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DIE HERZOGSGRUFT IM STEPHANSDOM

Rudolf IV. der Stifter nahm sich seinen Schwiegervater Karl IV. vielfach zum Vorbild. Dieser baute in Prag den großen St.-Veits-Dom und gründete daselbst auch die erste deutsche Universität. Rudolf IV. baute die Stephanskirche und gründete die Wiener Universität. Der Bau der Stephanskirche lag dem edlen Erzherzoge ungemein am Herzen. Bevor er nach Italien zog, um von dort seine zweite Braut heimzuführen (seine erste Frau war frühzeitig gestorben), lud er seine zwei Brüder Leopold den Biederen und Albrecht ein, mit ihm in die Stephanskirche zu gehen. Dort führte er sie an eine Stelle vor dem Hochaltar. Hier sahen sie zu ihrem Erstaunen eine tiefe Gruft. Diener waren zur Stelle, welche brennende Fackeln in der Hand hielten. Nun stiegen alle auf sein Geheiß in die Gruft hinab. Hier sprach Rudolf: "Meine lieben Brüder! Diesen großen Dom habe ich dem ewigen Gott zu seinem Ruhme und zu seiner Ehre zu bauen begonnen. Hier sollen andächtige Gebete von Millionen Menschen zum Himmel emporsteigen; es soll diese Kirche ein Wahrzeichen des frommen Sinnes unseres Hauses bleiben bis in die fernsten Zeiten. Ich muß nun fort in weite Ferne und weiß nicht, ob es mir nach Gottes weisem Ratschluß beschert bleiben wird, an diesem ehrwürdigen Gotteshause weiterzubauen, wie es meines Herzens innigster Wunsch ist. Reicht mir eure Rechte, meine lieben Brüder, und schwört mir, daß ihr mich in dieser Gruft als den ersten zum ewigen Frieden betten werdet, die nun fürder die Herzogsgruft unseres glorreichen Hauses sein soll. Schwört mir aber auch, daß ihr und eure Nachfolger nicht ruhen und nicht rasten werdet, bis der stolze Bau vollendet dasteht."

Tief ergriffen reichten ihm die Brüder ihre Hand zum heiligen Schwur.
Dann verließen sie die Gruft, und die schweren Grabsteine deckten bald dieselbe.

Nicht lange darauf verließ Rudolf sein so heiß geliebtes Wien, und die Segenswünsche des ganzen Volkes begleiteten ihn auf seinem Zuge.

Ein Jahr war vergangen. Da gab es große Trauer in Wien und ganz Österreich. Der von seinem Volke so geliebte und so verehrte Fürst Rudolf IV. der Stifter lag auf der Totenbahre. Sein Herz schlug nicht mehr, das so ganz seinem Volke gehört hatte. Sein willensstarker Geist war nicht mehr, der Österreichs Größe begründete. Ganz Wien nahm Anteil an dem schmerzlichen Verlust, aus ganz Österreich waren Tausende herbeigeströmt, um dem edlen Herrscher das letzte Geleite zu geben. Hinabgesenkt wurde er in die Gruft, die er zur ewigen Ruhestätte für sich und seine Nachfolger gestiftet. Schmerzdurchwühlt, aber, wie es edlen Menschen ziemt, gottergeben standen wieder seine Brüder an der heiligen Stätte, wie sie ihm einst den Schwur geleistet. Sie reichten sich über dem Sarg ihre Rechte und erneuerten stumm ihren heiligen Schwur. Und was sie schworen, haben sie und ihre Nachfolger treu gehalten. Stolz erhob sich der große Stephansdom zu des Himmels Höhen als Wiens größtes und schönstes Wahrzeichen fürstlicher Frömmigkeit und fürstlichen Kunstsinnes für ewige Zeiten.


Quelle: Holczabek/Winter, Sagen und Geschichten der Stadt Wien. 3. Auflage, Wien 1894