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DES TREUEN VORLAUF UND SEINER GEFÄHRTEN GRABMAL

Vor dem Eingange zur kaiserlichen Gruft im Münster ist ein rotmarmorner Denkstein ersichtlich mit messingeingelegter Schrift. Dieser zeigt die Namen Conrad Vorlauf, Kunz Rampersdorfer und Hans Rock, der erste Bürgermeister, die beiden anderen Ratsherren der Stadt Wien.

Die Herzoge Leopold und Ernst, Brüder, hatten sich entzweit auf Tod und Leben um die Vormundschaft des Knaben Albrecht, nachherigen römisch-deutschen Kaisers. An dieser Entzweiung nahm auch das Volk Anteil, spaltete sich in zwei Parteien, und während das niedere Volk und die Handwerker zu Leopold hielten, standen der Stadtrat und die Patrizier zu Herzog Ernst. Es gerieten aber die obengenannten drei Männer in die Gewalt Herzog Leopolds, und er ließ sie alle drei hinrichten. Dies geschah im Jahr 1408.

Wie die drei Todesgenossen auf dem Blutgerüste standen, umarmten sie einander zärtlich, und es griff der Nachrichter zuerst nach dem Ersten, Ältesten, dem Ratsherrn Rampersdorfer; da trat aber der Bürgermeister Vorlauf vor und sprach laut: „Der Vorlauf war euer aller Vorläufer in dieser Sache, womit wir zwar nicht meinen konnten, den Tod zu verschulden gegen Albrecht, unsern rechten Herrn, und auch jetzt noch soll mein Name wahr bleiben durch die Tat! Euer Bürgermeister soll euer Vorläufer sein im Tode, wie im Leben!"

Damit fiel er auf die Knie, des Todesstreichs gewärtig, und empfahl Gott seine Seele.

Starr und bebend stand der Nachrichter, und das Schwert zitterte in seiner Hand, und vermochte es nicht zu schwingen gegen den Nacken des Gerechten.

Aber Vorlauf blickte nach ihm um und ermahnte ihn: "Zage nicht, sondern warte deines Amtes! Ich verzeihe dir von Herzen den Streich, der mich unschuldig trifft! Führe ihn herzhaft und rasch!"

Als die drei Männer enthauptet waren, blieben ihre Leichen noch bis gegen Abend auf dem Schafott, dann wurden sie nach Sankt Stephans Friedhof gebracht.

Noch heute rühmt der Grabstein ihren treuen Tod.


Quelle: Volkssagen, Mährchen und Legenden des Kaiserstaates Österreich, Ludwig Bechstein, 1840