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DER FAHNENSCHWINGER VON ST. STEPHAN

Der Kaiser Leopold I. hielt nach der Rückkehr von der Kaiserkrönung am 1. Oktober 1658 seinen feierlichen Einzug in Wien. Die Stadt war auf das prächtigste geschmückt; Flaggen, Fahnen, Reisiggirlanden, Triumphpforten, weinspendende Brunnen gab es in Hülle und Fülle. Der Graben und Stock-im-Eisen-Platz waren gleichfalls festlich herausgeputzt; besonders letzterer war von einer zahllosen Menge Neugieriger besetzt; denn von der Rose des Stephansturmes sollte, einer alten Sitte gemäß, beim Betreten des Platzes durch den Kaiser eine riesige Fahne geschwungen werden. Gabriel Salzberger, einen Gärtnerburschen, hatte der ausgesetzte Lohn von zwölf Reichstalern bewogen, das beschwerliche und gefährliche Amt des Fahnenschwingers zu übernehmen. Er saß nun schon zeitlich am Nachmittage auf seinem luftigen Posten und blickte wohlgemut hinaus in die weiten Gefilde. Noch stand die Sonne am Himmel, noch sandte ihm der Schneeberg Grüße herüber; noch konnte er das bunte Gewimmel in den Straßen, in denen, Ameisen gleich, die Menschen auf- und niederwallten, bemerken - stolz blickte er von seinem hohen, luftigen Throne hinab auf die Tausende von Menschen, die im feierlichsten Momente des Festes, da er gleichsam vom Himmel aus dem Kaiser Grüße darbringen sollte - nur unter seinem Banne stehen würden. Da blitzt es auf der Burgbastei, Rauch wirbelt empor, dumpfes Knallen durchzittert die Luft - der Kaiser ist auf dem Getreidemarkt angelangt, wo er von einem Festzelte aus die huldigende Ansprache des Bürgermeisters entgegennimmt. Nun wird es gewiß nicht mehr lange dauern, bis der Kaiser seinen Einzug in den ehrwürdigen Stephansdom hält, um hier dem feierlichen Tedeum beizuwohnen. Dem Fahnenschwinger wurde ob des langen Harrens bange; denn die Sonne war bereits hinter die Berge gesunken, Nebel zogen träge daher, breiteten sich auf der weiten Fläche gespenstig aus und bedeckten schon Berge, Fluren und Wälder; wohl konnte er noch die Häuser und Straßen der Stadt wahrnehmen; bleibt aber der Kaiser noch länger aus, dann bricht das Dunkel der Nacht herein und dann - da kommt er endlich, endlich der Kaiser, die Freudenrufe der Menge dringen an das Ohr des armen Burschen, das Blinken der Waffen und der Goldgewänder belehrt ihn, daß der Kaiser nahe und schnell ist die Fahne entrollt und flattert weit hinaus in die Luft - des Volkes tausendstimmiges Hoch durchbraust die Luft! ... Der Kaiser tritt in den Dom, und die heilige Handlung wird vollzogen, worauf der Herrscher in die Burg zurückkehrt.

Auch die Menge ist bald zerstoben; in den Straßen wird es ruhig; in den Häusern sind die Lichter bereits angezündet; am Himmel erglänzen schon die hellen Sterne, und in den Trinkstuben wird es laut und lebendig.

Nur einer nimmt nicht an der allgemeinen Freude teil; ein Verlassener und Vergessener sitzt hoch oben auf der Rose des Stephansturmes und harrt bange auf Erlösung. Es ist dies der Fahnenschwinger, der sich ängstlich an die Turmrose klammert, seine Augen schließt, um nicht in den schauerlichen, schwarzen Abgrund schauen zu müssen, der ihn von allen Seiten her gähnend umgibt. Und der kalte Herbstwind rast daher und heult seine unheimlichen Melodien; da pfeift's und knarrt's und kracht's und poltert's, als käme der Jüngste Tag heran. Von Frost und Angst geschüttelt, macht der Fahnenschwinger seine Rechnung mit dem Himmel ab, denn er weiß, daß er die Sonne am nächsten Morgen nicht mehr werde leuchten sehen.

Stunde um Stunde verrann, ohne dem Ärmsten Erlösung zu bringen. Der Kirchenmeister hatte des armen Gärtnerburschen völlig vergessen, und erst um Mitternacht erinnerte er sich desselben. Schnell eilte er auf den Turm, und unter dem Beistande seiner Gehilfen holte er den armen Fahnenschwinger herab. Wie erstaunte er aber, als er bei dem hellen Lichte in der Stube statt eines jungen frischen Burschen einen Greis vor sich sah! Die Angst hatte das Haar des Burschen gebleicht und die Züge gealtert. Der Ärmste verfiel bald darauf in eine schwere Krankheit und schwebte mehrere Wochen zwischen Leben und Tod; endlich genas er wieder, doch seine Jugendfrische und Lebensfreude waren auf immer dahin.


Quelle: Die schönsten Sagen aus Wien, o. A., o. J., Seite 168