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MEISTER PILGRAM

Wenn man von der Seite des Riesentores oder Haupteinganges der Kirche an der linken Seitenwand bis ungefähr in die Mitte des Schiffes kommt, so zeigt sich ein äußerst künstlicher, aus einer steinernen Knospe entwickelter, von unten nach oben sich ausbreitender Blumenkelch, welcher, oben mit leichten zierlichen Spitzbögen umrandet, einst als Chor eine Orgel trug. Daran erblickt man unten eines Mannes Bild, altersgrau, ja geschwärzt, aus einer Fensteröffnung hervorgelegt, das hält in der Rechten einen Zirkel, in der Linken ein Winkelmaß. Buschige Haare überwallen Haupt und Rücken, und erstere deckt ein altdeutsches Barett. Der Hals ist bloß und offen, das Oberkleid zeigt Bauschärmel, das Untergewand ist an der Brust mit Riemen zugeschnürt. Das Gesicht ist bartlos, mager und hager, zeigt lebenvolle, starke Züge, hervorragende Backenknochen, eingefallene Wangen und breites Kinn. Darunter die Buchstaben M. A. P.

Meister Pilgram, © Wolfgang Morscher

Meister Pilgram, St. Stephan
© Wolfgang Morscher, 28.07.2001


Dieses Bild stellt den Meister Anton Pilgram dar, den Schöpfer dieses kunstvollen Orgelchors, der prachtvollen und über alle Maßen kunstreichen steinernen Kanzel und - des weltberühmten Stephansturmes. (Neuere Forschungen vindizieren dies Bild am Chor und Kanzel dem Meister Buchsbaum.)

Zum Turme wurde zwar bereits im Jahre 1360 durch Herzog Rudolph der Grund gelegt, aber den Hochbau begann und setzte Meister Pilgram von 1407 an fort und vollendete ihn 1433.

Eine alte Chronik sagt aus, daß bis zu 1407 kein behauener Stein an und in dem Turme sei, der nicht an Wert und Arbeit einen Dukaten halte, und daß bis zu jener Zeit bereits am Turme allein mehr als vierundvierzigtausend Gulden verbaut worden.

Der Taglohn für einen Steinmetzen war S Pfennige, für die übrigen Werkleute und Handlanger nur 3 Pfennige.

Hoch oben unter der Spitze des kunstreich durchbrochenen Münsterturmes brachte Meister Pilgram an den vier Ecken Hirschgeweihe an, und nicht weit davon abwärts eine in Stein gehauene Viehweide, zum Wahrzeichen, daß vor alters in dieser Gegend nur Wald und Weide gewesen sei. Von diesen Zeichen soll der Gebrauch stammen, daß man alljährlich zur Zeit des Kirchweihfestes an die Fahnen, welche an den vier Ecken des Turmes aufgesteckt wurden, Viehschellen hing, die harmonisch im Winde tönten.

Der Turm neigt sich an seiner Spitze merklich nordwärts, die Abneigung beträgt über drei Schuh; das habe er getan, geht die Sage, bei der ersten Belagerung Wiens durch die Türken.

In der Nähe des großen und kunstreichen Uhrwerkes ist ein kleines Stübchen für die Feuerwächter und vor demselben so viel Raum, daß man darauf bequem Kegel schieben kann, was sonst für eine gar große Merkwürdigkeit des Stephansturmes erachtet wurde.


Quelle: Volkssagen, Mährchen und Legenden des Kaiserstaates Österreich, Ludwig Bechstein, 1840