliebte Stadt Athen bringe, wohin sie selbst begehrt hat! Die Flüchtlinge trägt deswegen Poseidon, der Meeresgott, mir zuliebe auf unbewegter Meeresfläche in ihrem Ruderschiffe dahin, und Orestes wird in Athen das Bild der taurischen Artemis in einem heiligen Hain und neuen, herrlichen Tempel aufstellen, und Iphigenie wird auch dort ihre Priesterin sein, dort sterben, dort ihre fürstliche Gruft finden. Du, o Thoas, und du Volk der Taurier, gönnt ihnen allen ihr Geschick und zürnet nicht!"

Der König Thoas war ein frommer Verehrer der Götter. Er warf sich vor der Erscheinung nieder und sprach anbetend: "O Pallas Athene! Wer Götterwort vernimmt und sein Ohr nicht ihm zuneigt, der denkt verkehrt. Kampf mit allmächtigen Göttern bringt keine Ehre. Mögen deine Schützlinge mit dem Bildnis der Göttin ziehen, wohin sie sollen, mögen sie das Bild glücklich in deinem Reiche aufstellen. Ich senke meine Lanze vor den Göttern. Laßt uns umwenden und in die Mauern unserer Stadt zurückkehren."

Es geschah, wie Athene verkündet hatte. Die taurische Artemis erhielt ihren Tempel und behielt ihre Priesterin Iphigenie in Athen. Orestes setzte sich zu Mykene als beglückter König auf den Thron seiner Väter und gewann mit der einzigen, lieblichen Tochter des Menelaos und der Helena, Hermione, die vergebens an Neoptolemos, den Sohn des Achilles, verlobt worden war und die ihm der Bräutigam mit Verlust seines eigenen Lebens lassen mußte, auch das Königreich Sparta, und zuvor noch hatte er Argos erobert. So besaß er ein mächtigeres Reich, als je sein Vater besessen. Seine Schwester Elektra setzte ihr Gemahl Pylades auf den Thron von Phokis. Chrysothemis starb unvermählt; Orestes selbst erreichte ein Alter von neunzig Jahren. Da regte sich der alte, erlöschende Fluch der Tantaliden noch einmal: eine Schlange stach ihn in die Ferse, daß er starb.