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Das Haus zum Küssenpfennig

Paracelsus befand sich um das Jahr 1514 in Wien, wo er in einer Herberge unfern des Roten Turmes wohnte und seinem ungestüm fordernden Wirt einen schlechten Pfennig in eitles Gold verwandelt haben soll. Der Herbergsvater war darob so entzückt, daß er den Pfennig küßte, wovon sein Haus den Namen "Zum-Küß-den-Pfennig" erhielt. Einige Jahre danach wurde an diesem Gebäude ein Gemälde angebracht, das in der Darstellung der damaligen Zeit einen Mann wiedergab, der einen goldenen Pfennig küßt. Darunter befand sich folgende Inschrift, welche mutmaßlich der zeitgenössische Dichter Wolfgang Schmelzl (1548) verfaßte:

Der teure Theophrast, ein Alchimist vor allen,
Kam einst in dieses Haus und konnte nicht bezahlen
Die Zech, die er genoß. Er traute seiner Kunst,
Mit welcher er gewann viel großer Herrn Gunst.
Ein sicheres Gepräg von schlechtem Wert er nahm,
Tingierte es zu Gold; der Wirt von ihm bekam
Dies glänzende Metall. Er sagt, nimm diesen hin;
Ich zahl ein mehreres, als ich dir schuldig bin.
Der Wirt ganz außer sich bewundert solche Sache,
Den Pfennig küsse ich, zu Theophrast er sprach.
Von dieser Wundergschicht, die in der Welt bekannt,
Den Namen führt dies Haus, zum Küssenpfennig genannt.

In dem Hause zum Küssenpfennig befand sich eine Gastwirtschaft "Zum schwarzen Adler". Der vermögende Besitzer derselben hatte als einziges Kind einen Sohn, der eine entfernte, dort bedienstete Verwandte liebte, jedoch auf die Einwilligung des Vaters zur Verbindung mit dem armen Mädchen nicht rechnen durfte. Der berühmte Arzt und Alchimist Paracelsus soll nun oft in dieses Gasthaus gekommen sein und dort mit den Ärzten und Bürgern disputiert haben, vergebens aber wartete der Wirt auf die Berichtigung der Zeche. Eines Tages war großer Skandal daselbst. Das Liebespärchen war vom Vater bei einer zärtlichen Umarmung überrascht worden, und das arme Mädchen erhielt den Befehl, sofort ihr Bündel zu schnüren. Paracelsus legte eine Fürbitte ein, erhielt aber den zornigen Bescheid, lieber seine rückständige Zeche zu bezahlen, als sich in Dinge zu mischen, die nur die väterliche Gewalt angingen. Er drohte zudem, wenn nicht die augenblickliche Bezahlung der Zechschuld erfolge, Paracelsus aus dem Hause schaffen zu lassen.

Der Wundermann nahm einen messingenen Pfennig aus der Tasche und reichte ihn dem Wirt als "Anzahlung", wie er sich ausdrückte, nochmals eine Fürbitte in betreff der Liebenden anschließend. Aber da geriet der väterliche Tyrann ganz aus dem Häuschen. Er warf den messingenen Pfennig fluchend auf den Boden und schwor bei allen Teufeln, daß nur dann, wenn sich derselbe in ein Goldstück verwandle, sein Sohn das arme Mädchen zum Weib nehmen könne.

Da gebot Paracelsus dem Wirt, den Pfennig aufzuheben, und - siehe da! - ein schweres Goldstück lastete in seiner Hand. Der Vater mußte nun seine Zusage halten und vereinigte die Liebenden. Die Nachricht von dem "Wunder" verbreitete sich blitzschnell in der Stadt. Alles strömte herbei, um den Gasthof zu sehen, wo ein solcher Zauber verübt worden. Der Besitzer hatte von da an so viel Zulauf, daß er sein Vermögen verdoppelte. Außer sich vor Freude, küßte er den Goldpfennig unzählige Male, und aus Furcht vor ewiger Verdammnis, wenn er seinen Schwur nicht hielte, ließ er schleunig das junge Liebespaar trauen. Von dieser Zeit an soll das Haus "Zum Küß-den-Pfennig" genannt worden sein.

Quelle: ZÖV 17 (1911) 78 ff.; Gugitz, Gustav, Die Sagen und Legenden der Stadt Wien, Wien 1952, S. 123f.