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§. 28. Bemerkungen über andere
Anordnungen, über Metrum und allgemeine Literatur des Heldenbuchs.
Wir haben in unserer Folge der Gedichte eine Anordnung versucht,
welche, so viel irgend möglich, sowohl den inneren Zusammenhang
der Sagen selbst, als auch den mit ihm gegebenen Fortschritt in
der geschichtlichen Entwickelung enthalten sollte; - denn in der
Geschichte ist das Aeußere auch an sich das Innere. Als unsere
ältere Literatur als Gegenstand der Wissenschaft aufzuerstehen
erst anfing, hatte man nur allgemeine Kategorieen, zur ungefähren
Eintheilung, wie man das Schwankende damaliger Bestimmungen noch
in dem sonst so vortrefflichen Grundriß v. I. E. Koch bemerken
kann. Die Stellung des Deutschen Sagenkreises ist jetzt die sicherste,
weil die übrigen Kreise eine große, noch lange nicht
erschöpfte Berücksichtigung der gesammten Wälschen
Literatur erfordern. Für die Nibelungen ist unstreitig die
Erforschung der Tristansage unter den Wälschen die anziehendste,
weil sie in der Beziehung Tristans zu beiden Isalden, in seinem
Drachenkampf, bei (Gottfried 8938 - 9015) in seiner Werbung der
Irischen Isalt für Marke u. s. f. viele mit Sigfrids Sage ähnliche
Punkte darbietet. Wir haben oben nachgewiesen, daß in Rother,
Chaudrun, Otnit und Hugdietrich der Besitz des Weibes ein ausschließendes
Interesse erregt, was diese Sage auffallend von anderen unterscheidet.
In der Tristansage ist jedoch das Interesse an beiden, am Mann und
am Weibe gleich groß. Beide bedingen einander und lassen in
ihrer gegenseitigen Beziehung nicht von einander, weshalb sie auch
zugleich aus dem Leben scheiden, wie die sommerliche Pflanzenwelt
mit der im Winter sich abwendenden Sonne verwelkend stirbt. Ganz
anders im Nibelungenliede, wo Chriemhild sich so lange erhält,
bis die Rache vollendet.
V. d. Hagen und Büsching gaben in ihrem schon erwähnten
Grundriß folgende Anordnung der Lieder: a, König Rother.
b, Otnit, Hug- und Wolfdietrich. c, Etzels Hofhaltung. d, Riese
Sigenot. e, Ecken Ausfahrt, f, Dietrichs und seiner Gesellen Kampfe.
g, Hörnen Sigfrid. h, Rosengartenlied. i, König Laurin.
k, Herzog von Aquitanien. I, Dietrichs Flucht zu den Hunnen. m,
Schlacht von Raben, n, Alpharts Tod. o, Nibelungenlied. p, Klage.
q, Hildenbrandslied. Sie war die erste, welche das Eingreifen der
Gedichte in einander und ihre Entwickelung zu einem Schluß
hin verfolgte, auch die Identität oder Differenz der Nordischen
Bearbeitung der Sage beständig angab.
Hierauf ward eine Eintheilung der Lieder nach den in der Völkerwanderung
auftretenden deutschen Stämmen versucht, welche man in dem
Obigen nachsehen kann.
Mone war es, welcher nach Kampf und Fahrt, Liebe, Mord und Untergang
als den Gegenständen der Dichtung eine aus dem Inhalt hervorgehende
Anordnung versuchte, welche (Geschichte des Heidenthums. Thl. II.
S. 283 - 287) in Kurzem folgende ist: a, Lieder, worin der Grundgedanke
Kampf, Fahrt oder Wanderung mit irgend einer Beziehung auf ein weibliches
Wesen ist: 1, Hildebrandslied. 2, Ecken Ausfahrt. 3, Sigenot. 4,
Etzels Hofhaltung. 5, Biterolf. 6, Wolfdietrich. 7, Dieterichs Drachenkampf.
8, Dieterichs Flucht. - b, Lieder, worin die kampf- und gefahrvolle
Errettung und Vermählung des weiblichen Wesens die Hauptsache
ist. 1, Chaudrun. 2, Hörnen Sigfrid. 3, Rother. 4, Otnit. 5,
Walter. 6, Wittich von Garten. - c, Lieder, worin der allgemeine,
blutige Untergang auf Veranlassung des ermordeten Geliebten der
Grundgedanke ist. 1, Alpharts Tod. 2, Ravennaschlacht. 3, Kleiner
Rosengarten. 4, Großer Rosengarten. 5, Nibelungen. 6, Klage.
- Auch hat Mone S. 288 und sonst auch in der Einleitung zum Otnit
darauf aufmerksam gemacht, daß sich in der Heldensage die
drei Zeiträume der Völkerwanderung, der Normannenzüge
und der Kreuzzüge sehr wohl von einander sondern lassen.
Wir glauben eben, das in einer jeden dieser Eintheilungen Wesentliche
in der unseren vereint zu haben. Das Weib, seine Erringung, sein
Besitz, scheint nun einmal die Occidentalische Poesie zum eigenthümlichen
Element zu haben, wie es denn auch wirklich in der Abendländischen
Welt erst zu sich selbst gekommen und den Genuß der göttlichen
Freiheit empfangen hat., So haben wir den hörnen Sigfrid mit
Rother u, s. f. deswegen nicht gleich gestellt, weil hier der Drachenkampf
und der Schatz die Hauptsache sind, die Jungfrau aber mehr als das
Accidentelle dieses Substantiellen erscheint, wie schon in den Sagen
von Andromeda's Befreiung durch Perseus, von Jasons Drachenkampf
um das goldene Vließ und Medea's Entführung, vom Morde
des Minotaurus durch Theseus und Erwerbung Ariadne's, selbst noch
in der nicht mehr physischen, sondern geistigen, durch die Macht
der Intelligenz bewirkten Besiegung der Sphinx durch Oedipus die
Vermählung mit Iokaste, das Weib immer nur als die andere Seite,
als der Lohn, als der zum Streit mit den finstern Gewalten anreizende
heitere und genußvolle, aber doch noch an die Nacht gebundene
Tag, nicht als das an und für sich bestimmende Princip erscheint.
Auch in der Aquitanischen Sage stehen die Listen bei Einschläferung
der Hunnen, die Entwendung des Schatzes und der Kampf mit Gunther's
Mannen voran.
So begreift sich auch, weshalb die Minnesinger für ihre Erhebung
der Frauen, für ihre individuellen Beziehungen auf sie, weniger
dem alten heimischen, als vielmehr dem ausheimischen Epos sich zuneigen
mochten, weil dieses zwar, nicht aber jenes ein Beispiel ihres eigenen
Empfindens und Denkens geben konnte. Ja diejenigen Dichter, welche
vorzugsweise in dieser Gegenwart lebten, betrachteten die Sage überhaupt
schon als ein dem Gebiet der Phantasie Gehöriges, was in sich
der Wahrheit ermangele So hat man in dieser Hinsicht aus dem Lancelot
Ulrichs von Zeizichoven angeführt: "dis gloube, wer welle;
ob uns das liet nüt luget; ob uns die meister niene lougen;
oder es hant die buch gelogen" u. s. w. Offenbare Aeußerungen
eines keimenden Unglaubens. Directe Aeußerungen über
unsere Sage finden sich öfter in dem ihr mit seiner ganzen
Tendenz widersprechenden Wolfram von Eschenbach. Die Hauptstelle
im Parcival lautet V. 1255 ff:
Ich täte e als Rumolt,
Der Kunek Günther riet,
Do er von Wormeze gein den hiuonen schiet.
Er bat in lange sniten baen
Und in some chezzel umbedraen.
Der lantgrave ellens riche
Sprach: ir redet den geliche,
Alz manger weiz an iu furwar
Iwer zeit und uwer iar,
Ir ratet mir dur ich wolt idoch
Und sprechet ihr tätet als riet ein choch
Den chünen Niblungen,
Die sich unbetwungen
Uz huoben, da man an in rach,
Daz Sivride davor geshach.
Und im Titurel (Ausg. 1477. Bl. 164. a.)
So slngent uns die blinden,
Das Syfried hörnein were,
Durch das er uberwinden
Auch kunde einen trachen freysebere
Und von des Blute ward sein vel verwandelt
In horne stark für wapen:
Die habent sich an Wahrheit missehandelt.
Merkwürdig ist es, daß das eigentlich romantische Epos,
zum Theil wohl wegen seiner Abhängigkeit von den in kurzen
Reimpaaren gedichteten Watschen Poemen, durchaus nicht die Deutsche
Strophe angenommen hat. Die Grundzüge der metrischen Bildung
unserer älteren Poesie habe ich im Titurel S. 83 - 85 angegeben,
in Bezug auf welche Auseinandersetzung ich nur folgendes bemerke.
Unsere alle vierreimige Strophe, die in der Mitte einen nicht ängstlich
genau bestimmten, sondern musikalisch frei gelassenen Einschnitt
hat, läßt in sich auch eine große Mannigfaltigkeit
der Versfüße zu. Im Allgemeinen ist jedoch bei dm ebenfalls
vorkommenden Trochäen und Anapästen der Gang ein jambischer.
Deutlicher wird dies in der Fortbildung der vierreimigen Strophe
in die achtreimige, indem die lange Zeile in zwei kurze auseinander
fiel, nachdem häufig der Abschnitt unwillkürlich einen
Reim herbeigeführt hatte. Die häufige Wiederholung solcher
Mittelreime ist, z. B. im Wolfdietrich, in Alphart, eben so ein
Zeichen späterer Abfassung, als das Nachlassen des Stabreimes
oder der Alliteration, welche vorzüglich noch im letzteren
Theile der Nibelungen so bedeutend und malerisch hervortrit; z.
B.: Da slug er etelichen so sweren swertes swang. Zunächst
liegt in jenem Abschnitt der Anlaß zur Bildung einer kürzeren
vierreimigen Strophe, d ren letzte Zeile gegen die vorderen sehr
lang auslauft. In den Nibelungen z. B.
V. 4307: in den selben ndten /
Lage ouch der kunig Sigemunt.
V. 6138: ia, wäne, wir verliesen /
noch hiute hie manigen helt gut.
Diese Strophe findet sich in dem epischen Gedicht von Salomon und
Markolph, z. B.:
Nu horent, wie er es ansie,
Da er zer koniginne gie,
Er gos ihr heiß golt durch ihr snewißen hant,
Von dem großen zauber sie sin alles nit bekant.
Auch das einsam stehende, schöne Gedicht vom König Arendel
(Erntelle) hat eine vierzeilige Strophe in kurzen Reimpaaren. In
der Vorrede des Straßburger Heldenbuchs wird zwar eines Königs
Erndelle von Trier gedacht, welcher der erste der je geborenen Helden
gewesen und auch über Meer gefahren sei. Sonst aber wissen
wir nichts von ihm, als was kürzlich der folgende Titel angiebt:
Ein hübsche Histori zu lesen von unseres herren rock, wie der
wunderbarlich einem künig (Orendel genant) worden ist. Der
in gen Trier pracht hat und daselbst in ein sarch verschlossen.
Der jetz bei keyser Maximilian zeit erfunden ist. gedruckt zu Augöspurg
von Hannsen Froschauer. An. 1512. 22 Bl. kl. 4. -
Hieran schließt sich dann die sechszeilige Ravennaschlacht,
in deren Metrum das dritte Couplet auch länger ausläuft,
als die beiden ersten und die Reime so folgen: ab, ab, cc.
Die achtreimige Stanze, welche in das Volkslied in Form von jedesmal
einem vierreimigen Gesätz überging und darin gleichsam
zur strengen und kurzen Strophe des Otfrid zurückkehrte, auch
sonst eine Verwandschaft mit der Nordischen Königsweise zeigt,
welche in acht Zeilen je drei und drei Haup-accente hat, ist einmal
auch in den Nibelungen nach der St. Galler Handschrift völlig
fertig da, V. 4004:
Er rampf sich bitterliche,
Als im diu not gebot,
Und sprach do jämerliche:
"Der wortliche tot
Mag' iuch wol gerivven
her nach disen tagen:
Geloubt an rechten trivvgen,
Daz ir iuch selben habt erslagen."
In dieser Strophe ist das gedruckte Heldenbuch gebildet, z. B:
"Er sah ein rotes mändlein,
Zwei swarze euglein klar,
Ir antlitz und ir wenglein
Die waren rosenfar.
Er kund da an dem weive
Kein' Wandlung nie gespehn,
Von irem stolzen leibe
Thet im gar weh geschehn."
Otnit, Hug- und Wolfdietrich umfassen in dieser Form 2885 Strophen.
- Die letzte in dieser Sphäre entstandene Bildung ist nach
Verdoppelung der 4 in 8, die Verdoppelung der 6 in 12 mit eigener
Reimfolge, endlich Herzog's Ernst Ton oder die, zwölfreimige,
Berners Weise, welche so lautet, z. B. aus dem Anfang des Recken
Sigenot:
Ir hörschafft wellent ir betragen,
Ich wil uch ofentüre sagen
Von starken stürmen herte,
Die von Berne her Ditirich streit,
Domit er mangen Sturm erleit.
Wanne daz in got ernerte,
Ez moht anderz niht ergan,
Er reit allein von Berne
Duch durch manchen finstern tan
Daz mugent ir hören gerne,
Liep und leid ym do bewach:
Mit einem starken risen kam er in ungemach.
Auch hier läuft die letzte Zeile länger aus, wie ja auch
im Metrum des älteren vierreimigen Titurel der Fall ist.
Schließlich mag nun eine kurze Uebersicht der Literatur des
Heldenbuches folgen, nicht von dem Vielen, was, oft sehr oberflächlich,
darüber geschrieben worden, sondern von den schon mehrmals
bei den einzelnen Gedichten erwähnten Sammlungen. Viele Stücke
des Kreises sind auch häufig in einzelnen Drucken ausgegangen,
z. B. Sigenot zu Heidelberg 1490 fol., Straßburg 1510 fol.
1577 fol. Nürnberg 1661 8; Ecken Ausfahrt Augsburg 1494, 8,
Nürnberg 1512, 8. Straßburg 1677, 3. Das gedruckte Heldenbuch,
was vorzugsweise diesen Namen führt, umfaßt die S. 45
in der Anmerkung genannten Stücke, deren Fixirung durch den
Druck gar nicht als zufällig gelten kann, weil sie einer so
häufigen Wiederholung sich erfreut hat. Frankfurt am Main und
in dieser ehrwürdigen, alten und freien Stadt der verdiente
Siegmund Feierabend, bei dem auch das Buch der Liebe gedruckt worden,
hat gleichsam ein Monopol dieses Buchs sich erworben. Es erschien
hier 1545, 60, 79 und 90 in Fol. mit Kupfern. Außerdem ist
es auch zu Hagenau 1509 in fol. und zu Lübeck und Leipzig 1718
in8. gedruckt worden.
Die mehrerwähnte Bearbeitung durch Kaspar von der Rön,
welche der Herzog Balthasar von Mekelnburg veranstalten ließ,
befindet sich handschriftlich zu Dresden, und wird darnach auch
wohl als das Dresdner Heldenbuch citirt. Seine Beschaffenheit ist
schon oben S. 22 angezeigt worden. Es begreift in sich alle erwähnten
Lieder mit Ausnahme von Biterolf und Dietlieb, von Dietrichs Flucht,
Walther, Chaudrun, den Nibelungen und der Klage. Etzels Hofhaltung
hat es ganz allein. Dagegen nimmt es auch den Herzog Ernst mit in
sich auf und erzählt auch noch eine scheußliche Sage,
das Meerwunder, von einer durch ein Weerungeheuer (kunder) geschwängerten
Königin, welche nachher mit ihrem Gemahl und ersten Sohn den
aus jener Umarmung gebornen viehischen Sohn, dessen thierisch Wesen
das ganze Land verheert, in einem harten Kampf selbst tödtet.
V. d. Hagen gab 1811 zu Berlin in gr. 8. einen erststen öfter
citirten Theil von einer Bearbeitung des Heldenbuchs heraus, worin
der hörnen Seifried, 179 Strophen im vierreimigen Hildebrandston;
Etzels Hofhaltung, 215 achtzeilige Strophen; Riese Sigenot, Ecken
Ausfahrt, 377 Strophen; der Rosengarten in der alten Gestalt nebst
Alpharts Tod erneuet und mit literarischen Excursen versehen sind.
Endlich gab er mit Al. Primisser 1820 u. 22 in Berlin, 4. das Heldenbuch
in der Ursprache heraus, worin, außer dem Kasparschen Heldenbuch,
nach der einzigen Wiener Handschrift Chaudrun und Biterolf, nach
der Straßburger und Heidelberger Handschrift der große
Rosengarten, nach dem ältesten Druck der hörnen Seyftid
und zuletzt Dietrichs Flucht von dem Vogelere und die Ravennaschlacht
abgedruckt sind.
Die Beschreibung des langen vielverschlungenen Weges, welchen die
deutsche Literatur von jener reinen epischen Höhe bis auf solche
particuläre Auffassungen und Productionen, wie Wielands Oberon
und Klopstocks Messias, wie Voß Luise und Schulze's Cäcilie
durchging, gehören einer allgemeinen Geschichte derselben an.
Die Reimchroniken, Reimbibeln, Legenden, Schwänke, Volksbücher
u. s. w. die Reflexion des Protestantismus, die moderne Sentimentalität,
welche sich das Ritterliche oft nur als Caricatur vorstellt, die
moderne Naivetät und vieles Andere muß darin betrachtet
werden. Die Nibelungen aber haben noch die Kraft eines von kränkelnder
und unruhig suchender Bildung ungetrübten, wenn auch eben wegen
dieser noch ungebrochenen Unbefangenheit im thatreichen Verfolg
seiner sittlichen Vorstellungen bis zur Härte gehenden und
in Bewährung seiner bestimmten Sittlichkeit, von Seiten dir
Familie oder der sittlichen Genossenschaft, einseitigen Zeitalters.
Schleift doch auch Achilleus den Hektor und opfert er Menschen für
die Rache des Freundes auf dem Scheiterhaufen.
Quelle: Das
Heldenbuch und die Nibelungen, Karl Rosenkranz, Halle 1829,
S. 77ff
© digitale Version www.SAGEN.at
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