SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Österreich >> Wien >> Die Belagerung Wiens aus der Sicht der Türken

   
 

Der Goldene Apfel

Als Sultan Süleyman die Festung Wien belagerte, tat es ihm leid, den herrlichen Turm der Stephanskirche, der doch einmal ein Minarett sein würde, zu beschießen. Aber er sollte bis dahin sein Wahrzeichen tragen. Er ließ eine massive Kugel aus zwei Zentnern puren Goldes anfertigen und sandte sie mit dem Befehl in die Stadt, sie auf die Spitze des Turmes zu setzen. Noch in der nämlichen Nacht vollzog der irrgläubige König das Gebot, und seither heißt Wien der Goldene Apfel der Deutschen und Ungarn. Als der Sultan wegen plötzlichen Einbruchs des Winters die Belagerung aufheben mußte, ließ König Ferdinand sofort über dem Apfel einen goldenen Mond und eine Sonne aus Silber aufpflanzen. Der Sultan erfuhr davon und zwang durch einen Feldzug, in dem er dem anmaßenden Giaurenkönig 176 Burgen entriß und seine Länder schrecklich verheerte, Sonne und Mond wieder herabzunehmen. Später brachen die Giauren erneut den Vertrag, indem sie unter dem Vorwand, nur eine Windfahne aufzusetzen, ein goldenes Kreuz anbrachten. Aber gewiß wird sich noch einmal dereinst ein kriegerischer und hochmögender Großherr wie Sultan Süleyman finden, der auch dieses Kreuzrad von der Kugel herabholt.

Quelle: Kreutel, Richard F., Im Reiche des goldenen Apfels (Osmanische Geschichtsschreiber, Bd. 2), Graz 2. A. 1963, S. 122 ff.