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§. 10. Inneres Leben der Sage.
Wie wir schon in der Scandinavischen Götterwelt einen durchgreifenden,
alle Verhältnisse spannenden Dualismus erblickten, so erscheint
auch in der Heroischen der Kampf eines Gegensatzes, dessen Bewegung
das eigene Leben der Sage ist. Dieser Gegensatz ist der des Bewußten
und Nichtgewußten, welcher erst in der Deutschen Sage und
vorzüglich in den Nibelungen völlig gelöst wird.
Dieses Nichtgewußte zeigt sich in den mythischen Elementen,
welche, noch durchaus mit der Natürlichkeit behaftet, in die
dunkle Region des Zauberischen hinabreichen. Dergleichen sind vorerst
treffliche, ungewöhnlich starke, auch wohl nicht blos weise,
sondern sogar sprechende Pferde, wie die Helden aller epischen Dichtungen
sie haben Sigurd z. B. das Roß Grani hat. Sodann sind es köstliche
und unverwüstliche, deshalb auch berühmte und oft langher
durch viele Geschlechter hinvererbte Schwerter, wie Gramur, Balmung,
Miming, Nagelring, Rose u s. f. mit denen die Helden ihre Thaten
vollbringen. Aus der magischen Zwergenwelt treten stärkende
Ringe, Gürtel und unsichtbar machende Helme, Tarnkappen, Helkäpplein
geheißen, hervor. Mit den Zwergen hängt zunächst
das Gold zusammen, weil sie die Pfleger des tellurischen Lebens
sind, wie Andvari, Alberich und Laurin. Das Gold, auch Rheinerz,
Niflungenhort, oder blos Hort genannt, ist an sich nichts Wesentliches,
daher sein vielbeneideter Besitz eben durch die Weise seiner Sicherung
auch wieder verloren geht. Für die Zwerge tritt hier auch der
Drache, Schlange, Wurm (Altn. Orm) ein. Der schon im Orient und
im Jasonschen Mythus bedeutende Drache ist die rohe Gewalt der Natur,
weshalb er in Haiden, Wäldern und einsamen Gebirgen haust,
wie der Orientalische Greif (Simurgh) Gold bewacht, schöne
Jungfrauen raubt und mit Riesen und Zwergen als ihm dienenden Mächten
vergesellschaftet ist. Immer erliegt er der bewußten und sittlich
oder religiös bestimmten Tapferkeit der Helden. Vielleicht
ist er eine Ruine, welche noch aus der alten durch das Christemhum
[Chrisentum] zertrümmerten Naturreligion herübenagt, so
daß er Symbol des Winters und Sigurd Bild der ihn besiegenden
Sonne wäre. - Diesen undurchschaueten finstern Mächten
gegenüber steht das sittliche Bewußtsein als Princip
des eigentlich Interesse erregenden inneren Lebens der Sage, an
welches jene Elemente nur heranspielen und ohne welches sie todt
und albern sein würden. Dies Bewußtsein, wiewohl ein
sittliches, ist dennoch kein politisches und deswegen als das unmittelbar
sittliche im Familiengeist wurzelnd. Derselbe wird von der Liebe
zusammengehalten, welche sich gegen den sie Verletzenden als innigster
Haß herauskehrt. Wenn also gar ein Glied der Familie erschlagen
worden, so offenbart sich die Liebe derselben zum Gemordeten als
Rache seines vergossenen Blutes, welche nur aus dem fließenden
Blut des Feindes Versöhnung trinkt, aber eben weil sie in einem
anderen Kreise dasselbe Wesen, was sie erzeugt, wiederum verletzt,
unauslöschlich in steter Vernichtung durch die Geschlechter
hindurchwuchert. Das Motiv zur Entzweiung, die den Mord erst nach
sich zieht, ist entweder das Weib, dessen Entführung oder subjective
Leidenschaft den Zwist hervorruft, oder es ist das Eigenthum [Eigentum]
überhaupt, was Neid, Habbegier und als Folge den Mord und dessen
versuchte Sühnung erregt. Der große Kunstwerth [Kunstwert]
der Nibelungen besteht vorzüglich in der Tiefe, mit welcher
in ihnen der bestimmte Geist aller sittlichen Verhältnisse
erfaßt ist.
Die berühmtesten Schwerter fertigt
in den alten Sagen der Schmidt [Schmied?] Weland, auch Wieland,
Wittichs Vater. - In den Dichtungen kommen sehr häufig Zahlen
vor, welche in analogen Verhältnissen wiederkehren, wie die
Zahl zwölf in der Gesellenschaft. Aber man muß sich hüten,
dahinter etwas "Bedeutungsvolles und Sinniges" sehen oder
gar ahnen zu wollen. V. d. Hagen hat sich mitunter durch Kanne zu
solchen leeren Kombinationen verleiten lassen. S. Ueber die Bedeutung
der Nibelungen S. 113 - 137. In der Erforschung von Sagen und Mythen
sind nicht nur die verschiedenen Mythologien im Allgemeinen, sondern
auch deren Entwickelungsepochen als gegeneinander verschiedene aus
einander zu halten, wenn nicht bei Einem Fluß alle Flüsse,
bei Einem Fährmann alle Fährmänner, bei Einem Apfel
alle Aepfel in oberflächlicher Einheit lexiconartig citirt
werden sollen. - Die Selbstständigkeit der Nordischen Religion
als unabhängig von llerikalischer Notiz der Griechisch - Römischen
Mythologie und von christlichen Vorstellungen ist gegen Adelung,
Rühs u. a. jetzt hinlänglich sicher gestellt. Individuen
können wohl inhaltlose Repositorien der Tradition sein, ein
Volksgeist aber ist schöpferisch.
Quelle: Das
Heldenbuch und die Nibelungen, Karl Rosenkranz, Halle 1829,
S. 12ff
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