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SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Sagen des klassischen Altertums >> Gustav Schwab Erster Teil |
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Phineus und die Harpyien Der Morgen setzte dem Mahl ein Ziel und sie fuhren weiter. Nach einigen
Abenteuern warfen sie die Anker, gegenüber am bithynischen Lande,
an einem Ufergebiete aus, wo der König Phineus, der Sohn des Helden
Agenor, hauste. Dieser war von einem großen Übel heimgesucht.
Weil er die Wahrsagergabe, die ihm von Apollon verliehen worden, mißbraucht
hatte, war er im hohen Alter mit Blindheit geschlagen worden; und die
Harpyien, die gräßlichen Wundervögel, ließen ihn
keine Speise ruhig genießen. Was sie konnten, raubten sie; das Zurückgebliebene
besudelten sie so, daß man es nicht genießen, ja selbst die
Nähe solcher Speisen nicht aushaken konnte. Doch war dem Phineus
ein Trostspruch vom Orakel des Zeus gegeben: "Wenn die Boreassöhne
mit den griechischen Schiffern kommen würden, sollte er wieder Speise
genießen können." So verließ denn der Greis, auf
die erste Nachricht von des Schiffes Ankunft, sein Gemach. Bis auf die
Knochen abgemagert war er anzuschauen wie ein Schatten, seine Glieder
zitterten vor Altersschwäche, vor den Augen schwindelte ihm, ein
Stab unterstützte seine schwankenden Tritte, und als er bei den Argonauten
angekommen war, sank er erschöpft zu Boden. Diese umringten den unglücklichen
Greis und entsetzten sich über sein Aussehen. Als der Fürst
ihre Nähe vernommen und seine Besinnung wieder zurückgekehrt
war, brach er in flehende Bitten aus: "O, ihr teuren Helden, wenn
ihr wirklich diejenigen seid, welche die Weissagung mir bezeichnet hat,
so helfet mir: denn nicht nur meines Augenlichtes haben die Rachegöttinnen
sich bemächtigt, auch die Speisen entziehen sie meinem Alter durch
die gräßlichen Vögel, die sie mir senden! Ihr leistet
eure Hilfe keinem Fremdling; ich bin Phineus, Agenors Sohn, ein Grieche.
Einst habe ich unter den Thrakiern geherrscht, und die Söhne des
Boreas, welche Teilnehmer eures Zuges sein müssen und mich retten
sollen, sind die jungen Brüder Kleopatras, die dort meine Gattin
war." Auf diese Entdeckung warf sich ihm Zetes, des Boreas Sohn,
in die Arme und versprach ihm, ihn mit Hilfe seines Bruders von der Qual
der Harpyien zu befreien; und auf der Stelle bereiteten sie ihm ein Mahl,
das der räuberischen Vögel letztes sein sollte. Kaum hatte der
König die Speise berührt, als die Vögel, wie ein plötzlicher
Sturm, mit Flügelschlag aus den Wolken herabgestürzt kamen und
sich gierig auf die Speisen setzten. Die Helden schrien laut auf, aber
die Harpyien ließen sich nicht stören, sie blieben, bis sie
alles aufgezehrt hatten, dann schwangen sie sich wieder in die Lüfte
und ließen einen unerträglichen Geruch zurück. Aber Zetes
und Kalais, die Boreassöhne, verfolgten sie mit gezücktem Schwert.
Zeus verlieh ihnen Fittiche und unermüdliche Kraft, die sie wohl
brauchen konnten, denn die Harpyien kamen in ihrem Fluge dem schnellsten
Westwinde zuvor. Aber die Boreassöhne waren rüstig hinter ihnen
drein, und oft meinten sie die Ungeheuer schon mit Händen greifen
zu können. Endlich waren sie ihnen so nahe, daß sie dieselben
ohne Zweifel erlegt hätten, als plötzlich die Botin des Zeus,
Iris, sich aus dem Äther herabsenkte und das Heldenpaar so anredete:
"Nicht ist's erlaubt, ihr Söhne des Boreas, die Jagdhunde des
großen Zeus, die Harpyien, mit dem Schwerte zu fällen. Doch
schwöre ich euch den größten Göttereid beim Styx,
daß die Raubvögel den Sohn des Agenor nicht mehr beunruhigen
sollen." Die Söhne des Boreas wichen dem Eide und kehrten nach
dem Schiffe um. Die Helden hörten dem Greise nicht ohne Grauen zu und wollten eben
weiter fragen, als sich die Söhne des Boreas aus den Lüften
in ihre Mitte herniedersenkten und den König mit der tröstlichen
Botschaft der Iris erfreuten. |