|
Jung-Siegfried
Zu Xanten am Niederrhein regierte zu dieser Zeit König Siegmund.
Seine Gemahlin hieß Sieglind.
Dem edlen Paar erwuchs ein Kind mit Namen Siegfried.
Schon als Knabe zeigte er sich stark und tapfer; dabei war er so
schön von Angesicht und so schlank von Wuchs, daß jeder
in ihm den zukünftigen Helden erkannte. Freilich bereitete
er den Eltern auch viel Kummer und Verdruß, denn ungebärdig
wie ein Füllen tobte er durch das Schloß. Auch zum Jüngling
herangereift, blieb er über alle Maßen wild und stürmisch.
Da rieten die Höflinge dem Herrscher, seinen Sohn in die weite
Welt zu schicken, in Not und Gefahr würde er wohl Besonnenheit
annehmen. Lang schon hatte Jung-Siegfried große Sehnsucht
nach den Wundern und Abenteuern ferner Länder im Herzen getragen,
und so nahm er die Nachricht, daß er der väterlichen
Gewalt entlassen werden sollte, mit Freuden auf.
Mit nichts bepackt als mit überschäumender Kraft und
kampfesfrohem Sinn zog er zum Tor der Burg Xanten hinaus und wandte
sich zuerst zu einem tiefen Forst, in dessen Lichtungen und Senken
sich der Stamm der Niedersachsen angesiedelt hatte und der darum
Sachsenwald genannt wurde. In seiner Mitte jedoch, fernab den Behausungen
der Menschen, lag ein Berg und darin eine Höhle, in der Zwerge
einen unermeßlichen Hort von Kleinodien, Waffen und Geschmeiden
hüteten, den Schatz der Nibelungen.
Auf der ganzen Erde findet sich kein größerer Reichtum
an einer einzigen Stelle aufgehäuft.
Siegfried wußte von all dem nichts; er zog fröhlich
durch den taufrischen Tann, und sein Ohr erquickte sich an der wundersamen
Melodie, zu der sich Vogelgezwitscher und Gesumm der Mücken
vereinten. Einige Tage wanderte er so, nährte sich von Beeren
und Kräutern und stillte seinen Durst aus dem sprudelnden Quell,
als plötzlich das hurtige "Kling-Klang" von Eisenhämmern
die Waldesstille zerriß.
"Eine Schmiede", rief Siegfried jubelnd aus, "die
kommt mir eben recht. Da will ich Einkehr halten und ein Schwert
zu gewinnen trachten, denn ich kann ja nicht ewig mit dem Stecken
in der Hand durch die Welt laufen." Fröhlich trat er in
die kleine Hütte, die, an schwarzzerklüftete Felsen gelehnt,
von den Ästen einer mächtigen Eiche überschattet,
ein gar düsteres Bild bot. Am Amboß gebückt stand
der Meister und hielt mit der Zange einen rotglühenden Eisenbolzen,
den zwei Gesellen, immer eins - zwei im Takt bearbeiteten. Der Schmied
hatte eine zwergenhafte Gestalt, das Antlitz glich einem Schrat,
doch breit und mächtig waren Brust und Arme. Eine Zeitlang
ließ er den Wanderburschen an der Schwelle warten, dann gebot
er seinen Gesellen Einhalt, warf den Stahl in ein Gefäß
mit Wasser, daß der Dampf hoch aufzischte, und wandte sich
dem Jüngling zu. "Nun, was bringt Ihr dem alten Mime,
guter Herr?" fragte er freundlich.
Siegfried versetzte ganz überrascht: "Wenn Ihr Mime seid,
da bin ich ja an den besten Meister geraten. Meine Lehrer haben
Eure Schwerter gar sehr gepriesen, und so eins möcht' ich bei
Euch schmieden lernen."
"Einen willigen Jungen kann ich wohl brauchen", nickte
beifällig der Waldmensch, "aber erst mußt du mir
zeigen, ob du stark genug bist für einen Schmiedelehrling."
"Nichts lieber als das", jauchzte der Königssohn,
ergriff einen Hammer und schmetterte ihn mit solch übermenschlicher
Kraft auf den Amboß, daß dieser sich tief in den felsigen
Grund bohrte, der Schlegel jedoch zu kleinen Stäubchen zersplitterte.
Obwohl der Meister über solche Stärke, die er noch nie
gesehen hatte, erschrak, durfte Siegfried bleiben. Er zeigte sich
willfährig und lernbegierig. Wehe nur, wenn es die Gesellen
gelüstete, den Jüngsten zu sticheln, wie das in einer
Werkstatt so Brauch ist. Da schlug er mit wilden Fäusten drauflos
und zerbeulte die Übeltäter so, daß sie tagelang
kranklagen. Mit der Zeit wurde der Jüngling dem Meister immer
unheimlicher, und der gedachte, sich seiner zu entledigen. Er stellte
das so an, daß er Siegfried um Holzkohlen ausschickte. In
der Nähe des Meilers hauste nämlich ein scheußlicher
Drache. Dort würde, so klügelte es sich Mime in zwergenhafter
Bosheit aus, der übermütige Bursche bald mit dem giftigen
Wurm in einen Kampf geraten und den kürzeren ziehen. Siegfried
nahm den Auftrag gerne an, denn längst schon war es ihm in
der dumpfen Hütte zu eng geworden. Er härtete sich eigenhändig
eine scharfe Waffe und rannte dann geradenwegs in den tiefen Wald.
Eine dünne Rauchsäule, die zwischen dem Dickicht aufstieg,
zeigte ihm an, daß der Meiler nicht mehr fern sei.
Doch zugleich entdeckte er nur wenige Schritte abseits des Pfades
ein trübes Gewässer, und er eilte hinzu, es näher
zu besehen. Ein scheußlicher Anblick bot sich ihm. Da wimmelte
es von Seedrachen, die mit spitzer Zunge nach ihm schnappten, von
Nattern, ellendicken Kröten, die eklen Speichel auf den Vorübergehenden
schleuderten. Ohne sich lange zu besinnen, begann der junge Recke
auf das Gezücht einzuschlagen und hieb einem Untier nach dem
andern den Kopf ab. Doch für jeden getöteten Wurm tauchte
ein neuer aus der Schlammflut, und so legte er denn die Klinge fort,
riß mit seinen mächtigen Armen große Bäume
aus und warf sie über den Höllenkessel. Mit einem brennenden
Holzscheit, das er sich vom nahen Köhler holte, setzte er den
Stapel in Brand, und bald glich der Pfuhl einer lodernden Feueresse,
in der Drachenblut, Natterngeifer und Wasser in eins gemengt zu
dampfen und zu brodeln anhüben. Die glühende Hitze lockte
die ganze Brut an die Oberfläche des Sumpfes, wo sie, von dem
Feuer gefaßt, elendiglich umkam.
Während Siegfried vom Ufer das schaurige Schauspiel verfolgte,
geschah es, daß der siedende Gischt ihn beim Aufwallen auf
die Hand spritzte. Mit Erstaunen beobachtete er, wie die erkaltende
Flüssigkeit zu einem dicken, hornartigen Stoff gerann. Er setzte
die Spitze seines Schwertes daran und siehe, sie vermochte ihn nicht
zu zerspalten. Da durchzuckte ihn wie ein leuchtender Blitz der
Gedanke, dieser Sud aus Sumpfwasser und gestocktem Drachenblut müßte,
auf den Leib gebracht, ein Panzerhemd schaffen, so felsenhart, daß
es dem schneidendsten Stahl Widerstand leisten würde.
Allsogleich schöpfte er mit der hohlen Hand aus der sich wieder
abkühlenden Flut und ließ den zähen Brei über
seinen Körper rieseln, bis ihm das zu langsam vonstatten ging
und er kurz entschlossen in den Schlamm sprang. In diesem Augenblick
fiel von dem überhängenden Zweig eines Lindenbaumes ein
Blatt auf ihn nieder und haftete während des Bades an seiner
Schulter. Diese Stelle konnte von dem Zaubersaft nicht benetzt werden,
und an ihr blieb Siegfried verwundbar.
Der junge Held kehrte nicht mehr zu Mime zurück, denn er bemerkte
wohl, daß ihn der Waldschrat mit arger List zu täuschen
versucht hatte. Er bat den Köhler, ihm den Weg zu dem Drachen
zu weisen. Darob erschrak der gute Mann und erzählte Siegfried,
daß nicht weit von hier in einem zerklüfteten Berg der
Zwergenkönig Nibelung einen
unermeßlichen Hort zusammengetragen hätte. Nach seinem
Tod sei dieser ganze Reichtum an seine Söhne gefallen, die
darob in großen Zwist gerieten. Der müsse wohl nicht
geschlichtet sein, denn oft höre man an dem Grollen und Poltern
im Gebirge, wenn die Nibelungenbrut aufeinander losführe. Oben
auf dem Gipfel hause der furchtbare Lindwurm.
Als Siegfried das hörte, litt es ihn keine Stunde länger,
denn sein erstes Abenteuer hatte in ihm unbändige Lust nach
neuen Taten entfacht. Nicht nach gleißendem Gold ging sein
Sinn, sondern nach dem Kampf mit dem Untier.
Bei Morgengrauen kam er an den Berg und hörte aus einer Höhle
ein entsetzliches Stöhnen. Er wähnte, die Nibelungen seien
wieder in Streit, und rief in das gähnende Loch: "Hollaho
... werdet ihr wohl Frieden halten!"
Aber es war nicht das Gezänk der Zwerge gewesen, was er gehört
hatte, sondern das Schnarchen des Drachen. Auf Siegfrieds Anruf
antwortete schauerliches Gebrüll, und schon ringelte sich der
greuliche Wurm, Feueratem vor sich her stoßend, aus der Höhle.
Geschickt wich der Held der beißenden Glut aus, und das Untier
von der Seite anspringend, stieß er zum erstenmal seinen Stahl
durch den Schuppenpanzer. Hochauf schoß der Urweltriese, um
sich mit grimmiger Wut auf seinen Gegner zu stürzen, aber dieser
wußte sich zu wahren, schlüpfte dem Lindwurm unter den
Bauch und machte ihm mit gewaltigen Stößen den Garaus.
Nun kamen, von dem Lärm angelockt, die Nibelungen aus dem
Felsen gekrochen und konnten sich vor Glück nicht fassen, als
sie den scheußlichen Drachen verendet vor sich liegen sahen.
Sie dachten, der Held, der solches vollbracht hatte, wäre wohl
auch der Rechte, den Streit der Königsbrüder zu schlichten.
Sie baten Siegfried, den Hort unter sie zu teilen. Als Lohn versprachen
sie ihm den Balmung, das beste
Schwert auf dem weiten Erdenrund.
Der Recke erklärte sich mit diesem Vorschlag einverstanden,
und auf den Wink ihres Herrschers schleppten die Bergmännlein
einen unermeßlichen Schatz an kostbaren Kleinodien und erlesenen
Waffen herbei und schichteten ihn hoch zuhauf. Es war keine leichte
Mühe, ihn gerecht zu scheiden. Schließlich war die Arbeit
vollbracht. Doch der eine der beiden Nibelungenfürsten wähnte
sich für übervorteilt und schalt Siegfried einen schlechten
Richter. Darüber geriet dieser in große Wut und schlug
mit der flachen Klinge auf ihn ein. Andere Zwerge und am Ende auch
der feindliche Bruder sprangen dem Gezüchtigten bei, und so
blieb dem Helden nur die Wahl, jetzt Ernst zu machen. Bald lagen
die Könige und ihre winzigen Krieger erschlagen auf dem Plan.
Schon glaubte Siegfried, der Kampf wäre aus, da erhielt er
von einem unsichtbaren Gegner Schlag auf Schlag. Voll Ingrimm ließ
er den Balmung spielen, traf jedoch immer nur die leere Luft. Scharf
paßte er nun auf, aus welcher Richtung die Hiebe fielen, die
einmal von vorn, einmal von rückwärts auf seine unverletztbare
Haut prasselten, und just als ein Streich auf seinem Arm saß,
packte er mit der Linken zu und hielt eine Tarnkappe und den Schöpf
eines kläglich winselnden Zwerges in der Hand. Alberich
war's, der Kanzler und Schatzmeister des Nibelungenreiches.
Der Zwerg wollte den ganzen Schatz und das unterirdische Land verschenken,
wenn er am Leben bleiben dürfe. Siegfried, dessen Zorn schnell
verraucht war, gab sich damit zufrieden und machte Alberich zu seinem
Statthalter über das Volk der Bergmännlein, die noch immer
zu Hunderten in dem Felsgeklüft wimmelten. Den Hort ließ
er in die Höhle zurückbringen, nur die Tarnkappe, die
ihren Träger unsichtbar macht, behielt er und einen Ring, den
er sich an den Finger steckte. Das sah Alberich, und ängstlich
warnte er: "Herr, nehmt nicht diesen Reif. Ein Fluch haftet
an ihm. Wer ihn trägt, der rennt in sein Verderben."
Siegfried lachte über solche Ammenmärchen und zog nach
herzlichem Lebewohl wieder weiter. Bald flog ihm der Ruhm voraus
wie eilende Herolde. Überall, wo er hinkam, öffneten sich
ihm die Burgen der Könige und Fürsten, die Sänger
priesen seinen Mut und seine Kraft, errötend blickten edle
Jungfrauen zu ihm auf.
Quelle: Die Nibelungen und die schönsten
Heldensagen des Mittelalters, Gerhard Aick, 1985, S. 63 ff
|