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Wo die Jungfrau zum Fenster hinausschaut

Von Johann Werfring

Im Jahr 1771 kam es unter Kaiserin Maria Theresia zur Einführung der so genannten Konskriptionsnummern. Seither wurden Häuser in Wien mit Nummern versehen. Zuvor hatte noch jedes Gebäude seinen eigenen Namen, der durch ein schmiedeeisernes Schild, eine Holztafel, ein Bild oder eine Skulptur kenntlich gemacht war. In vielen Fällen verwendete man die alten Hausnamen auch noch nach der Maria-Theresianischen Häuserzählung. Bekanntlich führen manche Gasthäuser und Apotheken selbst heute noch ihre alten Namen.

In der Nußdorfer Straße 19, Ecke Fuchsthallergasse, befindet sich ein Wohnhaus, dessen Vorgängerbau einstens einen kuriosen Namen führte: "Wo die Jungfrau zum Fenster hinausschaut". An das alte Hausschild knüpft sich eine Sage, die auf die Wiener Pestzeit zurückgeht und mit dem in den vorangegangenen "Memorabilien" thematisierten Pestlazarett in Zusammenhang steht.

Im Lazarett am Alserbach, das sich, wie berichtet, ehedem an der Stelle des heutigen Arne-Carlsson-Parks im
Kreuzungsbereich der Währinger Straße mit der Spitalgasse befand, wurden in Pestzeiten zahlreiche
Infektionsbedienstete beschäftigt. Unter anderem versah dort ein junger Bursche Dienst, der als äußerst zuverlässig galt und allgemein beliebt war. Seit einiger Zeit jedoch wollte man in seinem Betragen eine merkwürdige Veränderung bemerkt haben und man ging der Sache nach. Es wurde befunden, dass die eigenartige Wesensveränderung des jungen Mannes von einer Liebschaft mit einem Mädchen aus der Umgebung des Pestspitals herrührte.

Dieses Mädchen zeigte sich häufig am Fenster, um mit dem Jüngling zu liebäugeln. So oft es seine
Dienstobliegenheiten zuließen, fand jener sich unter dem Fenster der schönen Maid ein, was den Anrainern freilich nicht verborgen geblieben war.

Weil unser Romeo für das aus vornehmem Haus stammende Mädchen nicht standesgemäß genug war, wurde die Jungfrau von ihren Angehörigen gar oft getadelt, sie möge doch die für eine ehrbare junge Dame gezogene Linie des Anstandes nicht so offenkundig überschreiten. Jedoch kümmerte sich die über beide Ohren Verliebte in keiner Weise um derartige Zurechtweisungen und verharrte tagein tagaus sehr häufig an ihrem Fenster, damit sie nicht etwa das Erscheinen ihres Liebsten verpassen würde.

Als der sehnlichst Erwartete eines Tages jedoch nicht zum Vorschein kam, war die Betrübnis der holden Jungfrau gar groß. Sie beschloss, nicht eher von ihrem Fensterplatze zu weichen, bis sich der junge Mann unten vor dem Haus zeigen würde. Nachdem sie nun schon geraume Zeit auf den vorbeifließenden Alserbach, der zu dieser Zeit nach einem schweren Gewitter hoch angeschwollen war und mit rascher Geschwindigkeit der Donau entgegenfloss, trübselig hinuntergestiert hatte, fuhr sie wie vom Blitz getroffen aus ihrer Versunkenheit empor, als sie plötzlich einen Leichnam auf den Fluten treiben sah. Zuckende Weinkrämpfe überkamen die Unglückselige, als sie erkennen musste, dass es sich bei dem Toten um ihren Geliebten handelte.

Wie sich herausstellte, war der Bursche an der Pest gestorben. In seinem Nachlass hatte man aber mancherlei Habseligkeiten von Pestopfern gefunden, weshalb der Verdacht aufkeimte, er hätte Kranke zu Tode befördert, um an ihre Besitztümer zu gelangen. Aus diesem Grunde gönnten ihm seine Kollegen keine Bestattung in geweihter Erde, sondern warfen den Leichnam in die reißenden Fluten des Alserbaches.

Das Mädchen kam indes nicht mehr zur Besinnung und stürzte sich vom Fenster hinab in den Bach. Später erzählte man sich in Wien, die solcherart Dahingeschiedene könne in ihrem nassen Grab keine Ruhe finden und verharre zu gewissen Zeiten als unsteter Geist an dem nämlichen Fenster, an dem sie einst so oft ihr Glück gefunden hatte.

Einen wahren Kern hat die Geschichte jedenfalls: Ebenso wie in anderen europäischen Spitälern war es in Pestzeiten auch im Wiener Lazarett wiederholt zu schweren Dienstverfehlungen des Infektionspersonals gekommen. Aufsehen erregte vor allem der Prozess von 1679, bei dem mehrere Sanitätspersonen harte Strafen erhielten. Der Vorsteher des Lazaretts wurde sogar zum Tode verurteilt. Ein unbekannter Zeitgenosse verfasste ihm daraufhin eine spöttische Grabschrift mit folgenden Schlussversen:

"Hier ligt begraben
der gestollen hat wie die Raben
Ob Ihn zwar die Pest verschont
so hat ihn doch der Henckher belohnt (...)."

 

Quelle: Johann Werfring: Wo die Jungfrau zum Fenster hinausschaut. In: Wiener Zeitung
(Montagskolumne "Wiener Memorabilien") vom 10.12.2001, S.7.

Hinweis: In den wöchentlich am Montag in der "Wiener Zeitung" erscheinenden "Wiener Memorabilien" erzählt Johann Werfring neben anderen Wiener Denkwürdigkeiten immer wieder auch Wiener Sagen und Legenden.