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Der Basilisk in der Schönlaterngasse

Im Jahre 1212 wollte die Magd eines Bäckers in der Schönlaterngasse zu Wien im Hausbrunnen Wasser schöpfen. Doch wie erschrak sie, als sie im Brunnen etwas Seltsames glitzern sah, das einen gräßlichen Gestank von sich gab. Ein Bäckergeselle, der keine Furcht kannte, ließ sich an einem Seil in den Brunnen hinabgleiten, mußte aber, da er zu schreien anfing, sofort hinaufgezogen werden. Als der zu Tode erschrockene Geselle wieder zu sich kam, erzählte er, im Brunnen ein gräßliches Tier gesehen zu haben, das die Gestalt eines Hahnes mit einem vielzackigen Schuppenschweif, plumpen Füßen und glühenden Augen hatte und auf dem Kopfe ein Krönlein trug. Ein Weltweiser der Stadt wurde zu Rate gezogen, und er erklärte, daß das gräßliche Tier ein Basilisk sei, das aus dem Ei eines Hahnes entsteht, das eine Kröte ausgebrütet hat. Sein Hauch sei giftig: Der Weise gab den Auftrag, das Tier mit einem Spiegel, den man ihm vorhalten solle, zu töten. Denn erblickt der Basilisk sein eigenes Abbild, so ist er von seiner Scheußlichkeit so entsetzt, daß er vor Wut und Ingrimm zerplatzt. Als man darauf dem Basilisken einen Spiegel vorhielt, brüllte er laut auf und verstummte. Dann warf man Steine und Erde in den Brunnen und hatte seitdem Ruhe. In Erinnerung an dieses seltsame Ereignis ließ ein späterer Besitzer des Hauses einen steinernen Basilisken an der Stirnwand anbringen, der noch heute zu sehen ist.

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Zu Anfang des 13. Jahrhunderts lebte im Hause Schönlaterngasse Nr. 7 der Bäckermeister Martin Garhibl, ein böser, hartherziger und geiziger Mann, der seinem holden Töchterchen Apollonia und seinen Gesellen schwere Stunden bereitete, so daß von den letzteren nur Hans der Gelbhaar allein bei dem bösen Meister aushielt. Was die Ursache des Bleibens des Gesellen Hans bei dem bösen Meister war, ist leicht zu erraten. Nach einiger Zeit bat Hans den Vater um die Hand seiner Tochter. In hellem Zorn wies ihm jedoch der erboste Meister die Tür, mit dem höhnischen Ruf: "Sobald dieser Hahn, der sich so patzig wie du benimmt, ein Ei gelegt haben wird, sollst du meine Tochter zum Weibe erhalten!"

Nach einiger Zeit, als eben der Vater wieder einmal, nachdem Hans seiner Wege gezogen, seiner Tochter seinen Schwur wiederholte, hörte man den Hahn kräftig krähen und gackern und sah noch, wie er über das Dach flog. Im selben Augenblick erscholl im Hofe des Bäckerhauses ein Schreckensschrei. Durch die rasch zusammengelaufene Menge bahnte sich der Stadtrichter Jakob von der Hülben mit seinen Knechten Bahn, um nach dem Rechten zu sehen.

Nun hieß es, die Magd sei eben am Brunnen gewesen, um Wasser zu schöpfen, sei aber zu Tode erschrocken, als aus dem Brunnen verwunderliches Geflunker blitzte und greulicher Gestank hervordrang. Ein mutiger Lehrjunge, der sich, an ein Seil gebunden, in den Brunnen hinabgelassen hatte, erzählte, daß unten ein greuliches Tier mit zackigem Schuppenschweife, wunderlich glühenden Augen und warzigen Füßen sitze und auf dem Kopfe ein Krönlein trage. Es sehe aus, als wäre das Ungetüm aus einem Hahne, einer Schlange und einer Kröte zusammengesetzt.

Ein gelehrter Doktor erklärte endlich der erstaunten Menge, daß das Tier ohne Zweifel ein Basilisk sein müsse, den schon der berühmte Plinius beschrieben habe. Es könne nur getötet werden, wenn man ihm einen Spiegel vorhalte, denn dann entsetze sich das Unwesen so über sein eigenes Aussehen, daß es vor Wut zerberste.

Zum Glück nahte ein Retter in der Gestalt des verschmähten Hans. Er ließ sich, einen Spiegel als Schild vorhaltend, in den Brunnen hinab, worauf der Basilisk zersprang.

BASILISK © Georg Hofer

Äußerst seltenes Foto eines Basiliken, Detail
fotografiert durch einen Spiegel, zum Schutz des Fotografen
© Georg Hofer, www.amateurfotografie.com, September 2004

Zum Lohne für die Rettung vom Basilisken mußte der Bäckermeister wohl oder übel einwilligen, daß Hans seine Tochter heimführte.

Um aber diese Begebenheit den Nachkommen dauernd ins Gedächtnis einzuprägen, wurde ein getreues Abbild des Basilisken an der Außenmauer des Hauses angebracht, wo er sich noch heute befindet.

In einer Nische des Hauses wurde bei dessen Renovierung im Jahre 1577 eine Inschrift angebracht, die leider seit Anfang des 18. Jahrhunderts spurlos verschwunden ist:

"Anno Domini MCCII ward erwählt Kaiser Friedrich II. Unter seinem Regiment ist von einem Hahn entsprungen ein Basilisk, welcher obenstehender Figur gleich, und ist der Brunnen voll angeschüttet worden mit Erde, darinnen ein solches Tier gefunden worden ist, ohne Zweifel, weil ob seiner giftigen Eigenschaft viel Menschen gestorben und verdorben sind. Renoviert Anno 1577 durch den Hausherrn Hans Spannring, Buchhändler."

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Nach den ältesten Annalen Wiens soll sich hier im Jahre 1212 ein Basilisk oder der sogenannte Eidechsenkönig gezeigt haben; eine Sache, die damals großes Aufsehen machte und von der Fama weit und breit ausposaunt wurde. Wie wichtig in jenen Zeiten des Aberglaubens eine solche Erscheinung war, kann man daraus entnehmen, daß der Verfasser des bekannten "Iter Alemannicum" mit ernster Miene berichtet, daß sich unter den Seltenheiten des berühmten Klosters Maria-Einsiedeln in der Schweiz ein wahrhafter Basilisk befunden habe.

Solche Ungeheuer wurden vormals in vielen Naturaliensammlungen gezeigt; sie erwiesen sich aber als betrügerische Zusammensetzungen vereinzelter Teile von verschiedenen Tieren, von Gauklern verfertigt und von Leichtgläubigen um schweres Geld gekauft.

Dieser Wiener Basilisk soll in dem tiefen Brunnen des Hauses Nr. 678 in der Schönlaterngasse, gegenüber dem Hause zur schönen Laterne, gefunden worden sein. Dieser unwillkommene Hausgenosse ist noch, obgleich sehr verwittert, an der Gassenwand dieses Hauses zwischen den Fenstern des zweiten Stockwerks in roher Steinarbeit zu sehen, und es wird davon das Haus noch heute "Zum Basilisken" genannt.
Einst waren an dem steinernen Ungetüm der Kamm oder die Krone und der Schweif von Eisen; darunter waren die beiden Wappen der Stadt Wien angebracht, nämlich das Kreuz und der im Jahr 1461 durch Kaiser Friedrich III. der Stadt verliehene Doppeladler mit folgender, schon seit einem Jahrhundert verschwundenen Inschrift:


"Anno Domini MCCXII ward erwählt Kaiser Friedrich II. Unter seinem Regiment ist von einem Hahn entsprungen ein Basilisk, welcher obenstehender Figur gleich; und ist der Brunnen voll angeschüttet worden mit Erde, darinnen ein solches Tier gefunden worden ist: ohne Zweifel, weil ob seiner giftigen Eigenschaft viele Menschen gestorben und verdorben sind. Renoviert Anno 1577 durch den Hausherrn Hans Spannring, Buchhändler."

Die Rockenphilosophie gibt diesem Tier ungefähr die Gestalt eines kalkutischen Hahnes mit einer großen blauen Nase, feurigen Augen, großen Stacheln am Hinterkopf, am Hals und am Rücken, mit Schuppen über den ganzen Leib und drei Hörnern auf dem Kopf. Der Fabel nach soll er sein Entstehen einem Hahn verdanken, der in seinem 15. Jahrhundert ein Ei legt, aus welchem der Basilisk kommt. Dieses Ei brüte eine Kröte aus, und diese sei die Hebamme des Wundertiers, welchem feuchte Keller und dunkle Gewölbe zur Wohnung dienen. Es wurde für so giftig gehalten, daß es durch seinen bloßen Anblick tötete. Wollte man es umbringen, so mußte man ihm einen Spiegel vorsetzen, damit es sich selbst ansehen könne, worauf es vor Zorn und Ärger über seine häßliche Gestalt zerplatzte.

Quelle: Mailly, Anton von, Niederösterreichische Sagen, Leipzig/Gohlis 1926, S. 27
Calliano, Carl, Niederösterreichischer Sagenschatz, Wien 1926 - 1936, Bd. 5, 1936, S. 23 f.
Realis (=Gerhard Cockelberghe-Duetzele), Geschichten, Sagen und Merkwürdigkeiten aus Wiens Vorzeit, Wien 1846, S. 153 f.