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Anmerkungen.
Schon oben §. 16. und §. 17. wurden einige Berührungspuncte
der Sage mit der Geschichte angegeben. Göttling hat in der
Fränkischen Geschichte den Zusammenhang derselben mit der Sage
genauer darzulegen versucht, von welcher Untersuchung die wichtigsten
Resultate uns folgende scheinen: Der Fränkische König
Chlotar I. hinterließ nach seinem Tode, 561, vier erwachsene
Söhne: Charibert, Guntram, Chilperich und Sigbert. Guntram
empfing als Erbtheil Orleans und Burgund, weshalb er immer König
von Burgund heißt, Chilperich Soissons, und Sigbert, bei weitem
der tüchtigste unter seinen Brüdern, Austrasien. Früh
bewährte dieser seinen Heldengeist in einem Kriege gegen die
Sachsen und Dänen (Venatius Fortunatus VII. 7- 16.), die er
in einem blutigen Treffen an der Weser überwand, und später
durch Besiegung der Hunnen, welche , abermals über den Rhein
zu strömen drohten, Chilperich theilte nach dem Tode seiner
Gattin, mit welcher er drei Söhne Theutbert, Merowig und Chlodwig
gezeugt hatte, seine Liebe unter mehrere Weiber; aber vor allen
fesselte ihn die schöne Fredegunde, welche zuvor seine Magd
gewesen war. Sigbert dagegen war mit Brunhild, Tochter des Westgothischen
Königs Athanagild (st. 567), vermählt, von welcher Gregorius
sagt: sie war eine herrliche Jungfrau; schön von Antlitz; züchtig,
keusch und hold von Sitten, von klugem Geist und wußte wohl
zu reden. - Durch ihr vornehmwürdiges Betragen ward auch Chilperich
bewogen Brunhilde's ältere Schwester, Galaswintha, als Gattin
heimzuführen. Aber das keusche Weib sah mit Unwillen ihres
Gemahls Liebeleien, und ihre Vorwürfe so wie der beeinträchtigten
Fredegunde Anreiz brachten Chilperich endlich dahin, die Königin
ermorden zu lassen, welche Frevelthat das ganze Königsgeschlecht
in's Verderben stürzte Ein unversöhnlicher Haß erwuchs
zwischen der durch den Mord ihrer Schwester tief gekränkten
Brunhild und der ehrsüchtigen Fredegunde, jetzt Chilperichs
Gemahlin. Seiner Gattin Haß theilte der gerechte Sigbert.
(Es kam zum Kriege zwischen ihm und seinem Bruder. 573 ward er zwar
besiegt, sammelte aber neue Truppen, drängte seinen Bruder
zurück, ließ durch seinen Feldherrn Boso dessen Sohn
Theodebert tödten, und schloß Chilperich mit seiner Gattin
in Tornacum ein.) Während einer zu Unterhandlungen bestimmten
Waffenruhe ließ nun Fredegunde Sigbert von Meuchlern mit vergifteten
Messern niederstoßen und starb er auf diese schändliche
Art im vierzigsten Jahre seines Lebens, - Alle gleichzeitigen Geschichtschreiber
gedenken seiner nicht ohne rührende Worte um seiner adligen
und heldenmüthigen Gesinnung willen. Indeß ward Brunhild
mit ihrem fünfjährigen Sohn genau bewacht. Diesen rettete
Treue und die Ostfranken riefen ihn zu ihrem Könige aus. Nachmals
fand auch Brunhild Gelegenheit zur Rache, als der junge Merowig,
von ihrem Unglück und ihrer jugendlichen Schönheit gerührt,
ihr seine Hand antrug, und nun wahrscheinlich auf ihr Anstiften
Chilperich unweit Chelles, als er von der Jagd kam, von einem Gedungenen
zwischen Rücken und Schulter gestoßen ward, daß
er starb. (Gregor Turon, VI. 46,) Nach König Guntram's Tode
führte Brunhild die Vormundschaft über ihre Enkel in Burgund
und hielt sich deshalb zu Worms auf. (Aimon, de gest. Franc. I.
4.) Ihre Rache schien gesättigt und Fredegunde darniedergedrückt;
aber Chlothar II, der die ganze Fränkische Monarchie wieder
vereinte, hat die unglückliche Königin mit einem fürchterlichen
Tode bestraft. - Die verwandten Umstände dieser Geschichten
mit dem Inhalt der Nibelungen liegen so sehr auf der Hand, daß
hier eine besondere Herverhebung derselben eben so unnöthig
scheint, als ein Bemerklichmachen der großen Verschiedenheiten,
welche ebenfalls sich zeigen. Merkwürdig ist noch, was Göttling
(über das Geschichtliche im Nibelungenliede aus Fredegar 93.)
anführt, daß der Ritter, welcher auf Brunhilds Anstiften
den Chilperich ermordete, Falko hieß, weil in den S. 17 angeführten
Dänischen Liedern Sigurd von den Brüdern Högne und
Falquard (Volker) getödtet wird. Selbst über Hagene bringt
Göttling interressante Erwähnungen bei, indem des Königs
Guntram Feldherr und Patricius Mummulns eigentlich Egnius (nach
Paul Warnefried, III. 4 und 34) oder Heunios geheißen, - Wenn
man sich weiter über diese Entzweiungen des Fränkischen
Hauses belehren will, so sehe man Pasquier' s Recherches de la France,
I, VIII, und Velly, Histoire de Ia France I. nach, welche sich für
Brunhild nach Hallams Urtheil eben so enthusiastisch interessiren,
als in neueren Zeiten wohl Maria von Schottland ihre Vertheidiger
gefunden hat. Ungünstig dagegen für Brunhild, aber sehr
unterrichtend, ist Gaillard' s hiehergehörige Abhandlung im
dreißigsten Bande der Memoires de l' Academie des Inscriptions.
Daß die Catalaunische Schlacht, wo Deutsche gegen Deutsche
von Römischer und Hunnischer Seite stritten, nicht überall
unter den Deutschen Stämmen eine dumpfe Erinnerung wenigstens
als das Vorbild aller Nöthe und Stürme gewirkt habe, ist
kaum zu bezweifeln, wenn man die dem Cassiodorus nachgeschriebene
Schillerung des ganzen Kampfes und die Ausdrücke des Jornandes
bedenkt: bellum atrox, multiplex, immane, pertinax, cui simili nulla
usquam narrat antiquitas, ubi gesta talia referuntur, etc.
Man darf nie vergessen, daß die Franken und Gothen eigene
Kreise, wie in der Geschichte, so in der Sage bilden. Jornandes
nennt unter den Helden, deren Andenken die Lieder der Gothen feiern,
Friediger (Thidrikur), Widigan, Ethesbamar (Fafnisbanu), Hanale
(Hunold, Dietrichs Waffenbruder), de reb. Get c. IV.
Quemadmodum et in priscis eorum carminibus pene historico ritu in
commune recolitur. C. V. majorum facta modultionibus citharisque
canebant, quorum in hac gente magna opinio est, quales heroas fuise
miranda jactat antiquitas. - Ueber Ermenrich erzählt er, o.
XXIV,, er habe ein treuloses Weib, Sanielh, von wilden Pferden zerreißen
lassen, deren Bruder, ihren Tod rächend, den König in
die Seite verwundet habe. Leidend daran, sei er lebenssatt, hundert
und zehn Jahr alt, gestorben. - Anders lautet die Nachricht über
Ermenrich, welchen die Sage offenbar mit Odoacer vermengt, bei dem
bei dem Ammianus Marcellinus, L. XXXI. c. III: Igitur Hunni, pervasis
Alanorum regionibus, quos Greuthungis confines Tanaitas consuetudo
nominavit, interfectisque multis et spoliatis, reliquos sibi concordandi
fide pacta junxerunt: eisque adjunctis, confidentius Ermenrichi
late patentes et uberes pagos repentino impetu perruperunt, bellicosissimi
regis et per multa variaque fortiter facta vicinis nationibus formidati.
Qui vi subitae procellae perculsus, quamvis manere tundatus et stabilis
diu conatus est, impendentium tamen diritatem augente vulgatius
fama, magnorum discriminum metum voluntaria morte sedavit. Cujus
post obitum rex Vithimiris creatus restitit aliquantisper Alanis
etc. - Die Geschichte Ermenrichs rückte also von Morgen nach
Abend und so kommt es denn, daß das Heldenbuch im Anhang als
den Wohnort seiner Neffen, der Harlungen, welche er des Goldes wegen
auf verrätherischen Rath umbringen ließ, den Breisgau
bestimmt, wie auch der Annalist Saxo, weicher um 1139 schrieb, ad
ann. 942, sagt: est in confinio Alsatiae inde adjacens pagus, Brisagowa
appellatus; fertur olim illorum fuisse, qui dicebantur Harlungen.
Die Meinung v. A. W. v. Schlegel, daß in Dietrich von Bern
der Ostgothische Theodorich und der Gepidenkönig Ardarich von
der Sage zusammengezogen wären, hat Manches für sich.
Jornandes sagt von ihm: Rex ille fortissimus et famosissimus Ardaricus,
welches letztere Prädicat wohl auf Besingung des Königs
in Liedern zu beziehen. Ardarich war Attila's vertrauter Rathgeber,
dem er auch die Aufsicht seines Kriegswesens übertragen hatte.
Nach Attilas Tode entschied er die Schicksale des Hunnischen Reiches
und die Unabhängigkeit der Deutschen Völker, was die Ungarischen
Sagen dem untödtbaren Dietrich, dem Detréh halhatatla
zuschreiben.
Was die Reihenfolge der Burgundischen Könige in jener sagenhaften
Zeit angeht, so ist eine Hauptstelle darüber im Burgundischen
Gesetzbuch Leg. 3 de Libertate servorum: si quos apud Regiae memoriae
auctores nostros, id est, Gibicum, Godomarum, Gisihalarium, Gundaharium,
patrem quoque nostrum et patruos, liberos esse constiterit etc.
Siehe Hr. Luden in seiner Uebersetzung von Sismondi's Geschichte
der Franzosen, Jena, I822, Bd. I, S. 207 ff., wo er außerdem
auf eine Stelle beim Turonensischen Gregorius, II. L. 28., aufmerksam
macht: fuit autem et Gundeuchus rex Burguiidionum ... huic fuerunt
quatuor filii, Gundobaldus etc. - Uebrigens haben wir auch ziemlich
glaubwürdige Nachrichten, welche von einer Niederlage der Burgunden
durch die Hunnen reden. Nach Josatius (Chron. ad an. 436) schlug
Aetius die Burgunder und tamen auch 437, als er Narbonne von der
Belagerung der Gothen befreiete, 20000 Burgunder um, worüber
sich beim prosper Aquitan folgendes findet:
Eodem tempore Gundicarium Burgundionum regem inter Gallias habitantem
Aetius bello obtrivit pacemque ei supplicanti dedit, qua non diu
potitus est, siquidem illum Chuni cum populo suo ac stirpe deleverunt.
Ihm schriebt Sassiodorus, ad an. 435, nach: Cundichavium, Burgundionum
regem, Aëtius bello subegit, pacemque ei supplicanti reddidit,
quem non multo post Hunni peremerunt. - Die widersprechende Angabe
les Pseudoprosper ad an. 436 hat kein Gewicht.
Die Gleichheit der Verhältnisse hat nothwendig eine Gleichheit
oder mindestens Aehnlichkeit auch in der Bewegung derselben, in
ihrem sie verändernden Leben zur Folge. Wir erblicken daher
in allen Germanilchen Sagen und Geschichten eine innere Einheit,
wenn gleich die äußere Historie und die freier gelassene
Sage im Detail einander so wenig decken, als der Mythus Eines Volkes
in seinen Verschiedenen Stämmen. Das Vergehen der nach Mittag
hingewandten, zwischen Hunnische Wildheit und Römische festgewordene
Bildung in die Mitte geworfenen Deutschen Stämme mußte
bei den im Norden bleibenden allerdings einen tiefen Eindruck machen.
Die Vandalen zernichteten sich selbst. Die Sueben erlügen den
Westgothen. Die Westgothen wurden von Arabern und Franken zusammengedrängt,
wenn sie sich auch erhielten. Die Burgunder mußten den Franken
weichen. Die Ostgothen, trotz eines Witiges, Ildebald, Toilas und
Tejas, wurden von den Byzantinischen Römern besiegt. Nur Longobarden,
Franken, Baiern, Sachsen wintern sich gleichsam durch.
Quelle: Das
Heldenbuch und die Nibelungen, Karl Rosenkranz, Halle 1829,
S. 73ff
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