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WIND UND REGEN AUF DEM STEPHANSPLATZ

Dem Teufel mißfiel der Stephansdom, und erfaßte den Plan, den Turm samt der Kirche zu zertrümmern. In der Hölle mußten seine Unterteufel einen mächtigen Blitzstrahl schmieden, mit dem er der Kirche einen argen Schaden zufügen wollte. Um Mitternacht ballte der Böse eine riesige Gewitterwolke über dem Kahlenberg zusammen, setzte sich mittendrauf und zog - den Blitzstrahl in seinen langen, spitzen Klauen haltend - gegen den Stephansdom. Unter furchtbarem Getöse ließ er ein Unwetter über Wien nieder und den Blitz schleuderte er mittendrein.

Obwohl ein Hirschgeweih auf einer der obersten Steinrosetten des Turmes angebracht worden war, das nach damaligem Aberglauben den Turm vor Blitzschlag schützen sollte, bebte die Erde sekundenlang und die verängstigten Wiener fielen betend auf die Knie.

Nun glaubte der Teufel, daß es ordentlich eingeschlagen hätte und zog sich befriedigt in die Hölle zurück. Wie staunte er am nächsten Morgen, als der Dom noch immer in seiner ganzen Schönheit dastand. (Die Kirche war kräftig geweiht worden und stand unter besonderem Schutz der Heiligen, da konnten auch des Teufels Kräfte nicht viel ausrichten.)

Nur die Spitze des Domes hatte einen kleinen Schaden erlitten. Als mutige Handwerker den Turm erklommen, um den Schaden zu beheben, setzte sich der Satan mit dem Wind und dem Regen ins Bündnis.

Täglich mußten seine Bundesgenossen den Dom besuchen, und der Teufel hoffte, daß dies die Bauleute von der harten Arbeit abhalten würde. Doch der Meister und die Gesellen gingen mit frommem Gebet ans Werk, und so konnte ihnen die Macht des Bösen nichts anhaben. Zornig und unverrichteter Dingefuhr der Leibhaftige zur Hölle hinab.

Leider vergaß er, den Wind und den Regen abzubestellen. Seit damals umbrausen sie wütend und laut klagend den Stephansplatz, damit sie der Höllengeist fände und von ihrem Schicksal erlöse. Doch dieser hatte sie längst vergessen,' und so dichteten die Wiener den Spottvers:

"Ist das schönste Wetter im Lande ein und aus, sind Wind und Regen am Stephansplatz zu Haus'!"


Quelle: Der Stephansdom im alten Wien - Geschichte und Geschichten, Elisabeth Jaindl, Wien 1997, S. 11