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VOM STEINERNEN KOPF AUF DEM DOMTURME ZU BRESLAU

Ein Goldschmiedegesell hatte um die Hand der Tochter seines Meisters angehalten, war aber abgewiesen worden. Aus Verzweiflung darüber wurde er Wegelagerer und Räuber. Als solcher hatte er Glück. Er entging stets den Häschern und kehrte nach längerer Zeit, reich beladen mit Schätzen, in seine Heimat zurück. Hier begehrte er aufs neue die Hand des schönen Töchterleins des Goldschmiedes. Wieder ward sie ihm verweigert.

Wutschnaubend ging er zu seinem Verwandten, dem Turmwächter am Dom. Bei Nacht aber schlich er unbemerkt bis zum Hause des Goldschmieds, zündete es an und kehrte zum Turmwächter zurück.

Neugierig schaute er von dem hohen Turme durch einen engen Spalt nach dem Brande. Je höher er stieg, um so größere Freude empfand er. Aber plötzlich ward ihm ganz eigen zumute. Sein Kopf schien zu schwellen. Und richtig! Wie er versuchte, ihn wieder zurückzuziehen, gelang es ihm nicht. Wie sehr er auch um Hilfe schrie, niemand kam, ihn zu retten, da ja das Feuer, das er entflammt hatte, die Aufmerksamkeit der ganzen Stadt gebannt hielt. Und er starb den elenden Erstickungstod.

So erhielt der Wegelagerer und Brandstifter seinen verdienten Lohn.


Quelle: Sagen aus Schlesien, Herausgegeben von Oskar Kobel, Nr. 4