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Wie Eulenspiegel vorgab, daß er zu Magdeburg von der Laube fliegen wollte.

Nachdem Eulenspiegel eine Zeitlang ein Meßner gewesen, kam er nach Magdeburg und machte allerlei Anschläge, so daß sein Name erst recht bekannt wurde und man von Eulenspiegel überall zu sagen wußte. Er wurde von den vornehmsten Bürgern der Stadt überlaufen, daß er etwas Seltsames treiben sollte. Da sagte er, er wolle es tun auf dem Rathaus und von der Laube herabfliegen. Alsbald entstand ein Geschrei in der Stadt, so daß sich Junge und Alte auf dem Markte versammelten, solches zu sehen. Da stand Eulenspiegel auf der Laube im Rathaus und bewegte sich mit den Armen, wie wenn er fliegen wollte. Die Leute sperrten Augen und Mäuler auf und meinten, er wolle fliegen. Eulenspiegel aber lachte und sprach: "Ich glaubte, es wäre kein größerer Narr in der Welt als ich; nun sehe ich wohl, daß hier beinahe die ganze Stadt voll Narren ist; denn ob ihr auch alle sagtet, ihr könntet fliegen, so glaubte ich es doch nicht. Ich bin ja weder eine Gans noch ein Vogel, dazu habe ich weder Flügel noch Federn, ohne welche niemand fliegen kann; da seht ihr nun offenbar, daß es erlogen ist." Damit lief er von der Laube und ließ das Volk stehen, welches teils lachte, teils sagte: "So ein Schalk er auch ist, so hat er doch wahr gesagt!"

Quelle: Aus dem Volksbuch "Der wiedererstandene Eulenspiegel", Volksbücher 12, Leipzig 1845, bei Otto Wigand, hrsg. v. G. O. Marbach, S. 14 f..
aus: Leander Petzoldt, Historische Sagen, Mit Anmerkungen und Erläuterungen, Band II, Baltmannsweiler 2001, Nr. 598, S. 122