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DER ZAHNWEHHERRGOTT

Fromme Frauen hatten das Haupt der Christusstatue mit einem Blumenkranz geschmückt und diesen mit seidenen Bändern unter dem Kinn festgebunden, damit der Wind, der ständig um den Stephansdom bläst, keinen Schaden anrichten könne.

Zahnwehherrgott, © Wolfgang Morscher

Der Zahnwehherrgott
Orginal vom früheren Friedhof
© Wolfgang Morscher, 28.07.2001

Eines Abends kamen die drei Zechbrüder Diepold, Georg und Wendelin nach einem feuchtfröhlichen Wirtshausbesuch an der Statue vorbei und lästerten. "Schau", rief der eine, "unser Herrgott hat Zahnweh!" "Wundert dich das, er steht ja jahraus, jahrein im Zug", lallte der andere. "Wir werden ihm einen Zahn ziehen müssen", spottete der dritte. Lachend zogen sie weiter, jeder seiner Behausung zu. Doch Junker Diepold konnte kein Auge zutun. Unruhig wälzte er sich von einer Seite auf die andere, als plötzlich heftige Zahnschmerzen den müden Zechgenossen zu quälen begannen. Wütend sprang er aus dem Bett und rannte im Zimmer auf und ab. Dann griff er zur Schnapsflasche und tat einen großen Schluck. Aber alles war umsonst. Die Schmerzen wurden immer unerträglicher. Auch der herbeigerufene Doktor Paracelsus konnte die Ursache der Beschwerden nicht feststellen. "lhr seid heute schon der dritte in Wien, der über Zahnschmerzen klagt, ohne daß ich einen Grund entdecken könnte. Eben komm' ich von den Junkern Georg und Wendelin. Ihr müßt von der Zahnpest befallen sein, die ich leider nicht heilen kann. Das vermag nur Gott im Himmel, wenn ihr ihn aufrichtig darum bittet", sprach der Arzt mit ernster Miene und verließ schleunigst das Haus.

Da erkannten die drei Junker, daß das die Strafe für ihr frevelhaftes Lästern war. Reuevoll schlichen sie zur Christusstatue, um Abbittefür ihre leichtfertigen Spötteleien zu leisten. Wie lachten da die Vorübergehenden, als sie die stadtbekannten Trunkenbolde andächtig vor dem Herrgott knien sahen.

Zahnwehherrgott, © Wolfgang Morscher

Der Zahnwehherrgott
Kopie an der Ostseite der Domkirche St. Stephan
© Wolfgang Morscher, 28.07.2001

Weil sie gar so innig beteten und ehrlich bereuten, verschwanden die Schmerzen so schnell, wie sie gekommen waren.


Quelle: Der Stephansdom im alten Wien - Geschichte und Geschichten, Elisabeth Jaindl, Wien 1997, S. 23