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DIE ENTSTEHUNG DES GYMNICHER RITTES

Den Ersten Kreuzzug, so berichtet die Sage, machte auch der Graf Hermann von Gymnich als Anführer einer Reiterschar mit. Im Heiligen Lande geriet diese Schar in einen Sumpf. Alle Anstrengungen, sich daraus zu retten, waren vergebens; immer tiefer sanken die Pferde, und die Reiter sahen den sichern Tod vor Augen. In dieser höchsten Not machte der Ritter von Gymnich das Gelöbnis, wenn Gott ihn mit seinen Begleitern aus dem Moor errette, so wolle er zum ewigen Danke in seiner Heimat alljährlich am Himmelfahrtstage mit seinen Mannen eine Bittfahrt durch Gymnichs Fluren zu Pferde halten. Kaum hatte er das gelobt, siehe, da rauschte auf einmal eine Kette Schilfhühner auf. Die Pferde, durch den ungewohnten Flügelschlag aufs heftigste erschreckt, bäumten auf und gewannen in mächtigen Sätzen wieder den festen Boden.

Treu hielt der Gymnicher Graf sein Versprechen, und Jahr um Jahr machte er mit seinen Mannen und Knechten und den von ihm abhängigen Bauern betend den Ritt um Gymnichs Gemarkung; auch nahm er das Wasserhuhn in sein Wappen auf. Die Bittfahrt aber, die der Graf gestiftet, hat man gehalten bis auf den heutigen Tag. Nur einmal, so wird erzählt, ist man von dem frommen Brauche abgewichen; doch gereichte das den Gymnichern nicht zum Segen. Es war im Anfange des 19. Jahrhunderts unter der französischen Fremdherrschaft, da sollen die Gymnicher auf Betreiben einiger Freiheitshelden und Gottesleugner den Bittgang am Himmelfahrtstage unterlassen haben. Da aber kam noch desselben Tages ein Hagelwetter so furchtbar, daß in Gymnichs Gemarkung die gesamte Feldfrucht vernichtet wurde. Nur das Feld eines Mütterchens, das ganz allein den Bittgang gemacht hatte, blieb verschont. Darum findet die Prozession selbst bei dem schlechtesten Wetter statt. In früheren Jahren, als die Grafenfamilie noch in Gymnich wohnte, ritt der Schloßgeistliche mit in der Prozession und trug eine Partikel vom heiligen Kreuze, die noch auf der Burg aufbewahrt wird.


Quelle: H. Pauly, Der Sagenschatz des Rheinlandes, Köln o. J., S. 77 - 79, A: J. Pauly, O: Gymnich.
aus: Historische Sagen, Leander Petzoldt, Schorndorf 2001, Nr. 67, S. 45