SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Sagen des klassischen Altertums >> Gustav Schwab Erster Teil

   
 

Vorwort zur ersten Auflage

Es ist eine schöne Eigentümlichkeit der Mythen und Heldensagen des klassischen Altertums, daß sie für die Blicke des Forschers und für das Auge der Einfalt einen zwar verschiedenartigen, aber doch gleich mächtigen Reiz haben. Während der Gelehrte in ihnen den Anfängen alles menschlichen Wissens, den Grundgedanken der Religion und Philosophie, der ersten Morgendämmerung der Geschichte nachgeht, entzückt den unbefangenen Betrachter die Entfaltung der reichsten Gestalten, das Schauspiel einer gleichsam noch in der Schöpfung begriffenen Natur und Geisterwelt; er sieht mit Lust und Bewunderung die Erde mit Göttern und Göttersöhnen aus dem Chaos emporsteigen und in raschen Bilderreihen den Prometheusfunken im Menschen den Kampf mit der Barbarei beginnen, die Kultur der Wildnis, die Bildung der Roheit, die Vernunft oder die Notwendigkeit der Leidenschaft den Sieg abringen. Die innere lebendige Kraft dieser Bilder ist auch so groß, daß dieselbe nicht von der vollendeten Kunstgestalt abhängig erscheint, in welcher wir einen guten Teil jener Gebilde von den größten Dichtern verarbeitet besitzen, sondern daß die schlichteste Darstellung genügt, ihre Größe auch vor denjenigen zu entfalten, für welche die Kunstform eher ein Hemmnis als eine Förderung des Verständnisses sein muß. In diesem Fall ist die Jugend im Beginn ihrer klassischen Bildung. Die Heroensage, von der ihre Phantasie mit dem ersten Unterrichte in den Sprachen der Alten Bruchstücke aufnimmt, übt einen Zauber über ihren Geist, lang ehe sie imstande ist, dieselbe in den Schöpfungen der Dichter zu fassen. Nähere Bekanntschaft mit diesen Mythen wird sogar als Vorschule für die höhere Bildung ein frühzeitiges Bedürfnis, das auch unsere Literatur längst gefühlt hat und dem sie durch Hilfsbücher aller Art bald in wissenschaftlich belehrender, bald in unterhaltender Form abzuhelfen gesucht hat und noch sucht.

In vorliegendem Buche nun wird der Versuch gemacht, die schönsten und bedeutungsvollsten Sagen des klassischen Altertums den alten Schriftstellern und vorzugsweise den Dichtern einfach und vom Glänze künstlerischer Darstellung entkleidet, doch, wo immer möglich, mit ihren eigenen Worten nachzuerzählen. Man ist längst von der Ansicht zurückgekommen, daß diese auf mythischem Boden spielende und von Mythen durchwobene Geschichten zum Mittel dienen könnten, der Jugend gelegentlich historische, geographische und naturwissenschaftliche Kenntnisse beizubringen und daß man sie gar zum Vehikel eines moralischen Lehrkurses gebrauchen dürfe. Die Moral, die auch der antiken Weltanschauung nicht fehlte, muß in der Darstellung selbst empfunden werden, und auf das Einseitige und in wesentlichen Stücken Irrtümliche derselben, auf ihre Unzulänglichkeit gegenüber der Offenbarung des Christentums, wird eine mündliche Unterweisung des Vaters oder Lehrers den jungen Leser besser aufmerksam machen als das Buch selbst, das von demselben zunächst nur mit der Absicht, sich eine angenehme und doch würdige Erholung zu verschaffen, in die Hand genommen werden soll. Nur dafür hat der Verfasser gesorgt, daß alles Anstößige entfernt bleibe, und deswegen unbedenklich alle diejenigen Sagen ausgeschlossen, in welchen unmenschliche Greuel erzählt werden, die nur eine symbolische Erklärung gewissermaßen entschuldigt, die aber, als Geschichte dargestellt - als welche der Jugend diese Sagen doch gelten müssen -, nur einen empörenden Eindruck auf sie machen könnten. Wo aber unsern höheren Begriffen von Sittlichkeit widerstrebende oder auch schon im Altertum als unsittlich und widernatürlich anerkannte Verhältnisse (wie in der Oidipussage) in einer ihrer Totalrichtung nach hochsittlichen Mythe nicht verschwiegen werden konnten, glaubt solche der Bearbeiter dieser Sagen auf eine Weise angedeutet zu haben, welche die Jugend weder zum Ausspinnen unedler Bilder noch zum Grübeln der Neugier veranlaßt. Vorausgesetzt wird bei diesem Buche nur die allgemeinste Kenntnis der griechisch-römischen Mythologie und Vorzeit, wie sie die Schulbildung unsrer vaterländischen Jugend bei Zeiten verschafft. Das ganze Werk ist auf drei Bände berechnet, wovon der zweite die Geschichte von Troja, der dritte und letzte die Sagen von Odysseus und Aineias enthalten wird.

Stuttgart, im September 1837

G. Schwab