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DER SCHLOßVOGT Auf dem runden Schloßberge über Tilsit hart am Ufer der Memel hüteten Hirtenknaben aus dem Kämmereidorfe Altpreußen ihr Vieh und standen betrachtend an einer recht in der Mitte des Berges tief in die Erde hinabgehenden Öffnung, erzählten auch einander dies und das, welche Bewandtnis es mit diesem unergründlichen Loche habe: daß vor alten Zeiten hier oben ein Schloß gestanden voll unermeßlicher Schätze, dessen tiefen Graben und doppelte Wälle man noch erkenne; daß dieses Schloß in einer Nacht plötzlich versunken sei, und das Loch sei der bis zur Bergeshöhe heraufreichende Schornstein; bisweilen lasse sich der Schloßvogt sehen, ein altes graues Männchen mit schneeweißen Haaren. Und da wurden die Hirtenknaben sehr neugierig, wie tief diese Höhle sei und ob sich nichts aus ihr erlangen lasse. Sie schleppten ein Seil herbei und banden den jüngsten ihrer Schar, so sehr er sich auch sträubte und schrie, daran und ließen ihn hinunter. Das Seil war zweimal so lang wie der Kirchturm der deutschen Kirche in Tilsit und hing immer noch straff, obgleich sie schon längst das Schreien ihres Gefährten nicht mehr hörten. Endlich ward es leicht und krümmte sich, jener hatte also den Grund erreicht. Sie riefen hinunter - alles blieb still; sie warteten lange und bange - endlich zogen sie das Seil herauf es war leicht und - leer. Voll Angst liefen nun alle vom Berge, und am andern Morgen wagten sie sich nicht wieder zum Schloßberggipfel. Noch trieben sie unentschlüssig auf der Straße, siehe, da kam der Knabe, den sie gestern in den Berg hinabgelassen, ihnen munter entgegen. Seine Taschen und seine Mütze waren voll Gold, und er erzählte nun seinen Kameraden, die ihn neugierig umringten, was ihm geschehen war. Ludwig Bechstein, Deutsches Sagenbuch, Leipzig 1853
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