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Die Speckseite beim Rotenturmtor

Als in Wien noch der alte, rote Turm stand, war hoch auf demselben eine Speckseite aufgehangen, die, aus Holz geschnitten, mit folgender Inschrift umgeben war:

"Befind sich irgend hier ein Mann,
Der mit der Wahrheit sprechen kann,
Daß ihm sein Heyrath nicht gerauen
Und furcht sich nicht für seiner Frauen,
Der mag diesen Backen herunter hauen."

Man erzählt, daß mehr als ein Jahrhundert vorübergegangen, ehe es ein Mann wagte, seine Ansprüche darauf geltend zu machen. Endlich aber erschien einer mit der Behauptung, daß er in seinem Hause unumschränkter Gebieter und demnach mit Recht den Preis fordern könne. Der Magistrat wußte dagegen nichts einzuwenden; er bewilligte die Wegnahme und erließ dazu die nötigen Befehle. Eine große Menge Volkes versammelte sich, um das denkwürdige Schauspiel mit anzusehen. Schon war die Leiter aufgestellt, auf welcher der Mann aller Männer hinaufsteigen und das ominöse Denkmal früherer Zeiten als Siegestrophäe holen sollte; da weigerte er sich plötzlich, den Akt selbst zu vollführen und bat um einen Stellvertreter, indem er hinzufügte: "Ich habe, um als Sieger würdig zu erscheinen, meine besten Kleider angezogen; wie leicht sind sie beschmutzt und ich werde darüber zu Hause von meiner Frau tüchtig ausgescholten." - Das nahe stehende Volk brach in schallendes Gelächter aus; der unumschränkte Gebieter aber zog sich beschämt zurück und verschwand unter der Menge. Wie früher, soll sich auch später kein Mann mehr gefunden haben, der Ansprüche auf die Speckseite erhoben hätte: die gute, alte Inschrift bestand so lange als ihr Träger - der rote Turm. (Austria-Kalender 1843.)

Quelle: Calliano, Carl, Niederösterreichischer Sagenschatz, Wien 1926 - 1936, Bd. 4, 1927, S. 110 f.