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GEVATTER TOD

Ein armer Weber suchte einstfür sein zwölftes Kind einen Paten, der es aus der Taufe heben sollte. Niemand in der Verwandtschaft und Bekanntschaft, die der Mann aufsuchte und um diesen Gefallen bat, wollte Gevatter für den kleinen Erdenbürger sein. Unverrichteter Dinge mußte der arme Mann wieder zu den Seinen heimkehren. Traurig ging er durch den dichten Wald dem bescheidenen Häuschen zu und sagte: "Ach wenn ich doch sterben könnte". Im nächsten Augenblick spürte der Weber eine eiskalte Hand auf seiner Schulter. "Du hast mich gerufen; ich bin der Tod, was kann ich für dich tun ", fragte eine hohe, dürrbeinige Gestalt. So gern der Mann vorher gestorben wäre, so gerne wollte er jetzt leben. "Ich suche einen Paten für meinjüngstes Kind. Aber ichfinde niemanden, der es aus der Taufe heben will", antwortete der Weber betrübt. "So will ich dieses Amt übernehmen", sprach der Tod. Und so geschah es.

Nach der Taufe zog der schwarzgekleidete Pate den Vater beiseite und sagte: "Da ich weder Gold noch Silber besitze, das ich deinem Kind als Patengeschenk geben kann, will ich dich zu dem berühmtesten Doktor aller Zeiten machen. Wenn du zu einem Kranken gerufen wirst, werde ich -für andere unsichtbar - entweder zu dessen Haupte oder zu dessen Füßen sitzen. Sitze ich zum Haupte, soll es dir zeigen, daß Hoffnung auf Genesung besteht und du kannst ein teures Medikament verabreichen; sitze ich zu seinen Füßen, so wird er sterben. Durch diese Gabe konnte der Weber viele Krankheiten heilen, denn er wußte, ob bei dem Kranken, der sich seiner Behandlung anvertraut hatte, die Arzneien Hilfe brächten, oder ob der Patient sterben müsse. Bald wurde der einst so arme Weber ein reicher und angesehener Arzt.

Als der kaiserliche Kämmerer Wilhelm Graf Auersperg im Jahr 1487 schwer erkrankte, sah der herbeigeholte Wunderdoktor den Tod bereits zu seinen Füßen sitzen. Die Angehörigen waren über die Diagnose untröstlich und boten dem Arzt ein Vermögen, wenn ihm die Heilung des Grafen gelänge. Da griff Urssenbeck zu einer List: Flugs ließ er das Bett des Kranken umdrehen, sodaß der Tod zu dessen Haupte zu sitzen kam. Damit war der Graf dem Tode entrissen und wurde wieder gesund.

Auf dem Nachhauseweg stand plötzlich der Tod vor ihm. "Du Unglücklicher, warum hast du mich hinters Licht geführt' Für das Leben, das du dem Reichen zurückgegeben hast, mußt du nun sterben ", sprach der Sensenmann mit drohender Stimme und verschwand.

Gotische Grableuchte vom ehemaligen Friedhof zu St. Stephan, © Wolfgang Morscher

Gotische Grableuchte vom ehemaligen Friedhof zu St. Stephan
© Wolfgang Morscher, 28.07.2001

Am nächsten Tag fand man den Leichnam des Arztes. Unter Anteilnahme der Bürger der ganzen Stadt wurde er am Friedhof zu St. Stephan begraben.


Quelle: Der Stephansdom im alten Wien - Geschichte und Geschichten, Elisabeth Jaindl, Wien 1997, S. 14