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DIE HAHNENKRÄHE

In Breslau [Wrocław] arbeitete ein Stellmachergeselle. Er war ein braver und fleißiger Handwerker und hätte gern einen eignen Hausstand gegründet, wenn er nicht zu arm gewesen wäre. Seine in Deutsch-Lissa wohnende Braut liebte ihn aus ganzer Seele. Sie hatte ihm einen Ring verehrt und zugleich das Versprechen gegeben, ihm so lange treu zu bleiben, als der Ring halte. Im Vertrauen auf dieses Gelöbnis seiner geliebten Braut ging er in die Fremde, dort Geld und Gut zu gewinnen, um seine Braut an den Traualtar führen zu können.

Auf seiner Wanderung geriet er aber leider in russische Gefangenschaft und wurde nach Sibirien verschleppt. Hier mußte er in Bergwerken arbeiten. Zwanzig Jahre war er schon in Sibirien und noch bestand keine Aussicht für ihn, aus der Gefangenschaft zu entkommen. Nur der Glaube an die Treue seiner Braut hielt ihn aufrecht.

Da zerbrach sein Ring. Voll Trauer darob wollte er schier verzweifeln. In diesem seinem trostlosen Zustande erschien ihm ein Geist. Der verriet ihm, daß seine Braut am nächsten Tage Hochzeit halten werde.

Seine verzweifelte Stimmung hatte den höchsten Grad erreicht. Da beschloß er, sich dem Teufel zu verschreiben.

Der Teufel erschien und sagte: „Da bin ich. Was willst du von mir?" „Du sollst meine Seele haben", rief er ihm entgegen, „wenn du mich bis zum ersten Hahnenschrei morgen früh bis an meinen Heimatort Lissa bringst."

Der Teufel willigte ein, nahm ihn unter seinen Mantel und flog mit ihm der Heimat entgegen. Als sie eine kurze Strecke hinter Breslau waren, hörten sie den ersten Hahnenruf. Ergrimmt darob, daß sein Pakt mit dem Stellmachergesellen zuschanden ward, ließ ihn der Teufel fallen.

Der Stellmacher eilte sofort nach Lissa in die Kirche und sah dort das Brautpaar zum Altare schreiten. Am goldenen Ringe erkannte ihn seine Braut. Sie verließ sofort ihren zweiten Bräutigam, warf sich dem totgeglaubten Bräutigam in die Arme und ließ sich ihm vermählen.

Der glückliche Ehemann wurde bald ein ehrenwerter Meister, der weit und breit beliebt war. In dankbarer Erinnerung an seine Befreiung ließ er an der Stelle, wo der Hahn gekräht hatte, eine etwa vier Meter hohe achtseitige Steinpyramide mit tabernakelartigem Aufbau errichten und an den vier Seiten des letzteren den gekreuzigten Heiland, einen Reiter, ein lateinisches „W" und einen Hahn einmeißeln. Dieses Mal ist noch heute dort zu sehen, wo die Berliner Kunststraße den Damm der Eisenbahnstrecke nach Posen schneidet.


Quelle: Sagen aus Schlesien, Herausgegeben von Oskar Kobel, Nr. 2